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Serie: Oedter Ortsgeschichte (8)

Serie - Oedter Ortsgeschichte (8) : Niers war einst nur schwer zu überqueren

Der Fluss bei Oedt war jahrhundertelang eine Territorialgrenze. Von ehemals 19 Niers-Querungen sind heute zehn Brücken erhalten.

Die Niers bei Oedt bildete viele Jahrhunderte eine Landesgrenze. Wer sie durchquerte oder überquerte, war Grenz- und Zollformalitäten ausgesetzt. Das Amt Oedt gehörte bis 1797 zum Kurfürstentum Köln. Am gegenüberliegenden Ufer grenzten die Herzogtümer von Geldern beziehungsweise Jülich-Kleve-Berg. Das änderte sich erst mit der französischen Herrschaft am linken Niederrhein. Als die Franzosen 1814 abzogen, wurde das gesamte Territorium Preußen zugeschlagen. Damit war die Niers als Landesgrenze aufgehoben, aber als Kommunalgrenze existierte sie noch bis zur Neugliederung von 1970, als Oedt und Grefrath zu einer Gemeinde zusammengelegt wurden.

Dazu kamen die natürlichen Begebenheiten. Der Niersbruch war vor Hunderttausenden von Jahren ein alter Rheinarm, der von Neuss kommend sich durch das heutige Nierstal in Richtung Maas wälzte. Es entstanden in der Folgezeit Brackwasserseen, Sümpfe und Moore, die nur in Zeiten langer Dürre oder starken Frostes zugänglich waren.

In diese Gegend Wege und Straßen zu bauen, die auch über die Niers führen sollten, war für alle Beteiligten ein schwieriges Vorhaben. So wurde erst spät damit begonnen, die Niers zu überbrücken. Zunächst waren es Furten, durch die bei Niedrigwasser Fußgänger und Karren mit ihren großen Rädern an weniger verschlammten Stellen das Wasser durchquerten. Erst spät wurden Stege und Brücken gebaut, zunächst aus Holz, dann auch aus Stein und Eisen.

Vom Oedter Gebiet aus, vom Hagen im Süden bis zur Neersdommer Mühle im Norden, wurde in den folgenden 350 Jahren eine Reihe von Übergängen gebaut. Heute sind es fünf Straßenbrücken, vier Fußgänger- und Fahrradbrücken und ein Steg an der Neersdommer Mühle. Vor der Verlegung der Niers in den Jahren von 1926 bis 1928 gab es in diesem Bereich insgesamt 19 Übergänge: acht Fahrbrücken, fünf Fußgängerbrücken, vier Stege und zwei Eisenbahnbrücken. Vorher konnten die Niers oder die Flutgräben bei den Mühlen an fünf Stellen an hergerichteten Furten durchfahren werden.

Eine der längsten Furten lag zwischen Mülhausen und Grefrath, unterhalb des Niersstaus der kurkölnischen Mühle zu Mülhausen. Wo das Wasser niedrig war, musste man mit seinem Karren oder Fuhrwerk durch das Flussbett fahren. Der Weg war durch die Niers etwa 500 Meter lang. Als geeignete Möglichkeit zum Einstieg in das Niersbett bot sich eine Stelle am Ufer des späteren Dinckhofs auf der Mülhausener Seite an. Erst am Gut Bronkhorst gab es einen befestigten Weg, der in Richtung Dorenburg nach Grefrath führte. Damit konnten die kurkölnischen Ämter Kempen und Oedt mit dem geldrischen Amt Krickenbeck verbunden werden. Diese Furt war schwer zu durchschreiten, in einem schlechten Zustand und mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden. Der Übergang dauerte, mit beladenen Karren oder Pferdewagen, mit Vieh im Gefolge, oft mehr als eine Stunde.

Wenn das Wasser hoch genug stand, konnte auch ein Nachen, ein flacher Fährkahn, für eine Überquerung der Niers eingesetzt werden. Eine solche Fährstelle gab es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts südlich der Mühle in Mülhausen, als von der Grefrather Seite ein Damm durch das Sumpfgebiet gebaut worden war. Auf diesem Damm liegt heute die Grefrather Straße. Der Nachen war so lang, wie die Niers an dieser Stelle breit war. Durch ein Hinüberschwenken konnte eine trockene Verbindung über das Gewässer hergestellt werden. Die Niers floss bis zur Verlegung ihres Flussbettes zwischen 1926 und 1928 noch dicht an Mülhausen vorbei. Schließlich musste auf militärischen Befehl hin eine feste Brücke gebaut werden. Eine Karte von 1788 zeigt die feste Brückenverbindung über die Niers. Jetzt wurde hier sogar ein Schlagbaum aufgestellt und Zoll erhoben. Weitere drei kleinere Brücken lagen auf dem Klostergelände. Sie verbanden Kloster und Lyzeum mit dem Klosterpark, der westlich der Niers lag.

Die Eisenbahnbrücke von 1870 zwischen Oedt und Hagenbroich verband damals Kempen mit Süchteln. Foto: Alfred Knorr

Eine Furt gab es auch an der Neersdommer Mühle. Sie konnte aber in gerader Fahrt durchquert werden. Von dort führte ein schmaler Weg nach Vinkrath, Grefrath oder Wankum. Bevor hier 1907 eine erste Straßenbrücke gebaut wurde, gab es enge Stege für Fußgänger und Handkarren.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Brücken an der Langendonker Mühle gebaut. Diese Verbindung zwischen Mülhausen und Vinkrath war bereits für Pferdefuhrwerke geeignet, denn vorher gab es nur kleine Stege bei der Mühle. Die eine Brücke überquerte die Niers, die andere den Flutgraben der Mühle.

Die Brücke zwischen Oedt und Hagenbroich nahe der Oedter Mühle in einer Aufnahme nach 1903. Foto: Alfred Knorr

Die älteste Fahrzeugbrücke liegt ebenfalls zwischen Oedt und Hagenbroich. Die so genannte Zoll- oder Mühlenbrücke lag auf der heutigen Mühlengasse nahe der Oedter Mühle. Eine Verkehrsverbindung an dieser Stelle ist schon in einer Karte von 1647 eingezeichnet, doch lässt sich nicht erkennen, ob es sich um eine Furt oder eine Brücke handelt. Spätestens 1656 gibt es die Zollbrücke zwischen Kurköln und dem Jülicher Land.

Weitere Niersquerungen existieren noch mit der so genannten Kunstbrücke am Fritzbruch am südlichen Ortsrand von Oedt, mit der modernen Straßenbrücke der südlichen Umgehungsstraße von Grefrath (Bundesstraße 509) sowie mit der Stegbrücke, die Oedt mit dem Flugplatz und Grefrath verbindet. Alle bis dahin existierenden Brücken wurden 1945 durch die Wehrmacht gesprengt, um das Vorrücken der amerikanischen Truppen zu erschweren. Kurze Zeit später wurden sie wieder aufgebaut.