Kolumne: Mit Verlaub!: Die Häme der neuen 68er

Kolumne: Mit Verlaub!: Die Häme der neuen 68er

Es kursieren ständig Schmähungen bürgerlich-konservativer Landsleute - vorwiegend in den sozialen Netzwerken. Das sind Wiedergeburten linken 68er-Spektakels.

Das fängt ja gut an. So dachte ich zum Jahresauftakt einige Male, wobei "gut" ironisch gewendet "schlecht" meint. Ich hatte mir vorgenommen, mich weniger zu ärgern über dieses und jenes, was man hört oder liest und wozu der lebenskluge Staatsmann Willy Brandt riet: "Niedriger hängen!" Auch eine schärfere Variante von Brandts Anweisung, nämlich "Nicht mal ignorieren!", schoss mir durch den Kopf.

Vergebens, denn wenn etwa in bestimmten linken Milieus Intoleranz gegenüber Andersdenkenden vorherrscht, die Unduldsamen aber selbst absurden Fehlentwicklungen durch unkontrollierte, ungenügend überwachte Einwanderung Geduld entgegenbringen, dann denke ich an Arnulf Barings berühmten Appell: "Bürger, auf die Barrikaden!"

Wer auf die gesellschafts- und kriminalpolitischen Folgen der Fehlleistungen der Bundesregierung ab 2015 verweist, die zuletzt der frühere Chef des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, angesprochen hat, dem wird fix die Narrenschelle umgehängt oder der Stempel "Rechter" oder "Rechtspopulist" aufgedrückt.

Eine linke Internationale erkämpft nicht das Menschenrecht, sondern beharrt auf dem Recht zur Verunglimpfung ausdrücklich Nicht-Linker. Manchmal streift das linke Milieu ebenso wie das nationalistische die Grenze zum Rassismus, aber als rassistisch empfindet es nicht sich, vielmehr die Deutschen, die sich Sorgen machen, ob ihr Land auch noch in wenigen Jahrzehnten eines ist, in dem die Menschen "gut und gerne leben" (CDU-Wahlslogan 2017).

Die späten Nachgeborenen der 68er-Bewegung, die vor einem halben Jahrhundert zunächst nachvollziehbar Autoritäten infrage stellte, aber auf teutonische Unart das Kind mit dem Bade ausschüttete, gießen derzeit kübelweise Häme aus. Sie zielte zum Jahresbeginn auf den neuen CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Alexander Dobrindt. Der hatte es gewagt zu sagen, dass man in Deutschland nicht links von der Mitte stehen muss, um für politisch zurechnungsfähig zu gelten. Nicht überraschend erfolgte umgehend die auf den linksgrünen politischen Altbauern Jürgen Trittin zurückgehende Namensverhunzung "Doofbrindt".

Dahinter steckt moralische Großmäuligkeit, die ab den späten 60er Jahren zur neuen deutschen Ideologie wurde. Sie manifestiert sich pünktlich zur 50. Wiederkehr jenes spätpubertären Studenten-Spektakels, das sich als Wendepunkt der Weltgeschichte missversteht.

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(mc)