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Ballon-Flucht aus der DDR: Günter Wetzel berichtet darüber in Xanten

Vortrag von Günter Wetzel : Ballon-Flüchtling kommt nach Xanten

Auf Einladung des Wardter Geldmuseums kommt Günter Wetzel nach Xanten und berichtet, wie er 1979 zusammen mit seiner Frau und einer weiteren Familie aus der DDR herauskam – mit einem Heißluftballon: „Rückblickend hatten wir ein Riesenglück.“

Xanten/Wardt Als Günter Wetzel ein junger Mann war, hätte er nicht so einfach nach Xanten fahren können. Damals lebte er in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Grenze zum Westen war befestigt, und eine Ausreise wurde einem normalen Bürger erst nach Jahren genehmigt – wenn überhaupt. Tausende flüchteten deshalb. Auch Wetzel, zusammen mit seiner Frau und einem weiteren Ehepaar. Mit einem selbstgebauten Heißluftballon flogen sie am 16. September 1979 über die Grenze.

Davon wird der 65-Jährige Ende Oktober in Xanten erzählen: Das Museum rund ums Geld in Wardt und der Reeser Geschichtsverein holen Wetzel an den Niederrhein. Am Freitag, 30. Oktober, ist er zunächst in Rees zu Gast, einen Tag später in Xanten: Am Samstag, 31. Oktober, referiert Wetzel ab 17 Uhr im Dom St. Viktor und berichtet in einem Bildervortrag über das Leben in der DDR, die Vorbereitungen der Flucht, die spektakuläre Ballonfahrt und den Neuanfang im Westen. Im Vorfeld hat RP-Mitarbeiter Michael Scholten, der auch Mitglied im Reeser Geschichtsverein ist, mit Wetzel gesprochen. Hier Auszüge:

Günter Wetzel vor dem ausgebreiteten Originalballon (Archiv). Foto: Günter Wetzel

Herr Wetzel, wie kamen Sie damals auf die Idee, einen Ballon zu bauen?

Günter Wetzel Meine Schwägerin aus dem Westen kam zu Besuch und brachte eine Zeitschrift mit. Darin stand ein Bericht über das jährliche Treffen der Ballonfahrer in Albuquerque, New Mexiko. Peter Strelzyk und ich waren uns einig: So einen Ballon kriegen wir auch hin.

Sie und Ihre Frau sind zusammen mit dem Ehepaar Strelzyk geflohen In welchem Verhältnis standen Sie zu Peter Strelzyk?

Wetzel Wir waren keine Freunde, aber Kollegen, die eine Zweckgemeinschaft bildeten. Wir arbeiteten als freie Elektriker, ohne selbstständig zu sein. Man durfte in der DDR Feierabendarbeit machen. So gesehen haben wir den ganzen Tag Feierabendarbeit gemacht. Wirtschaftlich ging es uns für DDR-Verhältnisse gut. Man konnte die Aktion mit dem Ballon auch nur starten, wenn man Geld hatte. Wir mussten ja viel Stoff kaufen.

Woher wussten Sie damals, wie man einen Ballon baut?

Wetzel Wir haben mit Hilfe von Physikbüchern ausgerechnet, wie groß der Ballon sein muss, damit er uns tragen kann. Der erste Ballon, den wir gebaut haben, war eine Fehlkonstruktion mit luftdurchlässigem Stoff. Der zweite Ballon bestand aus Taftstoff, war aber zu klein für zwei Familien. Die Strelzyks haben es allein versucht und sind kurz vor der Grenze runtergekommen. Dann haben wir unter Zeitdruck einen dritten Ballon gebaut, während uns die Stasi dicht auf den Fersen war.

Waren Sie überzeugt, dass der letzte Fluchtversuch gelingen würde?

Wetzel Wir haben unseren Frauen so oft gesagt, dass nichts passieren wird, bis wir es am Ende selbst geglaubt haben. Als wir in der Luft waren, war die Anspannung aber doch enorm. Rückblickend hatten wir ein Riesenglück.

Die Flucht wurde akribisch in den Stasi-Akten dokumentiert. Haben Sie alle Einträge gelesen?

Wetzel Wir konnten 1993 unsere Akten einsehen. Das waren 2000 Seiten. Nach einem halben Tag ist mir das aufs Gemüt geschlagen, weil mich viele Dinge negativ überrascht und menschlich enttäuscht haben. Zum Beispiel, wer uns alles bespitzelt hat. In den Berichten standen aber auch interessante Ballon-Details, die ich längst vergessen hatte. Es war auch interessant zu lesen, wie sich die Stasi-Leute gegenseitig die Schuld für unsere Flucht gaben. Es lag an Mängeln bei der Fahndung, dass wir nicht erwischt wurden. Ein paar Tage später hätte uns die Stasi verhaftet.

1989 fiel die Mauer. Haben Sie jemals gedacht: Wenn wir das gewusst hätten, wären wir zehn Jahre vorher nicht mit dem Ballon geflohen?

Wetzel Nein. Wir hatten durch unsere Flucht einen deutlichen Vorlauf und konnten etwas aufbauen. Nach der Wende haben die „Ossis“ gerade den grenznahen Raum überflutet, was der Westen nicht unbedingt positiv gesehen hat. Bei uns war das anders. Wir sind sehr positiv empfangen worden.