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Markus Lanz mit Karl Lauterbach: "Jetzt noch ein bisschen nachschärfen"

Lauterbach bei Lanz : „Jetzt noch ein bisschen nachschärfen oder so wenig machen, wie wir grade müssen?“

Markus Lanz’ Lieblingsgast wirft einen sorgenvollen Blick auf die nächsten Monate. Malu Dreyer verspricht „Impfen mit Hochdruck“ und Robert Habeck wird nach dem „Weg ins Kanzleramt“ befragt.

Darum ging es

Das Impftempo, der Blick auf den 14. Februar und die Zukunft der Grünen - Markus Lanz diskutierte mit seinen
Gästen die Pandemie-Situation, wirft einen Blick über den Tellerrand nach Portugal und spekuliert über künftige Kanzlerkandidaten.

Die Gäste

  • Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, SPD
  • Karl Lauterbach, SPD-Politiker
  • Robert Habeck, Chef von Bündnis 90/Die Grünen
  • Valerie Höhne, Redakteurin, Der Spiegel
  • Tilo Wagner, freier Journalist in Lissabon

Der Talkverlauf

Karl Lauterbach war 2020 “Talkshowkönig” - der Branchendienst Meedia rechnete aus, dass der SPD-Politiker 2020 Gast in 31 Talkshows war, häufiger als Markus Söder oder Peter Altmaier. Allein 17 Mal saß er bei Markus Lanz. Am Dienstagabend erfuhren die Zuschauer auch gleich zu Beginn der Sendung, warum das so ist, denn da feiert Markus Lanz seinen Lieblingsexperten als nichts geringeres als einen Propheten. Er hat einen Lauterbach-Satz vom 19. August 2020 gefunden, „der sich aus heutiger Sicht liest wie eine Prophezeiung!“ Lanz ist begeistert. Damals sagte der Gesundheitsexperte, „bis Mitte 2021 seien vielleicht nur 20 Prozent der Bevölkerung geimpft, erst bis 2022 alle“. Warum, fragt Lanz vor Bewunderung strahlend, wusste der Lauterbach das schon vor fünf Monaten, während die EU-Komission und viele Experten über die Impfverzögerungen erst jetzt verwundert seien?

Malu Dreyer kratzt allerdings ein bisschen am Heiligenschein des SPD-Kollgen: „Ich widerspreche eigentlich nie Karl Lauterbach, aber in der Hinsicht bin ich zuverlässig, dass wir bis 21. September allen, die wollen ein Impfangebot machen werden“, sagt die Ministerpräsidentin. Später legt Dreyer noch mal nach: „Wir werden sehr viel Impfstoff kriegen, und wir werden mit Hochdruck impfen, so schnell wir können. Es ist nicht so, als hätten wir ein Riesenproblem. Wir könnten sehr viel schneller sein, wenn wir anders bestellt hätten. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das bis September packen.“

Auch Lauterbach ist sich nicht mehr so sicher, dass seine gelobte Einschätzung vom August Bestand hat. Er räumt ein, jetzt „auf Grundlage neuerer Prognosen ist das darstellbar, dass wir bis Mitte des Jahres weiter sind.“ Im übrigen sei er auch nicht, wie Lanz das darstelle, der Einzige gewesen, der im August vor einem langsameren Impfstart gewarnt hätte. Viele Wissenschaftler hätten gewusst das auch, dass am Anfang Wirkstoffe knapp sein würden. „Und die EU würde die Art und Weise, wie der Impfstoff gekauft wurde, so nicht wiederholen.“

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Dreyer gibt zu, es hätte mehr Sinn gemacht, früher Imfpstoffe von allen drei Anbietern zu bestellen, die jetzt erfolgreich seien. Als Lanz ihr vorwirft, als quasi Nachbarin von Biontech in Rheinland-Pfalz mit „Herrschaftswissen“ hätte sie das doch alles im Griff haben müssen, bremst Dreyer ihn aus: Sie habe als Ministerpräsidentin ja auch noch ein paar andere Jobs. „Da gibt es aus gutem Grund eine Aufgabenverteilung.“


Einig ist sich die Runde, dass wünschenswert gewesen wäre, wenn die Europäische Union früher mehr Impfstoffe organisiert hätte. „Die EU hätte wie die Amerikaner von allen drei Impfstoffen mehr bestellen müssen“, sagt Lauterbach. Denn im Vergleich mit einem Lockdown in der Gastronomie kosteten die Impfstoffe „eigentlich gar nichts“.

„Wenn ich den Marktpreis nach oben deckele, aber dann will ich eine extra schnelle Produktion, dann muss ich dafür zahlen“, sagt Lauterbach. „Dazu war die EU nicht bereit, die USA aber schon.“ Beim „Rumgehacke auf der EU“ zeigten nach Robert Habecks Ansicht allerdings mindestens „fünf Finger zurück nach Deutschland“, das während der Entscheidung die Ratspräsidentschaft inne hatte. Der Rat hätte die mutigere Bestell-Entscheidung der Kommission verzögert.

Lauterbach wirft - seinem Prophetenjob treu bleibend - noch einen Blick in die nächsten Wochen. Zwar lägen die Inzidenzen von derzeit 90 in etwa vier Wochen voraussichtlich bei der erwünschten Zahl von 50, doch man müsse natürlich die Mutanten im Blick haben: „Ab Mitte Februar dürfte der Anteil der neuen Varianten bei ungefähr 30 Prozent liegen. Dann würde, obwohl die alte Variante zurückgeht, die Gesamtinzidenz wieder steigen.“

Markus Lanz wittert eine Schlagzeile: Kündigt Lauterbach eine dritte Welle an? Der orakelt: „Was wir am 14. Februar machen, wird von großer Bedeutung sein.” Und er hat Alternativen parat:  „Wir können uns das ja aussuchen: Was ist der Bevölkerung lieber? Jetzt noch mal ein bisschen nachschärfen, dann sind wir in dem grünen Bereich und ich habe eine größere Sicherheit, dass ich es schaffe. Oder wir machen so wenig wie wir gerade müssen, dann dauert das aber ewig lange.” Denn dann würden sich andere Virusvarianten wie zum Beispiel die südafrikanische Mutante durchsetzen. Sorgenvoll warnend weist er nach Südeuropa: „Wir müssen versuchen, in der Zeit, die wir noch haben, einen katastrophalen Verlauf wie in Portugal zu verhindern.“

Dort ist eine Mutante des Virus derzeit sechs bis acht mal so ansteckend wie das alte Virus, berichtet Journalist Tilo Wagner. Er führt das einerseits auf fehlende Beschränkungen an Weihnachten zurück. „Da haben die Portugiesen gefeiert wie sie wollten.“ Gleichzeitig hat das Land enge Verbindungen zu Großbritannien, wo viele Portugiesen im Gesundheitssektor arbeiten und das Virus zurückbringen.   

Zuletzt will Lanz noch herausfinden, ob Habeck und Co-Chefin Annalena Baerbock auf dem Weg ins Kanzleramt seien und warum deren Partei derzeit so ein - wie Journalistin Höhne es genannt hat „dröhnendes Schweigen“ - verbreite. Habeck sieht das nicht, er habe durchaus oft sachliche Kritik geäußert, wo sie angebracht gewesen sei, etwa zur Bildung im ersten Lockdown oder bei den Hilfen für Selbstständige. Aber er wolle in der Opposition nicht vor allem mit der Erwartung konfrontiert werden „nun kritisiert mal die anderen“.

„Die Rolle an anderen rumzunölen ist keine, die mir gut gefällt“, sagt Habeck, er würde sich lieber selber kritisieren lassen und Verantwortung tragen. Andererseits könne sich keiner wünschen, diese derzeitige Verantwortung in der Regierung zu tragen, „die sind wundgescheuert nach diesem Jahr.“

Dass er und Baerbock ins Kanzleramt ziehen könnten schließt er jedenfalls nicht aus: „Alles ist möglich in diesem Jahr“, sagt er und als Lanz ihm gratuliert, dass sein neues Buch „Von hier an anders“ derzeit Bestseller sei: „Wir arbeiten daran, das Unwahrscheinliche möglich zu machen.“ Es sei schließlich nicht so, „als ob die Grünen gestern aus dem Ei geschlüpft sind.“ Seine Partei habe schon viele Minister gestellt und Führungsrollen erfüllt. Er wolle keinen verschämten Umgang mit Macht, wichtig sei ihm aber der Versuch, Macht „zeitgemäß zu definieren, Menschen mitzunehmen“ und in einer Zeit der Zerrissenheit zu versuchen mehr Einvernehmen zu schaffen.

(juju)