WM 2018: England-Kapitän Harry Kane - vom träumenden Kind zum Traum aller Kinder

Englands Kapitän Kane: Vom träumenden Kind zum Traum aller Kinder

Harry Kane ist nicht von ungefähr der Kapitän der englischen Nationalmannschaft. Der 24 Jahre alte Torjäger geht mit gutem Beispiel voran. In vielerlei Hinsicht.

Es gibt Tage, da ist Harry Kane nicht Harry Kane. Zum Beispiel im April, in der Hochphase des Fernduells mit dem Ägypter Mohamed Salah vom FC Liverpool um die Torjägerkrone der englischen Premier League. Christian Eriksen, Kanes Teamkollege bei Tottenham Hotspur, hatte ein Freistoßtor erzielt, Kane aber nölte auf Twitter, er habe doch die Fußspitze noch dran gehabt. Die Liga sprach ihm tatsächlich das Tor zu, "aaach wirklich?", twitterte Salah zurück - und gewann trotzdem.

Der Vorfall irritierte die Engländer. Denn im Grunde gilt der gebürtige Londoner als Musterprofi, als grundanständig, als geerdet. Kane nimmt sich auch schon mal zwei Stunden Zeit, um nach dem Training Autogramme zu schreiben. Sein Status als Superstar ist ihm bewusst, er nimmt ihn auch an, doch er sieht ihn als Verpflichtung: Sein Job als Fußballer, sagt er, sei: "Die Leute zu inspirieren, auf dem Platz - und abseits davon."

Das gelingt ihm derzeit sehr gut: England steht am Mittwoch in Moskau im Halbfinale der WM gegen Kroatien (20 Uhr MESZ/ZDF und Sky). Und das nicht zuletzt und vor allem wegen "Prince Harry", "Captain Kane" oder "HurriKane" - oder was sie sich auf der Insel sonst noch ausgedacht haben an Wortspielen. Wird England erstmals seit 1966 Weltmeister? "Yes, we Kane!"

Die Geschichte von Kane dient durchaus als Inspiration. Die Kurzform: Er hat trotz aller Rückschläge nie aufgegeben. "Ich war eines dieser Kinder, die für England spielen wollten", sagt er. Nur: Sein Weg war geprägt von Umleitungen. Im Alter von acht Jahren kam er in die Jugendakademie des FC Arsenal, nur ein Jahr später musste er dort gehen - kam aber bei den Spurs unter. Dort machten sie ihn zum Profi, liehen ihn aber erst mal an Leyton, Millwall, Norwich und Leicester aus.

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Der Durchbruch gelang Kane, nachdem 2014 der Argentinier Mauricio Pochettino den Posten als Teammanager bei den Spurs übernommen hatte. "Er ist Weltklasse", sagt Pochettino, "es ist schwer zu sagen, ob er der beste Stürmer ist, aber er hat gezeigt, dass er definitiv einer der besten ist." Bei der WM ist Kane mit sechs Treffern bislang definitiv der beste.

Im Strafraum ist Kane nur schwer zu kontrollieren. Knapp 90 Kilogramm bei 189 Zentimeter Körpergröße verleihen ihm Wucht, er ist reaktionsschnell. Vor allem aber hat er: Torinstinkt. Im Jahr 2017 erzielte Kane für die Spurs und die Nationalmannschaft 56 Tore in 52 Spielen, zwei mehr als Lionel Messi für den FC Barcelona und Argentinien, drei mehr als Cristiano Ronaldo für Real Madrid und Portugal. Auch ein paar andere Bestmarken gehören mittlerweile ihm.

Es ist allerdings nicht nur das Offensichtliche, das Kane auszeichnet. "Jeder spricht über die Tore", sagt Teamkollege Eric Dier, "aber sein Arbeitspensum, seine Menschlichkeit und Aggressivität machen Harry so unglaublich." Tatsächlich steht Kane ja nicht nur im Strafraum herum: Er ist erster Verteidiger seiner Mannschaft, hilft hinten aus, holt die Bälle dort ab und bringt sie nach vorne, schafft Räume für die Mitspieler. Ein Tausendsassa.

Seine menschlichen und sportlichen Qualitäten haben Teammanager Gareth Southgate dazu veranlasst, Kane zum jüngsten Kapitän in der Geschichte der Three Lions zu machen. Ein kluger Schachzug: Kane ist erst 24 Jahre alt, doch er ist zugleich eine natürliche Autorität. Kane geht voran - und die anderen folgen einem, der sich auszeichnet durch Disziplin, Respekt vor anderen und nicht zuletzt: Demut. Kane wollte eines dieser Kinder sein, die für England spielen. Jetzt ist er mehr als das.

(togr/SID)