Kolumne: Mit Verlaub!: Bürger, hört die Signale!

Kolumne: Mit Verlaub!: Bürger, hört die Signale!

Über die furchtbar gläubigen Augen neulich bei André Poggenburgs Hetzrede.

Was für eine niederschmetternde Antwort! Der 104 Jahre alte österreichische Jude Max Feingold, der vier KZ überlebt hat, wurde vor Kurzem im "Stern"-Interview zum allgegenwärtigen Antisemitismus gefragt: "Wie haben Sie es geschafft, den Glauben an die Menschheit nie zu verlieren?" Daraufhin Feingold: "Weil ich einen solchen nie hatte. Die Menschheit ist imstande, so etwas jederzeit wieder zu machen."

Die Antwort des NS-Opfers im Kopf und das abstoßend enthemmte Saal-Gebrüll Hunderter Zuhörer des ostdeutschen Rechtsnationalisten André Poggenburg (AfD) neulich beim Politischen Aschermittwoch in Sachsen-Anhalt im Ohr, dachte ich: O, du alter Adam, die Krone der Schöpfung bist du nicht. Kratzt irgendjemand, irgendein abgefeimter Verführer an deinem hauchdünnen Firnis der Zivilisation, kommt das Banausenhafte eklig hervor.

Junge Menschen, die im Geschichtsunterricht etwas von Joseph Goebbels' frenetisch bejubelter Hetzrede im Berliner Sportpalast fast auf den Tag vor 75 Jahren gehört haben, mögen annehmen, etwas Vergleichbares sei heute undenkbar. Ich fürchte, dass sie sich irren.

Noch etwas lässt einen grübeln: Was wäre wohl passiert, wenn der inzwischen von der AfD-Bundesparteiführung abgemahnte Poggenburg in Sachsen-Anhalt nicht nur als Extremist des Wortes aufgetreten wäre? Konkret: Wären die von ihm derart Aufgepeitschten - "Redner, befiehl, wir folgen!" - vielleicht auch zur Tat beispielsweise gegen türkische Lebensmittelgeschäfte geschritten?

Sie werden jetzt womöglich einwenden: Sei nicht so skeptisch. Ich antworte, den großen liberal-konservativen Publizisten und Historiker Joachim Fest im Sinn: Die einzig angemessene und vernünftige Haltung für einen nicht ideologisch verkorksten Erwachsenen scheint mir der Skeptizismus zu sein.

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(mc)