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Entsetzen in Frankreich über Terroranschlag in Nizza

Islamistischer Terror : Entsetzen in Frankreich über Terroranschlag in Nizza

Drei Menschen sterben bei der Attacke in der Basilika Notre-Dame. Es ist der dritte islamistische Anschlag innerhalb kurzer Zeit. Im Land wurde die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen, die „Urgence Attentat“.

In der Innenstadt von Nizza herrscht bereits am frühen Morgen geschäftiges Treiben. Am Tag vor dem für Freitag angekündigten strengen Corona-Lockdown in Frankreich wollen sich viele Menschen noch mit den nötigsten Dingen des täglichen Lebens eindecken. Plötzlich aber bricht vor der Basilika Notre-Dame, der größten Kirche der Mittelmeermetropole, Panik aus. „Alle sind weggerannt, es fielen Schüsse“, erzählt ein Kellner, der in einer Bar in der Nähe der Kathedrale arbeitet einem örtlichen Fernsehsender.

Nur Augenblicke nach den ersten Hilferufen sind Polizisten vor Ort, stürmen in die Basilika und überwältigen einen Mann. Im Innern der Kirche bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Auf dem Boden liegen zwei leblose, blutüberströmte Menschen, eine dritte, schwerverletzte Person wird in einem nahegelegenen Bistro versorgt, auch sie stirbt wenig später.

Lange herrscht Unklarheit darüber, was sich genau in der Kirche zugetragen hat, die Polizei hüllt sich in Schweigen. Dann aber schreibt Christian Estrosi, Bürgermeister von Nizza, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter von einer „islamofaschistischen Tat“. Der Angreifer habe bei seiner Festnahme mehrfach „Allahu Akbar“ gerufen, sagt er dann in den ersten Interviews. „Alle Bürger von Nizza sind schockiert und entsetzt.“ Nach der Darstellung Estrosis deutet „alles auf einen Terroranschlag hin“. Zu diesem Zeitpunkt hatte die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft bereits die Ermittlungen an sich gezogen. Kurz danach wurde von Frankreichs Premierminister Jean Castex die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen, die „Urgence Attentat“.

Am frühen Nachmittag werden schließlich die ersten Einzelheiten der Bluttat bekannt. Nach Angaben eines Polizeibeamten gegenüber der Tageszeitung „Figaro“ wurde eine ältere Frau von dem Angreifer in der Nähe des Weihwasserbeckens der Basilika Notre-Dame getötet. Ihr sei die Kehle durchgeschnitten worden. Unweit davon sei das zweite Opfer gefunden worden, ein 55 Jahre alter Mitarbeiter der Kirche. Auch er mit durchgeschnittener Kehle. Eine Frau habe dem Angreifer mit schweren Schnittverletzungen entkommen können, sei aber ihren schweren Verletzungen erlegen. Die Polizei spricht noch von sechs weiteren Verletzten. Der Täter wurde von den Beamten mit gezielten Schüssen außer Gefecht gesetzt und in ein Krankenhaus transportiert. Kurz darauf wurde im Umkreis der Kirche ein „verdächtiges Paket“ gefunden und von der Polizei gezielt gesprengt, weil sie eine Bombe darin befürchteten – was sich allerdings als falsch herausstellte.

Nizzas Bürgermeister Estrosi ist dann der erste, der öffentlich ausspricht, was in Frankreich nach der Attacke viele Menschen denken. Der Täter sei ähnlich vorgegangen wie bei der Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty vor rund zwei Wochen. Der Lehrer war von einem mutmaßlichen Islamisten bei Paris enthauptet worden, nachdem er Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte. Damit nicht genug: nur wenige Wochen vor dem Mord an Samuel Paty hatte ein junger Mann zwei Journalisten vor dem ehemaligen Sitz der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ niedergestochen – als Rache für die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen. Wegen dieser Darstellungen des Propheten hatten bereits im Januar 2015 zwei Islamisten bei einem Anschlag auf die Satirezeitung zwölf Menschen kaltblütig ermordet.

Am Abend macht der französische Anti-Terror-Staatsanwalt Jean-François Ricard in einer Pressekonferenz Angaben über den mutmaßliche Nizza-Attentäter. Der Mann sei ein Tunesier, der aus Italien nach Frankreich gekommen war, so Ricard. Der Verdächtige, der 1999 geboren sei, sei am 20. September auf der italienischen Insel Lampedusa eingetroffen und am 9. Oktober nach Paris gereist, teilte Ricard am Donnerstagabend auf einer Pressekonferenz mit. Die Reiseangaben stammen demnach aus einem Dokument zu dem Mann vom italienischen Roten Kreuz.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zeigte sich am Donnerstag tief bestürzt über die Bluttat in Nizza und flog unverzüglich an den Anschlagsort, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Schon am Morgen hatte sich der Staatschef mit dem Thema Islamismus auseinandergesetzt. Er hatte in Paris an einer Sitzung des Krisenstabs teilgenommen. Der Grund: in einer Reihe muslimischer Länder hatte es in den vergangenen Tagen Drohungen und Boykottaufrufe gegen Frankreich gegeben. Die Proteste entzündeten sich an Macrons Äußerungen bei der Trauerfeier für den getöteten Lehrer Samuel Paty. Er sagte, der Islam befinde sich in einer Krise und kündigte ein Festhalten an den Mohammed-Karikaturen im Namen der Meinungsfreiheit an.

Die Morde in Nizza sollten am Donnerstag nicht die einzige Schreckensmeldung bleiben. Nachrichtensender berichteten am Nachmittag, von einem islamistischen Vorfall in einem Vorort von Avignon. In Montfavet bedrohte ein Mann laut Polizeiangaben mehrere Passanten mit einer Pistole. Es heißt, er habe ebenfalls „Allahu Akbar“ geschrien. Polizisten hätten den Mann erschossen. Am Abend nahm dieser Fall dann eine überraschende Wendung. Französische Medien melden, dass der 33-Jährige Anhänger der extremen rechten Identitäteren Bewegung und wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen sei. Der Islamismusverdacht sei fallengelassen worden.