EU-Serie: Was meine Familie über Europa denkt

EU-Serie: Europa am Kaffeetisch

Fühlt ihr euch eigentlich als Europäer? Das habe ich meine Familie gefragt. Beim Adventskaffee haben drei Generationen über den Brexit, über Roaming, Krieg und Frieden gesprochen.

Ein Samstagnachmittag im Advent. Die Familie sitzt zusammen. Es duftet nach Zimtplätzchen, Kuchen und Kaffee. Nur Lichterketten und zwei Kerzen auf dem Tisch erleuchten den Raum. Ich nutze die Gelegenheit, dass die ganze Familie zusammensitzt, um eine Frage anzusprechen, die ich irgendwo gelesen habe und die mir nicht mehr aus dem Kopf will: „Fühlt ihr euch als Europäer?“

Verdutzte Gesichter. Meine Mutter (58) und meine Oma (79) zucken mit den Achseln. Mein Opa (86) bleibt stumm. Bei meinem Vater (55) und meinem Bruder (17) rattert es in den Köpfen. „Das kommt darauf an“, antwortet dann mein Bruder Hendrik.

Über Europa haben wir uns noch nie unterhalten. Wieso eigentlich nicht? Ist Europa, ist die Europäische Union eine solche Selbstverständlichkeit? „Wir sind da hineingeboren, man kennt es nicht anders“, sagt Hendrik. Nur meine Großeltern haben die Zeit vor der EU (beziehungsweise der EG und der EWG, so hieß das früher) noch erlebt. „Ich war damals ja selbst noch jung“, sagt meine Oma, „ich finde es aber gut, dass wir in der EU sind. Man fühlt sich irgendwie geborgen. Man hat nicht mehr so viel Angst wie früher, dass es Krieg gibt.“

Mein Opa antwortet auf die Frage, was er mit der EU verbindet, sofort: „Die deutsch-französische Freundschaft.“ Er werde nie vergessen, als er im Fernsehen sah, wie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle sich die Hand gaben – „das war für mich eine Sensation“. Mein Bruder und ich kennen die Szene nur aus den Geschichtsbüchern. Es ist das erste Mal, dass wir jemanden so emotional davon erzählen hören. „Manchmal ist es für mich immer noch unbegreiflich“, sagt mein Opa.

Frieden ist für uns alle das höchste Gut. Die ganze Familie ist pro Europa. Das war uns auch vor dieser Diskussion klar, obwohl wir uns nie direkt darüber unterhalten hatten. Wir überlegen, was genau wir an der EU gut finden. „Auf jeden Fall die offenen Grenzen“, sagt meine Mutter Andrea. „Man kennt die Kontrollen ja insbesondere noch aus DDR-Zeiten. Da hat man den Atem angehalten, wenn man die Grenze überquert hat.“ Vieles sei komfortabler durch die Europäische Union, ergänzt mein Vater Ralf. „Wir könnten zum Abendessen in Paris sein, wenn wir wollten. Wir müssten nicht mal Geld wechseln. Mittlerweile kann man sogar zu den gleichen Konditionen wie im Inland telefonieren.“ Wir nicken alle. „Das alles hat ja auch Vorteile für die Wirtschaft, weil der Handel leichter funktioniert“, sagt Hendrik.

Die Freizügigkeit, der Euro, das Datenroaming und den gemeinsamen Handel hätten wir nicht ohne die Europäische Union. Das wissen wir, und doch vergisst man es oft. Aber sonst? Wo bemerken wir in unserem ganz persönlichen Alltag die Europäische Union? Da wird es schwierig. Keiner von uns hat einen Schüleraustausch oder ein Erasmus-Jahr gemacht, keiner pendelt über die Grenze. Schulterzucken.

Aber meinem Vater fällt etwas ein. „Es gibt natürlich das Europa-Schützenfest. Das finde ich klasse“. Mein Vater, begeisterter Schütze und langjähriges Mitglied in einem Verein, hat selbst schon daran teilgenommen. „Es findet alle drei Jahre statt“, erzählt er – zuletzt 2018 in Leudal, in den Niederlanden. Schützen aus Kroatien, Schweden, Polen, Frankreich und Italien nehmen auch teil. „Ich finde, das ist auch ein Zeichen von europäischer Gemeinschaft – dass selbst ein Schützenfest, das eigentlich als traditionell deutsch gilt und vielleicht auch als konservativ, auf europäischer Ebene gelebt wird.“

Wir lachen über das typische Papa-Thema. Aber er hat recht. Durch solche Veranstaltungen kann Europa gelebt werden. „Europameisterschaften, der Eurovision Song Contest, Interrail. Es gibt viele Möglichkeiten zusammenzukommen“, sagt meine Oma.

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Wenn man über die große Gemeinschaft nachdenkt, ist ein Thema allerdings unvermeidlich – der Brexit. Ich selbst habe mir früher wenig Gedanken über die EU gemacht. Ich habe zwar in der Schule gelernt, wer Mitglied ist und wie die verschiedenen Organe funktionieren; wir waren auch im Europäischen Parlament zu Besuch. Aber ich habe die gesamte EU nie hinterfragt, geschweige denn an ihrem Fortbestehen gezweifelt. Seit Großbritannien austreten möchte, habe ich aber zum ersten Mal das Gefühl: Die Europäische Union ist vielleicht doch nicht so stabil, wie wir bisher dachten.

Der Brexit sei eine Katastrophe, findet mein Opa. „Dass sie es wirklich durchziehen wollen, kann ich immer noch nicht glauben“, pflichtet mein Vater bei. Wir sprechen darüber, dass Europa auch andere Krisen durchgemacht hat. Griechenland zum Beispiel. „Das Thema war für mich eher bürokratisch. Politiker streiten um Finanzen, das tun sie oft. Aber es spiegelte auch das Füreinandereinstehen wider, sich gegenseitig zu helfen. Beim Brexit ist das anders“, sage ich. „Es fühlt sich an, als verlöre man einen Freund.“

An diesem Punkt liegt die Frage nahe, ob wir es für möglich halten, dass auch Deutschland aus der EU austritt. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt meine Oma, und auch mein Opa meint: „Auf keinen Fall.“ Auch mein Bruder glaubt nicht daran, aber er befürchtet, dass noch einige Staaten dem britischen Beispiel folgen könnten. Mein Vater ist sich in Sachen Deutschland nicht so sicher. „Zurzeit gibt es aufkeimende nationalistische Strömungen in vielen Ländern, sei es der Front National in Frankreich oder die AfD in Deutschland. Die sind EU-kritisch eingestellt und denken nationaler. Wenn diese Kräfte stärker werden würden, wenn die AfD zum Beispiel die Regierung stellen würde in Deutschland, würde sich die Frage stellen, ob Deutschland aus der EU austritt. Dann würde das Gebäude ganz gewaltig wackeln. Die EU könnte das nicht überleben.“

Draußen ist es mittlerweile völlig dunkel. Die Kerzen sind fast heruntergebrannt. Zeit, zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Fühlt ihr euch als Europäer? Ich hätte die Frage intuitiv mit Ja beantwortet, aber das Zögern der Anderen lässt mich das überdenken. Hendrik hatte ja gesagt, es komme darauf an. Ich frage ihn, was er damit meint. „Manchmal ist die Gemeinschaft, die eigentlich da sein sollte, nicht wirklich da. Auch in der Schule sind manche Nationen immer noch unter sich. Man fühlt sich den Menschen aus Europa schon näher als etwa den Amerikanern.“ Aber gleich fühle man sich nicht. Das sei aber nicht unbedingt schlecht.

„Das finde ich auch“, sagt Oma. „Überall gibt es verschiedene Traditionen, Geschichten und Identitäten. Es ist doch gut, dass wir nicht alle gleich sind.“ Meine Mutter sagt, man identifiziere sich schon mit den Werten der EU, aber man stelle sich nicht mit „Hallo, ich bin Europäer“ vor. Das sind, meint mein Vater, auch die Gründe, weshalb er zwar auf jeden Fall für die Europäische Union, aber gegen Vereinigte Staaten von Europa sei, als ähnliches Konstrukt wie die USA. „Dafür sind die Mentalitäten doch zu unterschiedlich. Man muss jedem sein eigenes Heim lassen.“

Wir alle können uns die „United States of Europe“ nicht recht vorstellen. Aber ein wachsendes Gemeinschaftsgefühl und mehr europäische Identität, das wünschen wir uns trotzdem. „Europa kann ja auch eine sekundäre Identität sein“, sagt meine Mutter. Man könne doch Deutscher sein und dennoch Europäer. Europa sei eben ein Teil der Persönlichkeit, nicht die ganze.

Zum Schluss sagt Hendrik noch den wohl wichtigsten Satz heute. „Man muss viel mehr über Europa sprechen. Nicht nur Nachrichten schauen und abwarten, was passiert. Man muss was machen.“

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