Borussia Mönchengladbach: Seit Juan Arango fehlen die Freistoß-Experten

Wenig Gefahr bei Freistößen : Borussia sucht den nächsten Arango

Borussia hat beim 1:0-Sieg in Mainz nach einer Ecke getroffen. Nachholbedarf gibt es in der Sparte „direkte Freistöße“. Seit Juan Arango ist da keiner, der sie regelmäßig verwandelt. Wie es geht, macht derzeit ein U23-Spieler vor.

Vielleicht sollte Borussias Cheftrainer darüber nachdenken, Marcel Benger mal wieder zum Training des Bundesligateams zu bestellen. Der Mittelfeldspieler der U23, der in der vergangenen Saison beim 3:1 gegen den Hamburger SV ein kurzes Profi-Debüt feierte, könnte dann demonstrieren, wie es geht mit den direkten Freistößen. Denn in dieser Sparte haben Gladbachs Bundesliga-Spieler Nachholbedarf. Zwölfmal versuchten sie sich an direkten Freistößen, zwölfmal ohne Erfolg. Benger hat da schon eine andere Bilanz: Den 1:0-Sieg des Regionalliga-Teams gegen Rödinghausen und auch das 2:2 gegen Kaan-Marienborn machten direkt verwandelte Freistöße des 20-Jährigen möglich.

Diese Disziplin liegt beim Gladbacher Profi-Team mehr oder weniger brach, seit Juan Arango den Verein 2014 verlassen hat. Der venezolanische Zauberfuß war ein Fachmann auf dem Gebiet, noch immer lassen sich Gladbach-Fans gern bei YouTube von den Filmen seiner edlen Freistoß-Tore verzaubern. Aktuelles Material gibt es ja nicht. Trotz einiger durchaus begabter Freistoßschützen im Team: Raffael, Thorgan Hazard, Oscar Wendt, Michael Cuisance, Patrick Herrmann oder auch Lars Stindl können es durchaus. Doch allesamt haben das noch nicht belegt in dieser Saison: zu hoch, zu weit links oder rechts, zu wenig platziert, irgendwas war immer. Am nächsten dran war noch Raffael, der gegen Stuttgart bei einem Freistoß die Querlatte traf. „Wir haben da Nachholbedarf“, gesteht Co-Trainer Dirk Bremser, dessen Steckenpferd die Standards sind.

Was bei den direkten Freistößen hapert, klappte aber jetzt in Mainz erstmals im Jahr 2019 nach einer Ecke: Borussia traf. Die Ecke wurde kurz ausgeführt von Jonas Hofmann, dann schlug Hazard den Ball in den Strafraum, wo Tobias Strobl das Spielgerät mit dem Schienbein zum Torschützen Nico Elvedi bugsierte. Dass bei der Geschichte auch ein wenig Glück dabei war, stört die Borussen nicht, sie erzielten das siebte Tor nach einem Eckball in dieser Saison. Hinzu kommt ein Treffer nach einem Freistoß und vier Elfmeter (drei weitere gab es, die verschossen wurden).

Die kurze Ecke von Mainz war zwar keine aus Bremsers Lehrbuch, das Grundprinzip aber stimmte: „Es geht darum, mit dem kurz gespielten Ball entweder einen Gegner aus dem Strafraum zu locken und da dann Überzahl zu haben, oder eben auf dem Flügel einen Mann mehr zu haben“, sagt Bremser. Er weiß, dass ein Standard ebenso einfach wie kompliziert ist, es geht um viele Details, doch vor allem kommt es darauf an, dass der Ball gut und präzise geschossen wird.

Wie der Freistoß des Freiburgers Vincenzo Grifo beim 5:1-Sieg des Sportclubs gegen Augsburg, als der Italiener mit kurzer Gladbach-Vergangenheit den Ball in den Winkel streichelte. Grifo war 2017 auch wegen seiner Expertenschaft im Bereich Freistöße geholt worden, konnte diesen und andere Vorzüge aber nie richtig umsetzen. Dass er dies am Freitag, wenn er mit Freiburg in den Borussia-Park zurückkehrt, gern tun würde, ist logisch. Aber auch, dass sich die Borussen darauf und auf die generelle Qualität der Freiburger bei ruhenden Bällen akribisch vorbereiten.

In der Hinrunde hatten die Gladbacher die Verteidigung von Standards total im Griff, einzig den Elfmeter, den der Freiburger Nils Petersen verwandelte, ließen sie zu. In der Rückrunde gab es schon je zwei Gegentore nach Ecken und Freistößen. Dennoch sind die Borussen weiterhin das zweitbeste Team der Bundesliga nach dem FC Bayern, was Gegentore nach Standards betrifft. Der Tabellenführer hat derer sechs kassiert.

Einen direkten Freistoß haben aber auch die Bayern nicht verwandelt, sie haben 19 Versuche vertan. Und fast hätte Oscar Wendt beim 1:5 gegen den Rekordmeister die borussische Null an der Stelle getilgt, doch sein Hammer-Freistoß sauste knapp am Tor von Manuel Neuer vorbei. „Ein bisschen Glück gehört dazu“, sagt Bremser.

Allerdings kann man das vielleicht auch erzwingen. Durch Übung im Training zum Beispiel. Es gibt eine gelbe Mauer aus Plastikkameraden auf dem Trainingsplatz, die kann sich jeder zurechtschieben und dann Bälle darüber zirkeln, auch mal in Extraschichten. „Und man muss natürlich die Freistöße bekommen“, sagt Bremser. Dafür muss man in die gefährlichen Räume vorstoßen. Bestenfalls in den Strafraum. Das gelang in der Hinserie immer wieder, sechs Elfmeter resultieren unter anderem daraus.

Dass Standards immer ein probates Mittel sind, schnell zu Toren zu kommen, ist bekannt. Weswegen Bremser mit den Borussen immer wieder neue Varianten erarbeitet, um den Gegner zu überraschen. „Man hat beim Standard das Heft des Handelns in der Hand, der Gegner kann nur reagieren. Das ist der große Vorteil“, sagt Bremser. Gerade gegen tief stehende Teams können die Räume schon mal zu eng sein, um sich durch zu kombinieren. Da ist es gut, eine Alternative zu haben. Das zeigte nicht nur zuletzt das Spiel in Mainz: kurze Ecke, Flanke, Tor. Oder: kick it like Benger - drauf und rein. Einfach und effektiv.

Mehr von RP ONLINE