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Michael Greis über die Olympischen Spiele in Peking 2022, ein Boykott und Veränderungen

Gastbeitrag von Olympiasieger Michael Greis : „Wir dürfen die Olympischen Spiele nicht mehr überhöhen“

Biathlet Michael Greis gewann 2006 drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in Turin. Für ihn als Sportler waren die Spiele das Größte, was er erreichen konnte. Deshalb hält er von Boykott-Forderungen vor Olympia in Peking nichts und stellt die Kopplung der Sportförderung an Ergebnissen bei Olympischen Spielen in Frage.

Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass es aus mehreren Gesichtspunkten nicht die optimalen Olympischen Spiele sein werden. Vor den Sommerspielen 2008 hatten wir die gleichen Diskussionen, als Proteste der Mönche in Tibet durch die Chinesen niedergeschlagen wurden. Die Situation der Tibeter haben die meisten seitdem aber ganz aus den Augen verloren. Heute wissen wir von dem Schicksal vieler Uiguren – und trotzdem wird weitergemacht. China betreibt durch den Sport Propaganda – dieses Phänomen gibt es aber schon seit Jahrzehnten. Dieses Jahr erleben wir eine Fußball-WM in Katar, wo Menschenrechte auch nicht an erster Stelle stehen.

Warum sollen überhaupt Sportler Zeichen setzen, indem sie die Olympischen Spiele boykottieren? Die Mehrzahl der Profisportler beschäftigt sich gerade 24 Stunden am Tag damit, bei den Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen und nicht damit, unmittelbar vor dem möglichen Karriere-Höhepunkt politische Statements abzugeben. Natürlich soll jeder Sportler seine freie Meinung äußern. Das ist auch wichtig. Aber wie erreicht man eine Veränderung? Der Sport kann die Rolle nicht übernehmen, die von der gesamten Gesellschaft zu lösen ist. China ist der größte Handelspartner der Bundesrepublik. Wäre da nicht ein anderes Zeichen angebrachter? Wie viele elektronische Geräte, Bekleidung oder andere Sachen im Haushalt eines Deutschen kommen aus China?

Unsere Außenministerin Annalena Baerbock hat es richtig gesagt: die Sportler trainieren ihr Leben lang für diese Momente, deshalb sollen sie auch dorthin fahren. Da kann ich mich nur anschließen. Die Athleten fahren vor allem aus einem Grund zu den Spielen: um sich sportlich auf höchstem Niveau zu messen. Deshalb wird auch kaum ein Athlet die Olympischen Spiele boykottieren. Man muss bei der aktuellen Kritik aus meiner Sicht auch zwischen der Corona-Politik der chinesischen Regierung und den Olympischen Spielen an sich unterscheiden. Wir dürfen nicht vergessen, dass im Weltcup seit zwei Jahren an jedem Standort die lokalen Gesundheitsbehörden dafür verantwortlich sind, ob jemand in Quarantäne gehen muss. So ist es in China nun auch.

Die Frage ist für mich eher, ob der Stellenwert der Olympischen Spiele diese Diskussionen rechtfertigt? Pierre de Coubertin hatte damals bei der Gründung des IOC nur Experten ins Gremium geholt, die im Sinne des Sports handeln sollten. Ich bezweifle, dass es darum heute in erster Linie geht. Europäische Städte bewerben sich nicht mehr, weil Olympische Spiele zu teuer und zu groß sind und die Menschen lehnen sie in ihren Regionen aus Skepsis vor dem IOC ab. Trotzdem werden Milliarden mit den Spielen umgesetzt. Davon sind auch die Verbände und die Sportler selbst abhängig. Nicht zuletzt spielt da auch mit rein, was für den Sport ausgegeben wird – zum Beispiel bei der Förderung einzelner Sportarten. Die hängt massiv von den Ergebnissen der Spitzensportler bei Olympischen Spielen ab. Ist das Geld überhaupt richtig investiert, wenn man große Sportanlagen für Skisprung-, Biathlon-, oder Rodel-Anlagen im zweistelligen Millionenbereich baut, diese nur für wenige Wettkämpfe pro Jahr nutzt und anschließend einem kleinen Personenkreis überhaupt zu Gute kommen? Was will die Politik überhaupt mit der Sportförderung erreichen und wie kann das zukünftig gelingen? Vielleicht dürfen wir die Olympischen Spiele auch einfach nicht mehr so überhöhen.

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Sie merken, das Thema ist sehr komplex. Wir müssen aber aufpassen, dass wir den Sport nicht kaputt reden. Darum geht es in China ja eigentlich – zumindest für die Athleten und Athletinnen selbst. Jeder fährt dahin, um sich bestmöglich zu präsentieren und den Lohn seiner jahrelangen Arbeit zu ernten.

Michael Greis ist dreifacher OIympiasieger im Biathlon