Hückelhoven: Ersatzfamilie: Vier Nationen feiern unter einem Dach

Hückelhoven : Ersatzfamilie: Vier Nationen feiern unter einem Dach

Das zweite Weihnachtsfest nach der Flucht im neuen Zuhause von drei Jugendlichen bei Pflegevater Michael K. (41).

"Pflegevater öffnet Haustür und Herz" lautete eine Überschrift in der Weihnachtsausgabe 2015. Ein Lehrer hatte zwei Jugendlichen aus Afghanistan und Syrien ein Zuhause auf Zeit geboten. Kurz vor Heiligabend war ein dritter minderjähriger Flüchtling aus dem Irak hinzugekommen. Ein Vierter konnte sich nicht integrieren, er wurde nach wenigen Monaten in eine Einrichtung der Jugendhilfe gebracht. Sieht man die Drei heute, freut man sich über breit lächelnde Jungs, denen es gut geht. Angela Merkels "Wir schaffen das!" - in dieser Pflegefamilie trifft das zu.

Vor einem Jahr war für Michael K. noch kein Dialog mit seinen Schützlingen möglich, doch sie haben fast schon streberhaft Deutsch gelernt und können jetzt dem Gespräch, das die Redaktion im städtischen Jugendamt führt, mühelos folgen. Der 41-Jährige erzählt von einem turbulenten Familienleben mit Aman (16) aus Afghanistan sowie Ahmad aus Syrien und Max* aus dem Irak, die beide am 1. Januar 18 werden. Sie mögen sich, haben sich mit ihren Eigenheiten arrangiert, ringen um Regeln, necken sich, streiten sich und vertragen sich wieder. "Da wird auch schon mal geschrien - bis einer lacht", sagt Michael K., und die Jungs kichern.

Ein halbes Jahr fand der Lehrer für die Jugendlichen keinen Schulplatz, "das war sehr anstrengend und ermüdend". Ahmad ist schon anerkannter Flüchtling mit der Genehmigung, drei Jahre zu bleiben. Er besucht das Berufskolleg Geilenkirchen, macht einen 9er-Abschluss und spielt mit dem Gedanken, Elektriker zu werden. Aman, der als früherer Ziegenhirte und Analphabet gekommen war, hat Schreiben und Lesen gelernt. Michael K. nahm Aman und Max mit in seine Schirmerschule in Jülich, Förderschule für Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung. "Max wird geliebt von allen Kollegen", erzählt der Lehrer, "und er hat beim Weihnachtsmarkt-Basar mitgemacht." Alle sind wahnsinnig fleißig, üben zu Hause zwei, drei Stunden, sind Klassenbeste, lobt Michael K.: "Bisher sind sie wirklich gelungen!"

Der Pflegevater fühlt sich gut unterstützt von der Schule und dem Jugendamt Hückelhoven, über dessen Begleitung er sagt: "Man wird ergänzt, nicht bestimmt, und viel bestärkt." Jugendamtsleiter Ralf Schwarzenberg ist dankbar für K.s Engagement. "Er hält das tapfer durch. Zwei andere Pflegefamilien haben aufgegeben. Da passen Lebenswelten nicht, was man an Absichten und Wünschen hat." 29 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge musste die Stadt unterbringen. Hilke Grunow-Kürsch vom Pflegekinderdienst kann gar nicht genug Worte der Anerkennung finden für den Lehrer mit seiner "unglaublichen Geduld und Toleranz, Aufopferungsbereitschaft und Hingabe". Der wiegelt bescheiden ab: "Das hätte ich nicht geschafft ohne Unterstützung."

Durch bessere Sprachkenntnisse kann Michael K. nun auch den Geschichten der Drei mit mehr Verstehen zuhören. Ahmad, der zu den Taliban gezwungen werden sollte und Eltern in Aleppo hat, wollte erst weg vom Pflegehaus, zu seinen Cousins. Anders heute: "Ich will noch bleiben, und wenn ich umziehe, dann Dortmund nicht." Max verkroch sich die ersten Monate - misstrauisch gegenüber den Behörden - in seinem Zimmer, konnte nicht glauben, dass man ihm nur Gutes wollte. Er ist sichtlich aufgeblüht und will unbedingt einen Ausweis haben. Die beiden fast Volljährigen sollen nächstes Jahr den Führerschein machen. Alle müssen lernen, mit Geld umzugehen. Lieblingsspiel: Prozente suchen. Da kichern die Jungs wieder.

Aman kocht viel für sich selbst, denn sein Essen muss "halal" (nach den Regeln des Koran) sein. Seine tägliche Teestunde ist ihm heilig. "Wir kaufen viel in türkischen Läden", berichtet der Lehrer. "Auch arabisches Brot in einem arabischen Laden in Hückelhoven." Aman, dessen vier Geschwister und Vater in Afghanistan hingerichtet worden waren, sorgt sich um zwei überlebende kleine Brüder und die Mutter, die für sie betteln geht. Dass sie nichts zu essen haben, schmerzt ihn. Michael K.: "Das beschäftigt ihn schon sehr." Am liebsten würde Aman die Familie nachholen, aber Hilke Grunow-Kürsch kann da keine Hoffnung wecken: "Bei den wenigsten gelingt es, die Eltern herzuholen, es hat von den 29 bisher niemand geschafft." Zu den Sorgen kommt die eigene Ungewissheit, so die für minderjährige Flüchtlinge zuständige Mitarbeiterin: "Die zwei wissen noch nicht, ob sie bleiben können."

Menschen aus dem Ort sind der Familie mit vier Nationen unter einem Hut sehr zugetan, haben Plätzchen gebacken, zu Feiern eingeladen, Geschenke ins Haus gebracht. Ablehnung spüren die jungen Flüchtlinge hier nicht. "Ich kenne niemand, der nicht nett zu mir ist", beteuert Ahmad, "wenn ich nett bin, sind andere auch nett."

Dass einer in der Ersatzfamilie wütend wird, kommt vor, ist aber kein Drama. "Mit Ahmad zu streiten, macht am meisten Spaß", meint Michael K. augenzwinkernd. "Er hat Spaß daran, andere auf die nette Weise zu ärgern." Ahmad lacht bestätigend. "Die schönen Momente waren definitiv die meisten", zieht Michael K. Bilanz des Jahres. "Wir haben immer Spaß, es ist immer laut. Es entwickelt sich zu einer Ersatzfamilie."

(gala)
Mehr von RP ONLINE