Borussia Mönchengladbach: Braucht das Team von Dieter Hecking mehr Drecksack-Gene?

Pro & Contra: Braucht Borussia mehr Drecksack-Gene?

Ein Kampfsieg mit nur vier Fouls? Das geht wohl nur bei Borussia, die nach wie vor die fairste Mannschaft der Liga ist. Es gibt jedoch Stimmen, die sagen, mehr Härte würde dem Team gut tun. Auch unsere Reporter sind unterschiedlicher Auffassung.

Pro (Karsten Kellermann)

Ja, das kann hilfreich sein

Jonas Hofmann hat festgestellt, dass sich Typen mit einem gewissen „Drecksack“-Faktor noch herauskristallisieren müssen bei den Borussen. Er hat Recht. Dass Gladbach sicherlich nie eine Mannschaft haben wird, die von den anderen Teams wegen ihrer bedingungslosen Härte gefürchtet wird, ist in der DNA des Klubs verankert. Borussia stand schon immer für das Schöne und Gute im Fußball, für gehobene Spielkultur und einen hohen Spaßfaktor.„Hardcore werde ich nicht mehr“, sagte Verteidiger Nico Elvedi mal, zuvor hatte er den aktuell wohl prominentesten Fußball-Drecksack, Sergio Ramos (Real Madrid), als eines seiner Vorbilder beschrieben und dann abgewogen, wie viel Ramos in ihm selbst stecke. Der Satz, den Elvedi sagte, gilt gleichsam für das gesamte Team: Elfmal Ramos wird es nicht geben in Gladbach, wahrscheinlich noch nicht mal einen. Aber die Light-Version, ein Ramos im Gladbach-Style, könnte nicht schaden. Das wäre zwar ein bisschen wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, denn Borussia hat nun mal seit Jahren das Image, vor allem „nett“ zu sein. Doch in manchen Spielen würden indes ein paar mehr Drecksack-Gene hilfreich sein.

Man darf das natürlich nicht mit dem Wunsch nach Unfairness verwechseln. Es geht nicht um eingesprungene Grätschen, vogelwilde Notbremsen  oder wüste Beschimpfungen im Kabinengang. Das wäre nicht Borussias Stil.

Aber den würden die Gladbacher auch nicht verraten, wenn sie zuweilen resoluter zupacken. Es geht um so etwas wie hart, aber fair und gerecht. Darum, dagegen zu halten, wenn es eng wird, sich damit auch mal zu befreien in komplizierten Situationen. Darum, zu beeindrucken. Lars Stindl hat Ansätze, er kann dem Gegner schon weh tun, nicht nur mit seinen Pässen und Toren, sondern auch physisch. Gleiches gilt für Denis Zakaria.

Gerade bei Rückständen kann man einen Gegner auch mal beeindrucken, ihn aus dem Rhythmus bringen mit taktischen Fouls. Zehnmal liefen die Borussen einem Rückstand hinterher, sieben dieser Spiele gingen verloren, nur eines wurde gewonnen.  Gerade bei den vergangenen drei Heimniederlagen fehlte vielleicht einer, der mal ein Zeichen setzt, um die anderen aufzurütteln und mitzureißen. Bestenfalls geht das fußballerisch. Wenn nicht, muss es auch mal anders gehen. Borussia würde damit ihr Repertoire erweitern und  die Gegner damit sicher überraschen.

Contra (Sebastian Hochrainer)

Nein, zu ihrem Weg gehört Fairness

Borussia ist das fairste Team der Liga, in Mainz hat sie einen Erfolg der Kategorie Arbeitssieg eingefahren, und dabei nur vier Fouls produziert. Das beweist: Die Gladbacher können auch fair erfolgreich verteidigen. So haben sie es in diesem Jahr auch schon in Leverkusen, ebenfalls ein 1:0-Sieg, getan. Auch da war die spielerische Leistung dürftig, die Defensive aber stark.

In Gladbach gab es Zeiten, in denen Spieler wie Stefan Effenberg für ein Zeichen in Form eines Foulspiels gesetzt haben, auch Granit Xhaka hat gerne mal „dazwischengehauen“. Dieses Drecksack-Gen tat dem Team damals gut, heutzutage ist es aber nicht mehr zeitgemäß am Borussia-Park. Max Eberl hat einen Kader zusammengestellt, der charakterlich hervorzuheben ist. Keine Skandals, keine Quertreiber, keine Egoisten. Dieses Verhalten legen die Borussen auch auf dem Platz an den Tag, sie bleiben sich ihrer Linie treu. Würden die Gladbacher nun anfangen, solche Fouls zu begehen, überhaupt härter ans Werk gehen, wäre das nicht nur nicht authentisch, sondern wohl auch nicht erfolgreich.

Denn Dieter Hecking hat die Spielweise an den Kader angepasst. Es geht darum, spielerische und faire Lösungen zu finden. Klar, es gibt Situationen wie vor dem 0:1 in Leipzig oder mehrfach gegen Bayern, in denen ein taktisches Foul weitergeholfen hätte, aber im Grundsatz zahlt sich die Fairness der Borussen aus. Sie verhindern nicht nur gegnerische Standardsituationen, sondern sorgen dafür, dass das Spiel am Laufen bleibt. Denn ein Team mit der Spielstärke der Gladbacher benötigt keine Pausen in der Partie, keine Zeit zum Durchatmen. Sie wollen das Spiel aktiv gestalten und nicht nur die Uhr runterlspielen.

In der Bundesliga ist der Ball bei keiner anderen Mannschaft so lange im Spiel wie bei Borussia. So hat sie ihre Punkte geholt. Nicht nur, weil sie keine Verschnaufpausen braucht, sondern weil sie dem Gegner auch keine gibt. Die faire Spielweise gibt den Kontrahenten nicht die Gelegenheit, Fouls zu schinden.

Borussia hat ihre ganz eigene Art, Fußball zu spielen. Und die zieht sie auch bei Arbeitssiegen wie in Mainz durch. Der Tretverzicht ist dazu, ehrlich gesagt, sympathisch. Das ist der Weg der Borussen. Und wenn man einen Weg einschlägt, sollte man ihn beibehalten. Da sei es auch mal verziehen, wenn ein taktisches Foul zu wenig begangen wird.

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