Schulen waren im Fall Lügde lange ahnungslos

Kindesmissbrauch in Lügde : Schulen waren lange ahnungslos

Im Fall Lügde erfuhr die Schulleitung erst durch den Beschuldigten selbst, dass wegen sexueller Übergriffe ermittelt wurde und die Pflegetochter in einer andere Familie untergebracht worden war.

Im Fall der mutmaßlichen massenhaften Vergewaltigungen von Kindern in Lügde haben die Schulleitungen lange Zeit keinen Verdacht gehegt. Durch Erzählungen von Schulkindern im November 2018 habe die Leitung einer betroffenen Grundschule überhaupt davon erfahren, dass eine ihrer Schülerinnen in eine andere Pflegefamilie überwiesen worden war, wie es im Bericht von NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) heißt. „Aus datenschutzrechtlichen Gründen konnte die Schulleitung durch das Kreisjugendamt darüber keine offizielle Bestätigung erhalten“, beantwortete Gebauer im Landtag entsprechende Fragen der Grünen-Fraktion.

Es war demzufolge der Beschuldigte selbst, der die Klassenlehrerin telefonisch darüber unterrichtete, dass gegen ihn wegen sexueller Übergriffe ermittelt werde und seine Pflegetochter deshalb in einer anderen Familie untergebracht sei. Daraufhin habe die Schulleitung den Rektor einer weiteren Grundschule informiert sowie die gemeinsame Schulsozialarbeiterin, die zuständige Schulpsychologin und die untere Schulaufsicht.

Die Schulleitung war damit offenkundig tagelang über den Verbleib ihrer Schülerin und die Gründe für den Wechsel in eine andere Pflegefamilie im Unklaren. NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) hatte in der vergangenen Woche bereits mangelnde Absprachen zwischen den betroffenen Jugendämtern kritisiert und eine Reform angekündigt.

Auch an anderen Schulen wurden die Leitungen dem Bericht zufolge erst aufmerksam, als die gesamte Dimension öffentlich bekannt geworden war. In einer Schule in Paderborn wurde die Leitung erstmals Ende Februar 2019 informiert, als Ermittlungsbeamte einen Schüler auf dem Schulgelände zu einer Vernehmung abholen wollten. Zwar hatte diese Schule bereits in zwei Fällen Kontakt mit dem Kreisjugendamt, Hinweise auf Missbrauch habe es da aber nicht gegeben. „Nach gegenwärtigen Erkenntnissen waren für weitere Lehrkräfte keine Anzeichen sexuellen Missbrauchs ersichtlich“, heißt es in dem Bericht zusammenfassend.

Am 19.12.2018, einige Wochen nachdem die Anzeige einer Mutter die Ermittlungen ausgelöst hatte, wurde demnach eine Krisenmeldung der Bezirksregierung Detmold an den üblichen Verteiler und das Schulministerium versandt. „Damit war das schulische Krisenmanagement sichergestellt“, so der Bericht. Alle zuständigen Stellen wie Schulsozialarbeit, -psychologie, Bezirksregierung, Jugendhilfe und Polizei seien von da an einbezogen worden. Für Kinder und Eltern seien Anlaufstellen eingerichtet worden, Schulpsychologen seien sofort tätig geworden. Künftig sei es das Ziel, „Lehrkräfte insoweit zu sensibilisieren und schulintern fortzubilden, dass sie bei Verdachtsfällen reagieren können“.

(kib)
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