Kolumne: MIt Verlaub!: Herrhausen und Nahles

Kolumne: MIt Verlaub! : Herrhausen und Nahles

Bei der Lektüre des fabelhaften Gesprächs Gero von Boehms mit Alfred Herrhausen habe ich fast erschrocken innegehalten. Wegen des Datums: 28. November 1989. Nur zwei Tage später war Herrhausen tot.

Eine letzte Gewissheit gibt es zwar bis heute nicht, aber es waren wohl Terroristen der damals berüchtigten deutschen Verbrecherbande Rote-Armee-Fraktion (RAF), in deren Sprengfalle der Wagen des charismatischen Deutsche-Bank-Chefs geraten war.

Ich habe den Mann, der eigentlich Philosoph werden wollte und als Europas bedeutendster Bankmensch weit über die Grenzen seiner Zunft hinausdachte, zweimal aus nächster Nähe erlebt. Mit Ausnahme des Kirchenlehrers Joseph Ratzinger, der Papst wurde, ist mir niemand begegnet, der als Redner so präzise und niveauvoll die deutsche Sprache beherrschte. Herrhausen zuzuhören war ein Erlebnis. Sein letztes Interview über Freiheit und Verantwortung, Macht von Großbanken, Leistung und preußische Tugenden unterstreicht Herrhausens Ausnahmestellung unter den Wirtschaftsführern seiner Zeit.

Niederschmetternd der Sprung zurück zum Krawallauftritt der SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles. Im Stil einer Verkaufskanone vom Fischmarkt in Sankt Pauli setzte Nahles beim SPD-Sonderparteitag in Bonn ein Zeichen dafür, wie man mit Geschrei, Sprachverhunzung und Bolzplatzrempelei zum Kurzzeit-Star werden kann. Nahles schien wie aus der untersten Schublade zu kommen.

Seltsam und erschreckend, dachte ich, warum hat dieser Eifeler Vulkanausbruch die Delegierten mehr hingerissen als etwa die klugen, starken, auch gewieften Reden der SPD-Ministerpräsidenten Malu Dreyer, Stephan Weil oder des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert? Stimmt es denn wirklich, dass derjenige, der pöbelt, siegt? Alfred Herrhausen hätte die Frage wohl gar nicht verstanden.

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(mc)