Schulbarometer 2024 Erschöpfte Lehrer, Gewalt unter Schülern – neue Studie über ein „krankes System“

Düsseldorf · Sie sind zunehmend ausgelaugt und vom Verhalten der Kinder und Jugendlichen überfordert: Eine neue Erhebung ermittelt, wie es Lehrkräften geht. In NRW sind Gewalt und Personalmangel größere Probleme als anderswo.

 Für das Schulbarometer wurden bundesweit Lehrkräfte befragt.

Für das Schulbarometer wurden bundesweit Lehrkräfte befragt.

Foto: dpa/Marijan Murat

Stuttgart/Düsseldorf Mehr als ein Drittel aller Lehrkräfte berichtet von Erschöpfungszuständen in besorgniserregender Häufigkeit. Mehr als ein Viertel kann sich inzwischen vorstellen, den Beruf aufzugeben. Als größte Herausforderung in ihrem Job nennen Pädagogen das Verhalten der Kinder und Jugendlichen. Rund jeder zweite Lehrer sieht an seiner Schule ein Problem mit körperlicher und seelischer Gewalt unter ihnen. In Schulen in herausfordernden Lagen sind es sogar 69 Prozent. Das ergibt das „Schulbarometer“, eine bundesweite, repräsentative Erhebung der Robert-Bosch-Stiftung.

Es ziehe sich durch die Studie, „dass die sozialen Fähigkeiten unserer Schülerinnen und Schüler doch an der einen oder anderen Stelle bedenklich sind“, fasste die Co-Autorin Professor Uta Klusmann bei einer Präsentation der Zahlen zusammen. Sie könnten Konflikte nicht gut austragen, nicht mit Misserfolgen umgehen. Lehrkräfte müssten in der Klasse sehr viel Zeit investieren, um auf psychische Probleme einzugehen und das Verhalten der Kinder in die richtigen Bahnen zu lenken. Die Förderung sozialer Fähigkeiten müsse „ein ganz zentraler und – ich würde sagen – mit steigender Priorität anzusehender Bestandteil von Unterricht und Schule sein“, schlussfolgerte Klusmann.

Für dramatisch halten die Fachleute die hohen Erschöpfungswerte unter Lehrenden. „Das ist ein zentrales Symptom von Burn-out“, erläuterte Uta Klusmann. Konkret gaben beim Schulbarometer insgesamt 36 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer an, täglich (12 Prozent) oder mehrmals in der Woche (24 Prozent) durch den Job erschöpft zu sein. Besonders betroffen: jüngere Lehrkräfte, Frauen und allgemein Grundschullehrkräfte.

„Wir sehen in den Ergebnissen die Momentaufnahme eines kranken Systems“, sagte Dagmar Wolf, Leiterin des Bereichs Bildung der Robert Bosch Stiftung. „Lehrer:innen müssen seit Langem die Folgen des massiven Personalmangels ausgleichen und immer neue Belastungen bewältigen.“ Das führe dazu, dass Berufseinsteiger den Schuldienst gar nicht erst anträten oder ihn rasch wieder verlassen wollten. Auf die Frage: „Würden Sie in einen anderen Beruf wechseln, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten“, antworteten 27 Prozent der Teilnehmenden „ja“ oder „eher ja“. Auch die Sicherheit des Beamtentums halte die Betroffenen nicht mehr von solchen Gedankenspielen ab. Das sei vor einigen Jahren seltener der Fall gewesen, so Wolf.

Ein Warnsignal ist das nach Ansicht der Forschenden nicht nur im Hinblick auf den Lehrkräftemangel. Es habe Auswirkungen auf den Unterricht: „Die Qualität von Bildung wird auch dadurch beeinflusst, wie es der Berufsgruppe der Lehrkräfte geht“, stellte Klusmann fest.

75 Prozent der Lehrkräfte gaben bei der Erhebung an, mit ihrem Beruf zufrieden zu sein. Darin sieht Uta Klusmann keinen Widerspruch zu den vielen Problembeschreibungen. „Die mögen die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Die sind Lehrkraft geworden, weil sie ein soziales Interesse haben. Und diese pädagogische Tätigkeit, mit der sind sie zufrieden.“ Gleichzeitig seien sie aber chronisch im Stress. Überdies lägen die Zufriedenheitswerte bei Lehrern im Schnitt der OECD-Länder höher, und das trotz häufig schlechterer Bezahlung und unsichereren Arbeitsverhältnissen.

Für NRW zeigen sich in der Statistik leichte Abweichungen vom bundesweiten Bild. So ist die Gewaltproblematik hier besonders ausgeprägt: Während bundesweit insgesamt 47 Prozent aller Lehrer davon berichten, sind es in NRW 52 Prozent. Auch fühlen sich die Schulbeschäftigten hier durch Personalmangel besonders belastet mit 32 im Vergleich zu bundesweit 26 Prozent.

Insgesamt benannten 35 Prozent aller Befragten das Verhalten der Schüler als größte Herausforderung für ihre Arbeit. An zweiter Stelle lag die Heterogenität der Schülerschaft, ganz besonders an Grundschulen: Klassen, in denen Kinder mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, kulturellen und familiären Hintergründen und gegebenenfalls Förderbedarfen sitzen. An dritter Stelle folgte die Arbeitsbelastung. „All diese Zahlen hängen natürlich auch zusammen und bedingen sich gegenseitig“, ordnete Dagmar Wolf ein. Man erwarte, dass die Werte sich „in den kommenden Jahren nicht positiv verändern werden, sondern wir eher noch mit einer Zunahme dieser beobachteten Trends rechnen müssen“, so ihre Einschätzung. „Das berufliche Wohlbefinden wird in Zukunft enorm wichtig sein, um Lehrer:innen an den Schulen zu halten und den Beruf für junge Menschen wieder attraktiver zu machen.“

Das Schulbarometer führt die Robert Bosch Stiftung seit 2019 durch. Befragt wurden diesmal zum Jahresende 2023 bundesweit rund 1600 Lehrkräfte.

Reaktionen aus NRW

Dass Gewalt an NRW-Schulen statistisch häufiger beklagt wird als im bundesweiten Schnitt sei überhaupt nicht überraschend, hieß es von der Bildungsgewerkschaft GEW zu den Ergebnissen. „Nach Bremen sind wir das Land mit der höchsten Armutsquote bei Kindern und Jugendlichen. Wir haben die meisten strukturschwachen Stadtteile und Regionen. Und wir sind bei der Bildungsfinanzierung seit Jahrzehnten Schlusslicht im Bundesvergleich. Wenn wir das zusammenführen, entsteht der Notstand, den wir derzeit erleben“, sagte die NRW-Landesvorsitzende Ayla Çelik unserer Redaktion.

In ärmeren Stadtteilen sei meist auch der Anteil der Zuwanderer am höchsten. „Wenn wir an den Ergebnissen solcher Studien tatsächlich etwas ändern wollen, müssen wir massiv in Bildung investieren, mit einem Fokus auf sozial benachteiligte Kinder und Einrichtungen in strukturschwachen Gegenden.“

NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) verwies unter anderem auf das Angebot von Schulsozialarbeit und Schulpsychologie. „Das Schulministerium befindet sich außerdem im Austausch mit der Wissenschaft, um zu prüfen, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind“, sagte sie. „Schulen sind Schutzräume, an denen physische und psychische Gewalt keinen Platz haben dürfen.“

Die politische Opposition im nordrhein-westfälischen Landtag verlangte konkrete Schritte. „Wir fordern Sofortmaßnahmen gegen diese dramatischen Entwicklungen“, erklärte die FDP-Bildungsexpertin Franziska Müller-Rech. „Die Lehrkräfte müssen bei Konflikten unterstützt werden, wir brauchen sofort mindestens einen Schulsozialarbeiter an jeder Schule.“

Auch die SPD pochte auf Konsequenzen. „Unsere Lehrkräfte sind weder ausgebildet als Psychologen noch für Gewaltprävention“, sagte die Abgeordnete Dilek Engin. Burn-out und die Erschöpfung der Pädagogen seien auch Gründe für den massiven Unterrichtsausfall an den Einrichtungen in NRW.

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