Europa: Menzelen-West und -Ost – aber ohne Grenze

Was Europa am Niederrhein lernen kann : Wo West und Ost zusammenwachsen

Es klingt wie ein geteiltes Dorf. Ist es aber nicht. Die Unterscheidung in West und Ost geht auf die Bahn zurück, die einst drei Linien durch Menzelen geführt hat. Die Bahn aber fährt nicht mehr.

Ost und West. Das klingt wie Eiserner Vorhang. Wenn nicht nach Mauer, so doch nach einer manifesten Grenze mitten auf dem platten Land. Die Trennlinie ist eine Bundesstraße. Die B 57 teilt den Ort Menzelen in einen West- und einen Ost-Teil – mitten in Alpen, im Norden der Republik und im Herzen Europas. Da sollten Schlagbäume längst Geschichte sein. In Menzelen hat’s die nie gegeben. Nur Bahnschranken. Die gibt’s hier heute noch, sind aber für immer oben.

In den meisten Köpfen, vor allem in den Herzen spielt die Teilung im Grunde keine wesentliche Rolle mehr. Aber sie ist, zumindest gefühlt, nicht tot. Das bringt ein Witz auf den Punkt, den man sich immer wieder gern erzählt. Der geht in etwa so: Ein Mann aus Menzelen besteigt in Tokio einen Bus. Er möchte eine Fahrkarte in die Heimat lösen. Der Busfahrer fragt ihn auf Japanisch: „Nach West oder nach Ost?“ Die karikierte Unterscheidung geht tatsächlich auf die Bundesbahn zurück. Die wollte Klarheit schaffen in dem kleinen Ort, wo sich einst drei bedeutende Bahnlinien kreuzten.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Menzelen zwei Bahnhöfe, in denen man zusteigen konnte: einen Turmbahnhof in Menzelen-West und eine Haltestation in Menzelen-Ost (Bild). Von den Bahnlinien, es gab drei, die den Ort passierten, wird keine mehr befahren. Geblieben ist die Unterscheidung in West und Ost. Foto: RP

Ältester Teil ist das östliche Menzelen mit der Kirche St. Walburgis auf der höchsten Erhebung im Dorf – zum Schutz vor Hochwasser. Der Einfluss der Pfarre reichte einst bis nach Issum. Der westliche Teil taucht in den Karten bis kurz vor der Jahrtausendwende stets mit der Bezeichnung Menzelenerheide auf. Die findet sich beispielsweise noch immer im Vereinsnamen der Bürgerschützen und der Spielleute. Der dünn besiedelte Landstrich erlebte Ende des 19. Jahrhunderts eine wahre Blüte. Wachstumsbeschleuniger war die Bahn. 1874 ging die Linie Hamburg-Paris (Wesel-Venlo) an den Start. An der heutigen Alten Poststraße in West entstand ein großer Bahnhof – zwei Kilometer vorm Dorf. Immer mehr Menschen ließen sich im Umfeld nieder. Für weiteren Auftrieb sorgte 1904 der Bau der Linie Rheinhausen-Kleve. Beide Strecken kreuzten sich westlich des Bahnhofs. Wer umsteigen wollte, musste 800 Meter laufen.

Vier Jahre später baute die Eisenbahndirektion Köln an der Kreuzung der Gleisstränge einen komfortablen Turmbahnhof für beide Linien. Fast gleichzeitig bekam das Dorf hinter der Kirche St. Walburgis eine Haltestelle. Der alte Bahnhof Menzelen war fortan für Personenverkehr bedeutungslos. Für Bahnkunden gab’s nun zwei Zusteigestationen. Um die eindeutig zu benennen, kreierte die Bahndirektion die Unterscheidung Menzelen-Ost und Menzelen-West.

Diese Differenzierung setzte sich schnell durch. Sie traf auf reale Verhältnisse. Der rasante Bevölkerungsanstieg in Menzelenerheide hatte zur Folge, dass 1904 schon eine Schule kam, die dem östlichen Schulverband zugeordnet wurde. Für die neue Schule aber bürgerte sich rasch der Name Menzelen-West ein. Einen Zeitpunkt jedoch für die Einführung der kommunalen Unterscheidung zwischen Ost und West gibt es nicht, sagt Fritz Nühlen, der sich intensiv mit der Geschichte des ganzen Ortes befasst hat.

Einen ausgewiesenen Ost-West-Konflikt hat es in Menzelen nie gegeben. Das Verhältnis war allerdings anfangs nie frei von Spannungen. Manche Bauern rund ums alte Dorf im Osten blickten ein wenig naserümpfend auf die Emporkömmlinge im Westen. Schulen und Kirchen konkurrierten. Der katholische Westen orientierte sich ohnehin weiter westlich hin zu St. Ulrich. Der Pfarrer in Ost hatte mal den Versuch unternommen, auch im Westen etwas Fuß zu fassen. Er habe wohl seine Herde um ein paar Schäfchen vergrößern wollen. Außerdem hatte er im Westen Grund und Boden, den er ganz weltlich, in Erbbaurrecht an Häuslebauer vergeben wollte. Übrigens: Erst vor gut acht Jahren, keiner weiß so richtig wie, so Fritz Nühlen, habe die Pfarrgemeinde St. Walburgis Menzelen „ohne irgendeinen formellen Beschluss“ sich in Menzelen-Ost umgetauft.

Die Bildungsanstalten rivalisierten. Ein Schulleiter in West hatte einst vollmundig verkündet, nie über die Schwelle der Schule in Ost zu schreiten, um nur ein paar Jahre später dann doch dort Rektor zu werden. Im Gemeinderat war vorher hartnäckig um notwendige Erweiterungen beider Schulen gerungen worden wie um den Bau einer Turnhalle. Die wurde schließlich am Sportplatz des SV Menzelen gebaut.

Bis in die 90er Jahre stand in Karten Menzelenerheide. Foto: VHB/Verein für Heimat und Brauchtum

Mit dem Ende der Volksschule kam das Aus für den Schulstandort West. Für die Bürger war der spätere Abbruch ihrer Schule eine zutiefst schmerzliche Erfahrung. Die Grundschule für beide Ortsteile steht in Ost. Sie trägt seit 1962 den Namen Wilhelm Koppers. Als zuletzt Menzelner Kinder aus Raumgründen in Alpen eingeschult werden sollten, gab’s Widerstände – ein Indiz, dass immer mehr zusammengewachsen ist, was zusammen gehört.

Menzelen warf schließlich in kommunal reformierter Gemeinde 4200 Einwohner in die Waagschale, gleichmäßig verteilt auf Ost und West. So ist Menzelen ebenso einwohnerstark wie der Rathaussitz Alpen. Nun registriert mancher höchst wachsam, dass in jüngsten Vergleichsstatistiken wieder in Ost und West unterschieden wird. In Menzelen macht man sich da so seine Gedanken. Am Ende aber bleibt für alle, in West und Ost, der Weg aufs Hochfeld, wo beide Ortsteile auf ewig zusammenkommen. Da nämlich liegt seit 1926, hochwasserfest, der Menzelener Friedhof.

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