RP-Serie "Unser Europa": Wie sich italienische Gastarbeiter integriert haben

Europa-Serie: Unsere Italiener – Fünf Geschichten von Einwanderern

Sie kamen als Gastarbeiter. Heute gelten sie als Botschafter des „Dolce Vita“ und als gut integriert. Fünf Geschichten von Italienern in Deutschland.

Es muss schon ein besonderer Tag gewesen sein, als die italienischen Arbeiter in ihren Baracken, auf den Baustellen und in den Kohleminen des Ruhrgebiets das Radio anschalteten – und ihre Muttersprache hörten. „Radio Colonia“ ging im Dezember 1961 beim Westdeutschen Rundfunk auf Sendung. Täglich wurde ein italienisches Programm für die Gastarbeiter produziert. Musik von Adriano Celentano, dazu eine Auswahl an Themen aus der Heimat. „Die Ausrichtung unserer Sendung hat sich seit ihren Anfängen natürlich verändert“, sagt Redaktionsleiter Tommaso Pedicini. „Mittlerweile sind die Hörer von ‚Radio Colonia’ an europäischen Themen interessiert.“

Damals aber, in den 60er Jahren, als Tausende junge Männer aus Süditalien über ein Anwerbeabkommen kamen, war es auch Aufgabe der Sendung, den Gastarbeitern Deutschland zu erklären. Denn wohl kaum einer sprach Deutsch. Als billige Arbeitskräfte lebten sie in Sammelunterkünften isoliert und ohne soziale und rechtliche Ansprüche. Einer dieser Gastarbeiter war Francesco D’Avino. Immer wieder betont der heute 80-Jährige: „In den mehr als 60 Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe, war ich keinen Tag krank.“

1958 reist der damals 19-Jährige mit dem Zug nach München, auf der Suche nach Arbeit, die es in seiner Heimat bei Neapel nicht gab. Beim Zirkus Krone arbeitet er eine Zeit lang als Tischler. Dann folgt er einem Freund nach Duisburg auf den Bau. Zwölf Stunden Arbeit am Tag, 3,20 Mark die Stunde, Sammelunterkunft, Essen in der Suppenküche. Harte Jahre seien das gewesen, nur am Sonntag war Zeit für Geselligkeit. „Es gab eine italienische Messe, danach aßen wir zusammen, tanzten oder spielten Karten.“ Kontakt zu deutschen Kollegen oder Nachbarn hatte er kaum, „aber auch keine Probleme mit ihnen“, betont er immer wieder.

Seit Mitte der 70er Jahre leben konstant über eine halbe Million Italiener in der Bundesrepublik. Womit die Regierung nicht gerechnet hatte: Viele Gastarbeiter wollen bleiben und holen ihre Familien nach. Auch D’Avino hat früh entschieden: „Von der Sonne kann man nicht leben. Ich wollte die Möglichkeiten nutzen, die mir Deutschland geboten hat.“ Als seine Frau ihm nach Duisburg folgt, das Paar zwei Töchter bekommt, hat die Familie Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. „Wir fanden nur etwas Kleines, ohne Küche, ohne Bad. Einmal die Woche gingen wir in die Badeanstalt, um uns zu waschen.“

Später wechselt D’Avino seine Arbeit, verlagert Eisenplatten bei Mannesmann und ThyssenKrupp. „Viele Italiener sind immer mit dem Kopf in Italien geblieben und hin- und hergependelt. Sie haben nie richtig Deutsch gelernt“, sagt er. Er legt Wert darauf, dass seine Töchter gut in der Schule sind, das Abitur machen und studieren. Dass sie heute „nicht mit den Händen, sondern mit dem Bleistift arbeiten“, darauf ist er stolz. Er selbst hat nie eine Schule besucht, nicht in Deutschland, nicht in Italien. 61 Jahre nach seiner Einwanderung beherrscht er die deutsche Sprache nur mündlich. Schreiben hat er nie richtig gelernt.

2017 sind 42 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen mit italienischem Hintergrund auch hier geboren, viele von ihnen als Nachkommen der Gastarbeitergeneration. Eine Sonderauswertung der Pisa-Studie von 2015 zeigt: Fast jedes zweite Migrantenkind in Deutschland erbringt sehr schlechte Leistungen. Italienische Kinder in zweiter Generation schneiden genauso schlecht ab wie die Kinder türkischer Familien. In den 90er Jahren fassen italienische Einwanderer Fuß in Gastronomie und Lebensmittelhandel.

Der Redaktionsleiter von „Radio Colonia“ kommt 1997 für seine Doktorarbeit aus Südtirol und arbeitet später als Journalist. Durch seine Beschäftigung bei der Sendung kennt er die Situation der Italiener in Deutschland gut. „Neben den Gastarbeitern und ihren Nachkommen gab es schon immer eine weitere Gruppe“, sagt er. „Ich nenne sie die ,Abenteurer auf gut Glück’.“

Denn viele geringfügig oder unqualifizierte Italiener suchen in Deutschland nach einer einfachen Beschäftigung, erklärt Pedicini. Das hat einen Grund: In der Europäischen Union hat Italien die zweithöchste Jugendarbeitslosigkeit: Jeder Dritte zwischen 15 und 24 Jahren findet keinen Job. In den Jahren nach der Finanzkrise steigt auch deshalb die Zahl der Zuwanderer wieder an, nachdem sie zuvor abgenommen hatte. Von 2005 vervierfacht sie sich auf 71.505 Zuzüge im Jahr 2015. „Ich beobachte aber auch eine neue Welle der Emigration von Akademikern zwischen 25 und 45 Jahren.“ Ein „brain-drain“, eine Abwanderung von Talenten.

Nach seinem Studium in Informatik hat Tommaso Lanti schnell Arbeit gefunden. Zwei Jahre arbeitete er für ein Unternehmen in Rom. „Dort gab es für mich allerdings kaum Karrieremöglichkeiten“, sagt er. „Ich hätte immer in der gleichen Position bleiben müssen.“ Trotz guter Noten schien es aussichtslos, bei einer größeren Firma Arbeit zu finden: Die Unternehmensstrukturen in Italien seien sehr hierarchisch, sagt Lanti. „In Italien brauchst du Kontakte, damit sich dir bessere Wege öffnen.“

2015 kontaktiert ihn das IT- und Beratungsunternehmen IBM, bietet ihm einen Job in Bratislava an. Der 31-Jährige nimmt sofort an, beginnt aber schon bald, sich für den Firmensitz in Deutschland zu bewerben. Seit Juli 2017 arbeitet der Software-Entwickler in Bonn. Er ist zufrieden. „Meine Arbeit ist anspruchsvoller, ich habe geregelte Arbeitszeiten und werde viel besser bezahlt“, sagt er. Unter den Deutschen fühlt er sich gut integriert. „Ich habe das Gefühl, dass mich meine Kollegen hier mehr respektieren als in Italien.“

Auch Lukas Sarre hat sich in Deutschland einen Traum erfüllt: Der 22-Jährige macht bei der Caritas in Düsseldorf eine Ausbildung zum Altenpfleger. Auch seine Mutter arbeitet in der Pflege, vor drei Jahren entschied sie, von Genua nach Düsseldorf zu ziehen. Der Abiturient geht mit, „um etwas Arbeitserfahrung zu sammeln“. Eine Zeit lang assistiert er in einem Altenheim, bezahlt wird er dafür nicht. Eigentlich wollte Sarre in Italien studieren. Dennoch entscheidet er sich für die Ausbildung in Deutschland. „Die Arbeitsbedingungen sind hier mehr als optimal“, sagt er.

„Wenn du in Italien einen Job gefunden hast, musst du dem Himmel danken, wenn du ihn behalten darfst.“ Hier verdiene er im zweiten Ausbildungsjahr bis zu 600 Euro mehr als bei einer Anstellung in Italien. Eine geregelte Ausbildung gibt es dort nicht. Was ihn am meisten überzeugt, ist die Möglichkeit, den Arbeitgeber zu wechseln und sich weiterzuentwickeln. Das sei in Italien nicht möglich. Zurückgehen möchte Sarre „nicht für eine Sekunde“. „In Deutschland sehe ich für mich eine Perspektive“, sagt er. „Wenn ich in Italien bin, sehe ich meine Freunde, sie sind jeden Abend an der gleichen Bar und reden über die gleichen Themen. Sie jammern über ihren schlecht bezahlten Job, erleben nie etwas Neues, weil sie nie verreisen wegen des Jobs. Ein Teufelskreis.“

Dem 36-jährigen Andrea Rizzo fehlt in seiner Heimat ebenfalls eine Perspektive. Im süditalienischen Lecce kann sich der Musiklehrer kaum über Wasser halten. Auf Facebook entdeckt er ein Stellenangebot – in Fritzlar bei Kassel. In Deutschland ist er noch nie gewesen, von dem 14.000 Einwohner-Städtchen hat er noch nie gehört. Rizzo spricht kein Deutsch und auch kein Englisch, „der Fremdsprachenunterricht in der Schule war schlecht“, sagt er. Trotzdem packt er seine Sachen und wandert aus.

In Fritzlar arbeitet er in einer Pizzeria. „Mein Chef war Italiener, er ließ mich in einem kleinen Zimmer bei sich wohnen“, sagt er. „Dafür arbeitete ich von zehn Uhr morgens bis ein Uhr nachts. Für 700 Euro im Monat.“ Dass es in Deutschland einen Mindestlohn gibt, er durch seine Arbeit eigentlich sozialversichert sein sollte, ist dem Neuankömmling nicht bekannt. Er arbeitet schwarz – und als er einen richtigen Arbeitsvertrag fordert, lehnt sein Chef das ab. „Ich hatte Angst, etwas zu sagen. Ich habe das Geld ja gebraucht.“

Seine Situation bessert sich erst, als er zu einem Freund nach Köln zieht. Der spricht Deutsch, unterstützt ihn bei der Wohnungssuche. „Das Problem in Deutschland ist, dass man keine Wohnung findet ohne einen Arbeitsvertrag und keinen Arbeitsvertrag ohne einen angemeldeten Wohnsitz“, sagt Rizzo. Er findet eine Wohnung zur Zwischenmiete und mit der Meldebescheinigung einen regulären Job – erneut in einer italienischen Pizzeria. Heute ist er der festen Überzeugung: „Die Italiener in Deutschland nutzen andere Italiener aus.“ In seinem Arbeitsvertrag ist eine 30-Stunden-Woche vereinbart, Rizzo arbeitet mehr als das Doppelte. Er wird krank und kündigt. Mittlerweile erhält er finanzielle Hilfe vom Arbeitsamt und Unterstützung bei der Jobsuche. „Langfristig möchte ich wieder in der Musikbranche arbeiten“, sagt er. Zwei Jahren nach seiner Ausreise habe er endlich Zeit gefunden, um einen Deutschkursus zu belegen.

Viele der neuen Einwanderer und Hörer von „Radio Colonia“ lernen nie richtig Deutsch, sagt Tommaso Pedicini. „Sie kommen für eine Übergangsphase und kehren später nach Italien zurück oder gehen in ein anderes Land.“ Ihnen fehle der Enthusiasmus, sich richtig zu integrieren. Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zeigen: Mehr als ein Drittel der Italiener, die 2017 fortgezogen sind, verbrachte weniger als ein Jahr in Deutschland.

Die Verhaftung zur Heimat zeigt sich auch im gastronomischen Angebot. „Als ich nach Deutschland kam, habe ich selbst in italienischen Restaurants Carbonara mit Sahne serviert bekommen“, sagt Pedicini. Das originale italienische Rezept sehe nur Eier und Speck vor. „Heute ist die italienische Küche in Deutschland allerdings authentischer.“

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