Erasmus: Drei Bochumer berichten von ihrem Auslandsjahr

Erasmus-Programm : Was diese drei Bochumer im Erasmus-Jahr erlebten

Das Förderprogramm Erasmus erleichtert seit 1987 internationalen Austausch. Drei Bochumer Studenten berichten über ihre Erfahrungen.

Lukas Zaghow kann sich noch gut erinnern, wie er damals da stand in Lissabon: ganz allein, mit zwei Koffern in der Hand, 21 Jahre jung, morgens noch zuhause in Hattingen, nun in der portugiesischen Metropole („ohne EU-Roaming!“) auf der Suche nach seinem Hostel. Das mulmige Gefühl wich rasch Begeisterung: Dem ersten Auslandssemester des Wirtschaftswissenschaftlers folgten weitere: in Italien, Japan und den USA. „Seit Lisboa“, sagt der heute 24-jährige Student der Ruhr-Uni Bochum (RUB), „ist Austausch zentraler Bestandteil meines Lebens“. Ermöglicht hat ihm diese prägende Erfahrung das EU- Förderprogramm „Erasmus“.

Seit dem Start 1987 sind schon mehr als vier Millionen Studierende mit Erasmus für einige Zeit an eine Partner-Uni ins Ausland gegangen. Es ist das weltweit größte Austauschprogramm, steht auch Lehr- und Verwaltungspersonal offen. Finanziert wird es von der EU, das jährliche Gesamtbudget liegt derzeit bei 450 Millionen Euro. 33 Länder machen heute mit, inzwischen sogar einige außerhalb Europas.

Fremdsprachen-Studentin Iana Primovici kam aus Frankreich an die Ruhr-Uni. Die 23-Jährige stammt aus Moldawien; ihre Mutter „schickte“ sie nach der Schule an die Uni in Nizza; vor drei Semestern wechselte sie mit Erasmus nach Bochum und würde gern noch eines anhängen. „Ich lebe meinen Traum“, sagt Primovici. „Das alles hier ist, ach, einfach nur wow.“

Früher sei sie „sehr verloren“ gewesen, wenig selbstbewusst, ängstlich. Heute spricht sie sechs Sprachen, scheut keine Präsentation mehr und hat Freunde in aller Welt. Sie weiß, dass man fremde Deutsche besser nicht mit Küsschen begrüßt (anders als in Frankreich); sie engagiert sich ehrenamtlich in einem Bochumer Sprachcafé und arbeitet im Sommer als Rezeptionistin in einem Hotel an der Riviera. „Ich bin erwachsener geworden, habe Orientierung für mein zukünftiges Leben entwickelt“, erklärt sie. „Nicht nur, was die Arbeit angeht.“

Jana Henninger studiert an der RUB im 11. Semester Deutsch und Spanisch auf Lehramt. Zwei Praktika absolvierte die gebürtige Essenerin mit Erasmus in Schweden, 2015 verbrachte sie sieben Monate im katalanischen Tarragona, und wenn sie davon erzählt, rollt sie das „r“ so herrlich wie eine echte Spanierin.

„Mein erstes Motiv zu gehen war, mein Spanisch zu verbessern“, sagt Henninger. „Aber ich hab so viel mehr gelernt ...“ Salsa tanzen etwa; und dass es ihr „ziemlich auf den Senkel“ ging, zum x-ten Mal für ein Lachen gefeiert zu werden. „Ihr Deutschen seid sonst so ernst“, bekam sie oft zu hören. „Es macht Spaß, solche Stereotype aufzubrechen“, sagt die junge Frau. (Obwohl es ihr nie gelungen sei, zu spät zu kommen: „In Spanien bist du nie die Letzte“, erklärt sie lachend. Auch über ihre eigenen Vorurteile hat sie manches erfahren.)

Und genau darum ginge es doch, erklärt Jutta Schmid, Erasmus-Koordinatorin an der RUB: „Dass junge Leute sich und Europa entdecken, ist die Idee hinter dem Programm.“ Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass Auslandsaufenthalte vor Erasmus nicht unmöglich waren, „aber eine Einzelkämpfergeschichte“. Mit Erasmus sei die Sache viel einfacher geworden: finanzielle Unterstützung, keine Studiengebühren, weniger Papierkram, Anlaufstellen vor Ort, Hilfe bei Vorbereitung und Organisation, bei der Anerkennung der im Ausland erbrachten Leistungen. „Aber selbst wenn das Studium durch Auslandssemester länger dauert, wird das aufgewogen durch tolle Erfahrungen und ein Netzwerk, das später auch beruflich nützlich sein kann“, glaubt Jonna Haensel-Neumann vom International Office der RUB.

Lukas Zaghow sieht das genauso. Seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten sich durch Erasmus deutlich verbessert. Das Programm sei ihm längst „Auftrag geworden in einer Zeit, in der Europa ins Wanken gerät“. Nach dem Master will er für die EU arbeiten, den Rechnungshof in Luxemburg vielleicht.

Viel zu wenige nähmen ihre Chance wahr, bedauert Jutta Schmid: nur 500 der 45.000 RUB-Studenten gingen im vergangenen Semester ins Ausland. Die Mobilitätsquote sei deutlich geringer als an anderen NRW-Hochschulen; die größte Uni des Landes belegt nur Platz 5 auf der Liste der Entsende-Hochschulen. In Münster etwa gehen jährlich rund 1000 Studenten. Woran es liegt? Vielleicht daran, dass viele RUB-Studenten Erstakademiker sind, zuhause wohnen oder arbeiten müssen, denkt Jutta Schmid. Aber sie findet das furchtbar traurig: „Denn wenn Austauschplätze unbesetzt bleiben, bleiben Abenteuer ungelebt.“

Dieser Text ist Teil der Kooperationsserie „Unser Europa“ und ist zuerst bei WAZ.de erschienen.

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