VR-Festival "Places" 2019: Diese Ruhrpottler prägen die „Virtual Reality“-Szene

VR-Festival „Places“ : Diese Ruhrpottler prägen die „Virtual Reality“-Szene

Im Gelsenkirchener Stadtteil säen ein paar Kreative eine Keimzelle für die „Virtual Reality“-Szene. Dabei vernetzen sie Macher aus ganz Europa miteinander – und lassen Nutzer zu den schönsten Plätzen unseres Heimatkontinents reisen.

Wenn man sich vorstellt, dass im Zentrum von Europa, im Herzen des Ruhrgebiets, eine treibende Kraft für die Entwicklung und Vernetzung von technisch höchst anspruchsvoller virtueller Realität steckt, dann…, dann kommt einem wohl nicht als Erstes Gelsenkirchen-Ückendorf in den Sinn. Sollte es aber künftig! Denn hier kommen die Macher der „Places“ zusammen, Deutschlands erstem frei zugänglichen „Virtual Reality Festival“. Von Ückendorf aus in fantastische Welten und in entfernte Ecken Europas reisen? Klingt erstmal verlockend.

Auch Menschen, die es nicht so sehr mit Computertechnik haben, werden sich erinnern: „Virtual Reality“ (VR) wird von den Leuten betrieben, die diese dicken Computerbrillen vor den Augen haben und 3D-Controller in den Händen halten. Sie sehen normalerweise nicht, was sich vor ihrer Nase abspielt, sondern was ihnen die Brille vorgaukelt. So wie beim „Places“-Festival im vergangenen Jahr, als die Teilnehmer zwar tatsächlich in einer leerstehenden Gründerzeit-Wohnung standen, mit Augen, Ohren und dem ganzen Hirn mitten in einem 360-Grad-Film waren. So konnten sie etwa virtuell als Angeklagter an einer Gerichtsverhandlung oder einem American Football Spiel teilnehmen. Natürlich schieben manche Skeptiker diese Technik gern in die Ecke, in der sie Computerspiele vermuten. Tatsächlich gibt es aber längst praktische Anwendungen aus Wirtschaft und Medizin. So war es für den Energieriesen RWE möglich, bedenkenschweren Bürgern zu zeigen, wie der Blick aus ihrem Wohnzimmerfenster sich verändert, wenn in der Nähe ein Windrad errichtet wird. Andere Anbieter tourten im Rahmen der Alzheimer-Behandlung durch Krefelder Seniorenheime und zeigten den Erkrankten ihre Simulation von alten Krefelder Straßenzügen – eine erinnernswerte Erfahrung für die älteren Menschen.

Solchen Anwendungen soll das „Places“-Festival auch im kommenden Jahr eine Bühne bieten. Zu den Mit-Initiatoren gehören die Insane Urban Cowboys, ein Netzwerk von Kreativen und Kulturschaffenden aus Gelsenkirchen-Ückendorf, die sich eigentlich etwas viel Bodenständigeres auf ihre Fahne geschrieben hatten: Stadtteilentwicklung. Denn Ückendorf wäre mit seinem leicht vernachlässigten Charme der alten Zechen- und Gründerzeithäuschen zum sensationell günstigen Mietpreis das, was der ideale Keimboden für einen Szenestadtteil wäre – zumindest in Berlin oder Hamburg.

„Natürlich ist das hier ein bisschen rough und ein bisschen Bronx, aber das Potenzial ist da“, sagt Urban Cowboy Roman Milenski (36). Zwischen „Rhodos Grill“ und „Jägerhof“ hat der Stadtteil seinen eigenen Reiz, neulich wurde in einer der urigen Straßen ein Teil von „Der letzte Bulle“ gedreht – unter der Regie von „Bang Boom Bang“-Regisseur Peter Thorwarth. Ruhr-Flair und Hochtechnologie können hier also durchaus gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Die VR-Szene hat nicht nur durch das „Places“-Festival Fuß im Stadtteil gefasst. Die Restauration des Gründerzeit-Hauses „Reichenstein“ wird virtuell begleitet. Und es gibt auf der Bochumer Straße den VRoom, eine Art hochmoderner Spielhalle mit den neuesten Simulationen. Hier fand im Rahmen einer Europawoche auch die virtuelle Europareise statt.

„Die Teilnehmer konnten sich entscheiden: Wo will ich in der virtuellen Welt jetzt mal hinreisen? Das läuft klassisch über Google-Earth oder VR-Earth, so dass man sich etwa zum Eiffelturm beamen kann oder schaut: Wie sieht mein nächster Urlaubsort aus?“, sagt Milenski. Als Kulisse für eine der besten Anwendungen diene der Kölner Dom. „Wenn man sich dorthin beamt, kann man zuerst mal darin rumlaufen wie ein normaler Besucher. Aber man gelangt auch an Orte, an die ein normaler Tourist eben nicht ohne Weiteres hinkommt, etwa aufs Dach“, erklärt Milenski. Fernsicht spielt in der virtuellen Realität eine wichtige Rolle: Man konnte sich bei der Europa-Reise auch auf den Gipfel eines Berges stellen – und sich bis zum Horizont satt sehen, dreidimensional simuliert.

Dass es auch im echten Leben darum geht, Grenzen und Distanzen in Europa zu überwinden, daran arbeiten die „Places“-Macher. Roman Pilgrim, Vorsitzender der Insane Urban Cowboys: „Wir wollen nächstes Jahr VR-Künstler aus ganz Europa holen und in eine WG stecken – so dass sie schon vor dem Festival VR-Kunst erstellen, die sie dann im Rahmen der ,Places‘ vorstellen.“

Es könnte also etwas entstehen in dem Stadtteil, den auswärtige Gelsenkirchen-Besucher bei der Fahrt zur Stadtmitte gern mal links liegen lassen. „Wir geben ein Signal an Gründer und Start-ups: Hier ist eine Keimzelle!“, sagt Urban Cowboy Simon Schlenke (32). Von der virtuellen europäischen Vernetzung spricht auch Roman Pilgrim: „Es wäre natürlich schön, wenn jemand irgendwo in Europa säße, sich die VR-Brille aufsetzte und virtuell über die Bochumer Straße in Ückendorf liefe.“ Und vielleicht wird ja aus dem grauen, alten Ückendorf eine Art Virtual Valley Europas.

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