1. NRW
  2. Städte
  3. Emmerich

Gerhard von Ophuysen aus Rees rettete moderne Medizintechnik.

Gerhard von Ophuysen aus Rees rettete moderne Medizintechnik : Langes Leben auf der Warteliste

Hans Milbers lebt mit einem Spenderherz, Gerhard von Ophuysen aus Rees rettete moderne Medizintechnik.

Hans Milbers (62) ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Und das mehr als nur einmal. Der Duisburger ist 49 Jahre alt, als vor 13 Jahren bei ihm die Beschwerden beginnen: Er leidet an einem schwachen Herzmuskel und Herzrhytmusstörungen. Die Folge: Erst fallen ihm körperliche Anstrengungen schwer, anschließend das Treppensteigen, dann das Gehen überhaupt. „2016 und 2017 wurden die Komplikationen immer schlimmer“, berichtet Ulrich Krüger, Leiter der Transplantationsambulanz im Duisburger Herzzentrum. Schließlich überwacht ein Defibrillator den Herzrhythmus von Hans Milbers, acht Mal muss das Gerät ihm einen kräftigen Schock versetzen, um ihn wieder „zurückzuholen“. Zu diesem Zeitpunkt waren schon alle infrage kommenden Medikamente eingesetzt und die Verödung betroffener Bereiche vorgenommen worden.

Ein halbes Jahr wird er schließlich stationär untergebracht. „Das war grausam“, erinnert sich Milbers. „Ich bin mit Angst schlafen gegangen und wieder aufgewacht. Immer war die Angst da, dass es nicht mehr reicht.“ Milbers, der zuvor als Zweiradmechaniker gearbeitet hatte, wird als Fall „höchster Dringlichkeit“ eingeordnet. Die erste Drei-Monats-Frist, innerhalb der man so auf der Wartelist stehen kann, ist fast abgelaufen, als Milbers am 30. Juni 2017 doch noch ein Spenderherz bekommt. Inzwischen sagt er: „Es geht mir blendend, ich fühle mich super.“

Seinen Fall und den des 63-jährigen Gerhard van Ophuysen aus Rees, dem im November 2019 ein Herzunterstützungssystem implantiert wurde (siehe Box), nahmen am Montag Spezialisten des Meidericher Herzzentrums zum Anlass, um noch einmal nachdrücklich auf die Möglichkeiten der Organspende hinzuweisen.

„Die Widerspruchslösung ist im Deutschen Bundestag leider nicht durchgekommen“, bedauert Jochen Börgermann, Chefarzt der Herzchirurgie. Die Widerspruchslösung hätte bedeutet, dass jeder prinzipiell als Organspender infrage kommt – es sei denn, er hat dem ausdrücklich widersprochen, zum Beispiel auf dem Organspenderausweis. Wie Börgermann hätten auch Wolfgang Schöls, Chefarzt der Kardiologie und Michael Schönbrodt, Leitender Oberarzt der Herzchirurgie, diese Lösung bevorzugt.

Denn Deutschland ist Schlusslicht bei der Organspendebereitschaft im europäischen Vergleich. Dabei könnten mehr Spender gerade bei Herzen Menschen das lange Leben auf einer Warteliste mit ungewissem, oft auch tödlichem Ausgang, verhindern. In Deutschland müssen zwei Ärzte unabhängig von einander den Hirntod eines Menschen festgestellt haben, bevor sie ein Organ entnehmen dürfen. „Hierin liegt aber nicht das Problem“, meint Wolfgang Schöls. Vielmehr fehle es in Deutschland schlichtweg an der grundsätzlichen Bereitschaft zur Organspende.

Hans Milbers geht es ausgezeichnet. Auch psychisch. „Wenn man es erst einmal schafft, nicht ständig in sich hineinzuhören und den Kopf davon frei bekommt, wird es noch besser.“ In der Öffentlichkeit trägt Milbers in diesen Tagen einen Mundschutz. Denn eine geschwächte Immunabwehr ist eines der wenigen Nachteile, die die Transplantation für ihn mitbrachte. „Damit das fremde Organ nicht abgestoßen wird, muss die eigene Immunabwehr medikamentös geschwächt werden“, erläutert Wolfgang Schöls. Das aber erhöhe die Chancen, sich eine Infektion einzufangen.

Gerhard van Ophuysen (63) aus Rees steht noch auf der Warteliste. Er hat seine Lebensversicherung in einer schwarzen Tasche immer bei sich: Ein akkubetriebenes Herzunterstützungssystem, das einem Kunstherz schon fast nahe kommt. Aber eben nur fast. Der 63-Jährige leidet an einer schweren Herzmuskelerkrankung mit hochgradiger Pumpschwäche. „Irgendwann ging’s nicht mehr. Ich bekam keine Luft mehr, ich konnte nichts mehr machen“, erinnert er sich. Auf ein Spenderherz zu warten, kann drei Monate und länger dauern. „Die Zeit hätte er nicht gehabt“, sagt Ulrich Krüger.

Als sich im Herbst 2019 van Ophuysens Zustand dramatisch verschlechtert, bekommt er schließlich ein Herzunterstützungssystem implantiert, das mit einem Kabel an das Aggregat in der Tasche verbunden ist, die er stets bei sich haben muss. „Ich hatte zunächst Angst vor der Operation. Wenn ich geahnt hätte, wie gut es mit dem System geht, hätte ich der OP schon viel früher zustimmen müssen“, sagt er jetzt.

Die Situation zuvor war belastend für ihn: „Es gab Höhen und Tiefen. Aber ich bin keiner, der aufgibt“, erklärt er durchaus überzeugend. Ohne das Unterstützungssystem, so Börgermann, gebe es für Fälle wie den von Gerhard van Ophysen, eine Überlebenschance in den nächsten zwei Jahren von 50 Prozent – mit dem System sind es 80 Prozent. Letztlich wartet er aber nun auch auf ein Spenderherz.

Jochen Börgermann hofft, dass die Debatte um die Widerspruchslösung in Deutschland mehr Menschen für das Thema sensibilisiert hat. „Organspendeausweise werden bei den Krankenkassen vermehrt nachgefragt, und auch die entsprechende Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wurde nach der Entscheidung im Bundestag häufiger genutzt: Vorher waren es rund 300.000 Aufrufe im Monat, danach stieg diese Zahl auf 700.000 an.“ Ob dieses gestiegene Interesse auch zu einer erhöhten Spendebereitschaft führt, wissen die Mediziner aber auch nicht. Ulrich Krüger: „Sich nicht zu entscheiden, ist in dieser Frage aber auch keine gute Idee. Denn dann überlässt man sie vielleicht irgendwann einmal seinen Angehörigen. Die müssen dann überlegen, was im Sinne des Todkranken gewesen wäre. Und das ist eine Situation, in die man seine Angehörigen eigentlich nicht bringen sollte.“

www.bzga.de/programme-und-aktivitaeten/organ-und-gewebespende/