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Xanten: WDR-Moderatorin Gisela Steinhauer über ihr Buch „Der schräge Vogel fängt mehr als den Wurm“

Lesung mit WDR-Moderatorin Gisela Steinhauer in Xanten : Gespräche mit besonderen Menschen

Radio-Moderatorin Gisela Steinhauer las in Xanten aus ihrem neuen Buch „Der schräge Vogel fängt mehr als den Wurm“. Ihr langjähriger Freund Jürgen Kappel aus Xanten führte durch die VHS-Veranstaltung.

Die Frau hat ja so recht: „Solange du niemandem schadest, kannst du denken und machen, was du willst“, befand Gisela Steinhauer, als sie jetzt im Kriemhildsaal vor gut 30 vornehmlich weiblichen Zuhörern ihr neues Buch vorstellte. Jürgen Kappel moderierte die Veranstaltung der Volkshochschule. Die beiden kennen sich gut. „Jürgen und ich haben uns vor einer Million Jahren bei Missio kennengelernt – und waren schockverliebt“, bekannte die eloquente Journalistin, die unter anderem bei WDR 2 die „Sonntagsfragen“ und bei WDR 5 das Tischgespräch moderiert und in ihrer 30-jährigen journalistischen Laufbahn einige tausend Menschen interviewt hat.

In ihrem Buch „Der schräge Vogel fängt mehr als den Wurm“ erzählt sie von 30 dieser Menschen, die einen Weg eingeschlagen haben, der so gar nicht zu ihrem bisherigen Leben zu passen schien oder deren Lebensweg die Autorin besonders beeindruckt hat. Unter ihnen auch Günter Grass, den sie einmal für den WDR-Montalk interviewt hat. Dessen Gattin, das merkte sie in der Lesung an, habe sie und ihr Team schmallippig empfangen, als sie im Wallraffschen Haus in einem Dorf bei Lübeck anklingelte. Denn ein Grass, „der kommt nicht zum Sender nach Köln, der lässt kommen“. Eine Woche habe sie sich auf das Gespräch mit dem Literaten vorbereitet, der anfangs zugeknöpft gewesen sei. Erst ihre Frage, wieviel von dem, was er ihr jetzt erzählen werde, denn der Wahrheit entspreche, habe Grass aufhorchen lassen und aus der Reserve locken können.

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Bevor sie auch im Duett mit Jürgen Kappel aus dem Buch las und immer wieder ins angenehme Plaudern kam, erzählte Steinhauer aus ihrem Leben. Sie sei mit den Eltern, Großeltern und drei Geschwistern in einem Haus in Aachen aufgewachsen, das der Vater und der Opa selber gebaut hatten. „Wir Kinder in der obersten Etage, Oma und Opa in der Mitte, die Eltern unten“. Radfahren und Canasta spielen hätten ihr die Großeltern beigebracht, die Oma habe die Enkel „mit Klosterfrau Melissengeist abgeschossen, wenn wir mal krank waren“. Die Mutter sei sehr fromm, der Vater ein Zweifler gewesen, der viel gereist sei und von seinen Reisen Rezepte und Gewürze mitgebracht habe, die die Mutter dann nachkochen musste. „Aber er hat uns nie gezwungen das zu essen, wenn wir nicht wollten“.

Sie habe lange nicht so recht gewusst, „was ich anfangen soll mit diesem Leben, das man sich nicht ausgesucht hat, mit dem man aber irgendwie klarkommen muss“, gab sie zu. Sie sei dann schließlich Journalistin geworden, weil sie für diesen Beruf die besten Voraussetzungen mitgebracht habe: „Offen sein und ein Stück weit auch bekloppt“.

Meckerer, Leute im Nöhl-Modus, die möge sie nicht. Menschen, die ihr Leben in zwei Halbzeiten einteilten und austesteten, was noch gehe, denen begegne sie dagegen mit größtem Respekt. „Sie sind alle aufgebrochen mit der Zuversicht, dass das klappen wird, aber auch schief gehen kann“, sagte sie. So wie Uli Gottwald, von dem sie in ihrem Buch erzählte. Der sei früher U-Boot-Kommandant gewesen und wurde später Schamane. Den habe sie anfangs skeptisch beobachtet, als er erzählte, dass er einem am Auge verletzten Pferd die Sehkraft zurück gegeben habe. „Der hat doch ‘ne Meise: Kommt mit einer Rassel an, wedelt mit einer Feder vor dem Auge des Tieres herum“, habe sie für sich gedacht – und war erstaunt, dass das Pferd tatsächlich wieder sehen konnte. Das sei wissenschaftlich nicht zu erklären, aber es stimme. „Es gibt Menschen, die haben eine Aura. Die hat Uli Gottwald auch“, so Gisela Steinhauser.

Und dann erzählt sie in der Lesung von Fritz Roth, der auch in ihrem Buch vorkommt, aber schon tot sei. „Anfang 60 war er, als er die Diagnose Krebs bekam“. Fritz, von Haus aus Industriekaufmann, „hat das Bestattungswesen revolutioniert“, sagt Gisela Steinhauer über den Bestatter und Trauerbegleiter, der den ersten privaten Friedhof in Deutschland gegründet hat. Ein kluger Mann, der Welt und den Menschen zugewandt. Einer, der zuhören konnte. „Er ruhte in sich“, sagt sie und muss schlucken, als sie von der letzten Begegnung mit ihm vor zehn Jahren erzählt. „Der Tod ist wie ein Erdrutsch: Wenn er kommt, kann man nur hoffen, dass da eine Hand ist, die einen hält“, habe er einmal gesagt. Stille im Publikum, zustimmendes Kopfnicken.

„Zuhören können“ , antwortete Gisela Steinhauser auf die Frage von Moderator Jürgen Kappel, wie sie den Draht zu Menschen bekomme. Und erzählte Sekunden später von Jutta, die im Sinai Frauenreisen durch die Wüste organisiert und sie am Ende des Interviews aufgefordert habe, doch einmal mitzumachen. „Nee, will ich nicht“, habe sie dankend abgelehnt. Um dann doch mitzufahren. „Und was soll ich sagen: Wir hatten jede Menge Spaß“. Überhaupt keinen Spaß dagegen hätte es ihr gemacht, Inge Meysel zu interviewen. Als ein Sender sie darum bat, habe sie sich geweigert: „Inge Meysel war chronisch schlecht gelaunt“.

Gut gelaunt waren dagegen die Zuhörer und Zuhörerinnen im Kriemhildsaal, die endlich mal ein Gesicht zu der Stimme aus dem Radio bekamen. „Ich habe gedacht, Sie sind groß und haben einen Hund“, sei übrigens das Schlimmste, was einmal eine Frau zu ihr gesagt habe, warf die bekannte Moderatorin ein, bevor sie darum bat, nicht zu zögern und ihr schräge Typen zu nennen, mit denen sie mal ins Gespräch kommen müsste. Und dann war sie noch einmal gerührt, in eigener Sache. Als nämlich Jürgen Kappel die Journalistin und Schriftstellerin Dörte Hansen zitierte: „Ein Gespräch mit Gisela Steinhauer ist wie ein Tanz. Sie führt, und beide schweben elegant und sicher über das Parkett“. Dem war nichts mehr hinzu zu fügen.

(jas)