WM 2018: Kroatien ist das Land der Ballkünstler

WM-Halbfinalist: Kroatien ist das Land der Ballkünstler

Wenn es um Mannschaftssport mit einem runden Spielgerät geht, ist Kroatien fast immer vorne dabei. Wasserballer und Handballer spielen schon lange um große Titel mit – jetzt planen die Fußballer den großen Wurf.

Kroatien hat 4,2 Millionen Einwohner. Das sind in etwa so viel wie in Rheinland-Pfalz – nur dass die Pfälzer bislang nicht im Verdacht stehen, sich zur Weltmacht in Sachen Ballsportarten aufzuschwingen. Kroatien dagegen ist eine der führenden Nationen im Welthandball, hat stets großartige Basketballer hervorgebracht und ist im globalen Wasserball sogar das Maß aller Dinge: Seit 2007 holten die Spieler mit den rot-weiß karierten Badekappen bei den alle zwei Jahren ausgetragenen Weltmeisterschaften immer eine Medaille und sind amtierende Titelträger. „Wenn es um einen Mannschaftssport geht, bei dem ein Ball mit im Spiel ist“, sagt der langjährige Leiter der DFB-Fußballlehrer-Ausbildung, Erich Rutemöller, „dann sind die Kroaten mit dabei.“

Deshalb hatte der Sportvorstand von Fortuna Düsseldorf die Mannschaft im Karo-Dress auch bereits vor Beginn der Fußball-WM auf seinem Zettel. Aber dort hatten die Kroaten seit dem dritten Platz 1998 in Frankreich schon oft ihren Stammplatz, auf den Zetteln vieler Experten sogar. Doch rechtfertigen konnten sie diese Vorschusslorbeeren selten. Störende Egoismen vermeintlicher Stars, allzu viel Ballverliebtheit und mangelnde Konzentration in entscheidenden Turnierphasen machten den Kickern vom Balkan regelmäßig einen Strich durch die Rechnung.

Die bittere Bilanz der vergangenen Endrunden: 2002, 2006 und 2014 jeweils in der Vorrunde gescheitert, 2010 gar nicht erst für Südafrika qualifiziert. Ein Desaster für das ballverliebte Volk, das deshalb die aktuellen Erfolge in Russland in vollen Zügen genießt.

Auf den ersten Blick scheint zwar eine Menge Glück mit im Spiel zu sein: Nach einer starken Vorrunde benötigten die Kroaten gegen Dänemark und Gastgeber Russland zwei Elfmeterschießen für den Sprung ins Halbfinale. Doch wer allein Glück als Faktor ausmacht, springt zu kurz. Schon allein, was das Elfmeterschießen anbelangt. Torhüter Danijel Subasic ist kein Glücksritter, sondern ein Keeper von der Sorte, dem man beim Nervenspiel vom Punkt höchstens seinem ärgsten Feind als Kontrahenten wünscht. Der 33-Jährige von der AS Monaco ist reaktionsstark und nutzt das Regelwerk bis in seine finsterste Ecke aus. Und Luka Modric und Ivan Rakitic treffen in den gefürchteten Entscheidungsrunden nach Belieben.

Überhaupt Modric: Der Stratege des Champions-League-Siegers Real Madrid ist in der Form seines Lebens. Das zeigt sich in herausragendem Passspiel und gefährlichen Abschlüssen, besonders aber in seinem mitreißenden Laufspiel. Der 32-Jährige ist der unumstrittene Chef. Einer, zu dem selbst Kollegen wie Mario Mandzukic, Dejan Lovren und Rakitic, die selbst hochdotierte Stars in großen Klubs sind, aufschauen, weil er sich für keine Arbeit zu schade ist. Das macht den Unterschied zum Kroatien früherer Turniere aus – Modric führt ein Team, das Egoismen zurückstellt und Teamgeist entwickelt hat. Das Einzige, was die Karo-Kicker stoppen kann, ist das Konditionsproblem, das in beiden Verlängerungen offenkundig wurde. Aber vielleicht schaffen sie es gegen England ja ausnahmsweise mal in 90 Minuten.