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Zu viele Bagatellfälle in der Notfallambulanz des Krankenhauses Kempen

Notfallversorgung : Zu viele leichte Fälle in der Notaufnahme

In der Notfallambulanz des Kempener Krankenhauses werden viele Patienten behandelt, die eigentlich zum Hausarzt oder in eine Notdienstpraxis müssten. Eine solche Einrichtung gibt es in Viersen. Das ist vielen Kempenern zu weit.

Das Thema beschäftigt seit Jahren auch die Verantwortlichen des Hospitals zum Heiligen Geist in Kempen: Notfallambulanzen an Krankenhäusern werden häufig von Patienten aufgesucht, die eigentlich zu ihrem Hausarzt gehen müssten oder außerhalb der Sprechzeiten in eine Notdienstpraxis. „Wir haben eine Vielzahl von Patienten, die mit kleineren Verletzungen oder leichten Erkrankungen zu uns in die Notfallambulanz kommen und selbstverständlich auch behandelt werden“, sagt Rubin Mogharrebi. Der 47 Jahre alte gebürtige Kölner ist seit September 2018 Leitender Arzt der zentralen Notaufnahme des Hospitals zum Heiligen Geist an der Von-Broichhausen-Allee in Kempen.

In der Notaufnahme des Krankenhauses werden pro Tag bis zu 120 Patienten rund um die Uhr versorgt. Neben Mogharrebi, der den Fachartzt für Chirurgie und Allgemeinmedizin hat und auch in Sportmedizin ausgebildet ist, gibt es im ärztlichen Team jeweils einen Funktionsoberarzt für Chirurgie und Innere Medizin. Im Falle des Falles können Ärzte aus anderen Fachabteilungen des Hospitals hinzugezogen werden. Insgesamt 22 Pflegefachkräfte betreuen die Patienten in der Notaufnahme.

Dass es in Kempen keine eigene Notdienstpraxis gibt, bedauert Mogharrebi. „Das würde unsere Ambulanz sehr entlasten“, sagt er. Auch Thomas Paßers, Geschäftsführer des Hospitals, das seit Anfang 2012 zur privaten Artmed-Gruppe gehört, findet es sinnvoll, wenn ans Kempener Krankenhaus eine Notdienstpraxis angedockt wäre.

Als vor fünf Jahren die ärztliche Versorgung der niedergelassenen Ärzte im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein neu aufgestellt wurde, wurde das alte System der Notdienste von Haus- und Fachärzten außerhalb der Sprechzeiten abgeschafft. Stattdessen wurden Notdienstpraxen verbindlich eingeführt. Für den Kreis Viersen gibt es eine solche Anlaufstelle für Patienten seither nur in Viersen, angedockt ans dortige Allgemeine Krankenhaus (AKH). Zuvor hatte es mehr als zehn Jahre lang für den Westkreis und die Gemeinde Grefrath zwei Notdienstpraxen am St.-Cornelius-Hospital in Dülken und am Städtischen Krankenhaus Nettetal in Lobberich gegeben. Betrieben wurden diese beiden Einrichtungen von der Gesundheitsnetz Viersen AG, einem Zusammenschluss von niedergelassenen Ärzten in der Stadt Viersen, im Westkreis und Grefrath.

In Kempen gibt es eine solche Anlaufstelle für Patienten nicht. Für viele Patienten aus Kempen ist der Weg zur Notdienstpraxis nach Viersen mit fast 20 Kilometer zu weit. Aus St. Hubert oder erst recht aus Tönisberg ist die Fahrt dorthin noch weiter. Da ist der Weg in die Notfallambulanz des Kempener Krankenhauses einfach kürzer und vor allem bequemer. Das Hospital hat 2017 seine Notaufnahme aufwendig modernisiert. Dafür wurde das Erdgeschoss des so genannten B-Traktes mit Millionen-Aufwand umgebaut. Schwerer Erkrankte und Unfallopfer, die mit dem Rettungswagen von der Mülhauser Straße aus zum Hospital gebracht werden, können in einem separaten Bereich erstversorgt werden. Für leichtere Fälle gibt im vorderen Bereich einen Warteraum und Behandlungsräume.

Die Zahl der Notfälle ist in den vergangenen Jahren auch im Kempener Krankenhaus deutlich gestiegen. „Leider kommen zu uns viel zu viele Patienten mit kleineren Blessuren, die bei ihrem Hausarzt besser aufgehoben wären“, sagt Notfallmediziner Mogharrebi. „Viele ältere Patienten meinen, sie würden im Krankenhaus besser versorgt, was nicht stimmt.“ Mogharrebi, der um ein gutes Verhältnis zu seinen niedergelassenen Kollegen in Kempen bemüht ist, bricht eine Lanze für den Hausarzt alter Schule. „Der kennt in der Regel seinen Patienten viel besser als wir und kann so auch schneller eine zielgerichtete Behandlung einleiten, die keinen Krankenhausaufenthalt nötig macht“, so der Leiter der Notaufnahme.

Dass eine bessere Verzahnung von Kliniken und niedergelassenen Ärzten sinnvoll ist, weiß auch Hospital-Geschäftsführer Paßers. „Da gibt es im Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn durchaus gute Ansätze“, sagt er. Es gehe vor allem darum, die Wartezeiten in den Ambulanzen der Krankenhäuser zu reduzieren. Die sind auch im Kempener Hospital zuweilen ein Problem. „Wenn wir schwere Fälle, etwa nach einem Verkehrsunfall, behandeln müssen, dann müssen Patienten mit Bagatellerkrankungen warten. Das kann dann auch schon mal drei bis vier Stunden dauern“, sagt Mogharrebi. Generell würden die Patienten bei der Aufnahme in der Ambulanz nach der Schwere ihrer Verletzungen oder Erkrankungen eingeteilt. Dazu gibt es gesetzliche Vorgaben, die eingehalten werden müssen.

Grundsätzlich könne es nicht sein, dass Patienten sogar während der regulären Sprechzeiten der niedergelassenen Ärzte zur Notfallambulanz kämen, nur weil in den Praxis des Hausarztes das Wartezimmer sehr voll sei, so Mogharrebi. Und noch eins haben er und sein Team festgestellt: Vor allem jüngere Patienten kämen ins Krankenhaus etwa mit einem leichten Infekt, bei dem ein Hausmittel oder ein Arzneimittel aus der Apotheke ausreichen würde. Auch einer kleinere Verletzung könnte leicht selbst mit einem Pflaster verbunden werden.

Geschäftsführer Thomas Paßers (links) und der Leiter der Notfallambulanz, Rubin Mogharrebi, im Kempener Krankenhaus. Foto: Hospital

Dass für solche Bagatellfälle zuweilen sogar der Rettungsdienst über die Notrufnummer 112 bemüht wird, ist es ganz anderes Thema.