Nachwuchs-Internat von Borussia Mönchengladbach - jetzt offiziell in Betrieb

Borussias neues Internat: Ein Ort für Träume, nicht für Träumer

Borussia hat am Dienstag das neue Internatsgebäude offiziell in Betrieb genommen. Es gibt 24 Plätze, von denen 20 belegt sind. „Die Infrastruktur ist eine Hilfe, schießt aber keine Tore“, sagt Nachwuchsdirektor Roland Virkus.

Es ist ein Ort der Sehnsucht. Man kann es sich schon vorstellen, wie eines der 20 Talente, im neuen Borussia-Internat, das nach dem Jugendhauptsponsor „Santander Fohlenstall“ getauft wurde, oben auf der 144 Quadratmeter großen Terrasse im vierten Stockwerk steht und hinüberschaut zum Borussen-Stadion. Wie Bilder in seinem Kopf umherschwirren von künftigen Heldentaten in einem Bundesligaspiel, von Toren oder Rettungstaten, von den Ovationen der Fans. Es ist wie ein Aussichtspunkt für das große Ziel, das jeder der jungen Kerle hat, deren Namen auf den Briefkästen unten im Eingangsbereich des Gebäudes stehen, das seit Dienstag offiziell in Betrieb ist.

Fußball ist immer auch eine Sache des Kopfes. Und Leistung auch eine Folge von Reizen. Davon gibt es viele im Internat. Anreize sind es jedoch eher, nicht nur oben auf der Sonnenterrasse. Im Treppenhaus zum Beispiel ist eine riesige Raute an der Wand zu sehen, die aus den Werten besteht, welche die Borussen auszeichnen sollen. „Wir bilden die Jungs nicht nur sportlich aus. Wir wollen Persönlichkeiten formen“, sagen Borussias Manager Max Eberl und Nachwuchsdirektor Roland Virkus bei der Eröffnungsverstanstaltung im Fohlencampus unweit des neuen Internats

Wer die 29 Werte, die da aufgeführt sind, verinnerlicht, ist gerüstet. Für den Sport ebenso wie für das Leben. Garantien gibt es allerdings keine.  „Es wäre natürlich toll, wenn alle 20 Talente, die jetzt im Internat sind, den Sprung schaffen, aber wir wissen, dass das schwer ist“, sagte Virkus. Die Bewohner hörten diese Sätze, doch jeder von ihnen ist hier eingezogen mit dem Willen, es zu packen. Das Internat, das insgesamt 24 Plätze hat, bietet „Weltklasse-Bedingungen“, wie Profi Patrick Herrmann befand. Er lebte selbst in der alten Version der Fohlen-Akademie: hinter der Nordkurve im Stadion.

Vize-Präsident Rainer Bonhof war ebenfalls einst, als er aus Emmerich nach Gladbach kam, Internatsschüler. Damals lebten die jungen Fohlen im Haus von Mathilde Bückmann, „Tante Titti“ genannt, an der Karstraße. „Das war der Ur-Fohlenstall“, sagte Bonhof. Sieben weitere Spieler lebten bei  „der Fohlenmutter“, wie Borussias damaliger Geschäftsführer Schorsch Hoffmann sagte. Ab Anfang der 1960er- Jahre war die kinderlose Witwe für die Jung-Borussen da. „Es war sehr gemütlich dort“, erinnerte sich Bonhof, früher Mitglied der großen Fohlenelf der 1970er-Jahre und heute Vize-Präsident. „Wer telefonieren wollte, musste ins Wohnzimmer gehen.“ Es war eine andere Welt, ebenso wie das Internat in der Marktfeldstraße, wo später die Nachwuchs-Borussen residierten.

Was aber geblieben ist wie einst bei „Tante Titti“: ein Stück Herzlichkeit und Wärme. Dafür sind nun Birgitt Lintjens und ihr Mann Wolfgang verantwortlich. Ihre Wohnung ist ebenfalls im Internats-Gebäude. Die heranwachsenden Kicker haben auch mal Seelentrost nötig, zum Beispiel, wenn der erste Liebeskummer kommt oder es in der Schule nicht läuft. Auch da müssen die Leistungen stimmen, ebenso wie auf dem Rasen. Wenn alles zusammenpasst, dann kann es werden wie bei den Herren, deren Bilder im Treppenaufgang und an den Gängen des Internats hängen: Jantschke, Herrmann, Julian Korb, Marko Marin oder Elias Kachunga zum Beispiel. Sie haben den Sprung vom Internat in den Profifußball geschafft. Darum sind sie Vorbilder für ihre Nachfolger.

Diese stehen wie die alte Internatsgarde an einem Flipper, an einem Kicker oder an der elektronischen Dartscheibe, die die Profis dem Internat geschenkt haben. Oder sie entspannen in der riesigen Lounge-Landschaft im Obergeschoss. Alle Möbel, auch in den 25 Quadratmeter großen Appartments, wurden von der Behindertenwerkstatt „Haus Freudenberg“ aus Kleve entworfen und gebaut. Das 1800 Quadratmeter umfassende Internat, das geleitet wird von Marc Trostel, ist ein Ort zum Wohlfühlen, ein Rundum-Sorglos-Paket für die Kicker, ausgestattet auch mit einer Sauna, einer Infrarotkabine und einem kleinen Fußballtennis-Feld,  es gibt zudem einen Sozialpädagogen (Michael Schild) und einen Psychologen (Christopher Wilting).

Doch keineswegs geht es darum, die jungen Kicker zu verhätscheln. Denn wo „Fohlenstall“ draufsteht, da sollen auch Fohlen drin sein: junge, ehrgeizige Fußballer, die alles dafür tun, den großen Sprung zu schaffen. Wenn man auf der Terrasse des Internats steht, sieht man eben auch nicht nur das Ziel, das Stadion, sondern auch den Weg dahin. Und der führt, geht man schnurstracks geradeaus, über die Trainingsplätze. Das Borussen-Internat ist ein Ort für Träume, jedoch nicht für Träumer. „Die Infrastruktur ist eine Hilfe, schießt aber keine Tore. Die Jungs müssen den Antrieb haben, etwas daraus zu machen“, sagt Virkus. Am Ende ist jeder selbst dafür verantwortlich, ob  sich seine Sehnsucht erfüllt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Borussia eröffnet Nachwuchsinternat Fohlenstall

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