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Xanten: Heinz Roters schlägt Runden Tisch für die Grundschulen vor

Ehemaliger Schulleiter Heinz Roters : „Ein Runder Tisch zu den Grundschulen ist nötig“

Der frühere Leiter der Viktor-Schule spricht sich gegen eine zweite Eingangsklasse am katholischen Teilstandort Marienbaum aus. Damit würde das Problem nicht gelöst, sondern nur verschoben, warnt er – und fordert Gespräche für alle Grundschulen in Xanten.

In Marienbaum sind für das nächste Schuljahr mehr Kinder für die Grundschule angemeldet worden, als es Plätze gibt. Deshalb stimmt der Stadtrat am 8. März darüber ab, ob ausnahmsweise eine zweite Eingangsklasse gebildet wird. Die Organisation läge bei der Viktor-Grundschule, weil Marienbaum ein Teilstandort von ihr ist. Der frühere Leiter Heinz Roters äußert in einem Schreiben an die Politik seine Bedenken. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Herr Roters, Sie haben sich mit einem Brief an die Politik gewandt und damit in die Debatte um den Teilstandort Marienbaum eingeschaltet. Warum?

 Der frühere Leiter der Viktor-Schule, Heinz Roters.
Der frühere Leiter der Viktor-Schule, Heinz Roters. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Heinz Roters Wenn öffentlich über Schulen gesprochen wird, berührt mich das. Und da es gerade um den Teilstandort geht und darum, wie man es managt, wenn mehr Schüler angemeldet sind, als eigentlich in die erste Klasse aufgenommen werden können, hat mein pädagogisches Herz wieder zu schlagen angefangen und ist leicht in Rhythmusstörungen geraten. Deshalb fühlte ich mich berufen, einen Denkanstoß zu geben.

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Was möchten Sie mit Ihrem Denkanstoß erreichen?

Roters Dass noch einmal überlegt wird, ob es für den Teilstandort in Marienbaum nicht doch eine andere Möglichkeit gibt, als eine zweite Eingangsklasse in diesem Jahr zu bilden. Es muss doch intelligentere Lösungen geben als zu sagen, in diesem Jahr machen wir einmal eine Klasse mehr.

Weite Teile der Politik und die Verwaltung sprechen sich für eine zweite Eingangsklasse aus. Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen?

Roters Dagegen spricht, dass es nicht einfach zu managen ist, wenn am Teilstandort eine zweite Eingangsklasse hinzukommt und damit fünf Klassenräume vier Jahre lang belegt werden und somit auch die Zahl der OGS-Kinder steigt. Dann werden noch mehr Lehrkräfte zwischen dem Hauptstandort in Xanten und dem Teilstandort in Marienbaum unterwegs sein. Natürlich wird eine Schulleiterin oder ein Schulleiter immer darum bemüht sein, eine möglichst gute Unterrichtsversorgung zu gewährleisten. Aber am Teilstandort sind dann fünf Klassenlehrerinnen oder Klassenlehrer einzusetzen. Es kann deshalb vorkommen, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin zwei Klassen zu führen hat, weil das Lehrerkontingent keine andere Lösung zulässt. Es wird auch schwieriger, die Fächer abzudecken, denn nicht jeder Lehrer und nicht jede Lehrerin unterrichtet alle Fächer. Die Viktor-Schule stemmt schon jetzt durch den Schulverbund mit Haupt- und Teilstandort eine anspruchsvolle Aufgabe mit sehr großem Engagement. Vor allem aber sehe ich das Problem: Wie wollen Sie im nächsten Jahr begründen, dass Sie dann keine zweite Eingangsklasse bilden? Warum sollte es diese zweite Eingangsklasse nur ein einziges Mal geben?

Es dürfte aber schwierig werden, jetzt noch zurückzurudern. Den Eltern ist schon in Aussicht gestellt worden, dass es die zweite Eingangsklasse geben kann.

Roters Man sollte trotzdem den Versuch starten, den Teilstandort bei vier Klassen zu lassen, weil man damit langfristig eine größere Zufriedenheit für alle Beteiligten erreichen wird, als wenn man es nicht probiert.

Eine größere Zufriedenheit bei wem?

Roters Im Lehrerkollegium und beim überwiegenden Teil der Eltern am Hauptstandort sowie am Teilstandort, aber auch bei den Eltern des nächsten Einschulungsjahrgangs. Wenn es stattdessen in diesem Jahr eine zweite Eingangsklasse gibt, wird das Problem nur ins nächste Jahr verschoben. Das wäre eine Vogel-Strauß-Politik: Ich stecke den Kopf in den Sand und hoffe, dass es im nächsten Jahr gut geht. Aber im nächsten Jahr haben Sie vielleicht 40 Anmeldungen und können wieder nur höchstens 30 Kinder aufnehmen. Dann wird die Stimmung genauso sein wie in diesem Jahr. Nur werden die Eltern sagen, dass schon einmal eine zweite Eingangsklasse gebildet wurde. Sie werden sich auf diesen Präzedenzfall berufen. Man muss also in diesem Jahr schon eine langfristige Lösung im Auge haben. Und die Bevölkerung weiß, dass es ein einzügiger Teilstandort ist.

Es dürfte aber nicht so einfach sein, die betroffenen Eltern zu überzeugen, ihre Kinder in Xanten statt in Marienbaum anzumelden.

Roters Das weiß ich. Ich habe solche Gespräche immer wieder führen müssen. Zum Beispiel, als wir in Vynen nicht mehr genug Anmeldungen hatten, um ein neues erstes Schuljahr am Teilstandort weiterzuführen. Wir haben damals Gespräche mit den Eltern geführt, damit acht oder neun, vielleicht waren es auch zehn Kinder, am Hauptstandort aufgenommen werden konnten.

Wie haben Sie die Eltern überzeugt?

Roters Die Eltern waren sehr enttäuscht – enttäuscht darüber, dass der Teilstandort in Vynen aufgehoben wird und enttäuscht darüber, dass die Kinder so weit fahren sollten. Wir haben deshalb viele Gespräche geführt. Ein Argument der Eltern war immer, dass sie ihre Kinder ungern allein mit dem Bus fahren lassen wollten. Meine damalige Konrektorin Hilde Schmitz hatte eine gute Idee. Wir haben mit der Marienschule gesprochen, weil es Marienschülerinnen gab, die in Vynen wohnten. Sie haben sich dann als Patinnen um die Grundschulkinder an den Bushaltestellen gekümmert. Und an der Bushaltestelle an der Schule stand immer eine Lehrerin oder ein Lehrer und hat die Kinder abgeholt. Die Kollegin oder der Kollege hat die Kinder auch wieder zum Bus gebracht. Das hat die Eltern beruhigt. Damit haben wir ihnen die Ängste genommen.

Wie waren die Erfahrungen nach einiger Zeit?

Roters Ich kann nur betonen, dass die Eltern bisher immer nach einigen Tagen überzeugt waren. Für ein Kind ist die Bezugsperson wichtig, die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer. Es ist für ein Kind nicht wichtig, ob es in dem Ort zur Schule geht, wo es wohnt oder ob es zehn Kilometer mit dem Bus fahren muss. Bei Geschwisterkindern ist das anders. Da ist es sinnvoll, wenn sie gemeinsam den Teilstandort besuchen. Damals, als es um Vynen ging, waren die Kinder nach wenigen Wochen geübt, die Fahrsituation zu meistern. Auch die Eltern sagten, dass sie sich nach ein paar Tagen an diese Schülerbeförderung gewöhnt haben. Vorher hatte ich auch das Argument von Müttern oder Vätern gehört, dass sie ihr Kind lieber an einen kleinen Standort schicken wollen. Aber die große Schule war bereichernd für die Kinder. Sie haben das überhaupt nicht als negativ erlebt, im Gegenteil. Sie hatten mehr Begegnungen mit anderen Kindern und ein größeres Angebot an Gemeinschaftsveranstaltungen.

Am Teilstandort in Marienbaum besteht nicht nur die Herausforderung, dass er bisher einzügig ist, sondern dass er auch ein katholischer Bekenntnisstandort ist. Deshalb entscheidet zunächst die Konfession darüber, welches Kind angenommen wird. Wie lässt sich das lösen?

Roters Es ist vermutlich nicht mehr zeitgemäß, dass wir Bekenntnisschulen haben, denn durch einen Wechsel zu einer Gemeinschaftsgrundschule ändert sich kaum etwas. Es werden dieselben christlichen Werte vermittelt. Das steht im Schulgesetz, aus dem ich auch in meinem Brief an die Politik zitiert habe. Demnach ist jede Schule dafür verantwortlich, wie die Kinder miteinander umgehen. Natürlich, in Marienbaum wird nur katholischer Religionsunterricht angeboten, an einer Gemeinschaftsgrundschule muss es auch evangelischen Religionsunterricht geben. Aber was ist denn da noch für ein großer Unterschied? Es ist doch wichtig, dass wir die Botschaft Jesu und die kirchlichen Festtage im Unterricht erklären. Deshalb bin ich dafür, dass wir die Bekenntnisschulen in unserer Stadt auf den Prüfstand stellen und sagen, dass wir Gemeinschaftsgrundschulen anbieten, weil sie die Vielfalt unserer Gesellschaft besser widerspiegeln. Und damit Kinder unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlichen Talenten an allen Standorten zusammenleben und lernen.

Trotzdem müsste man Eltern, die ihre Kinder im nächsten Jahr in Marienbaum anmelden wollen, dazu raten, dass sie ihre Kinder noch schnell katholisch taufen lassen – damit die Kinder bessere Chancen haben, angenommen zu werden.

Roters Das ist das Absurde und völlig verrückt.

Wie lässt sich das Problem lösen?

Roters Nur langfristig. Dafür ist ein Runder Tisch notwendig. Ich weiß aus dem Kreis Kleve, dass damals Schulen den Bekenntnisstandort zugunsten einer Gemeinschaftsgrundschule aufgegeben haben. Das ist nicht im Bösen geschehen. Das darf auch nicht in Konflikten enden. Aber dafür muss man die Menschen mitnehmen. Das geht nur durch gute Gespräche. Es müssen auch Menschen an diesem Runden Tisch sitzen, die nicht direkt etwas mit Schule zu tun haben. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Ortsteile und der Stadt müssen repräsentativ vertreten sein. Nur so entsteht Akzeptanz und eine Chance für das Bestimmungsverfahren. Wichtig ist auch, dass Erfahrungswerte mit dieser Situation eingebracht werden. Keiner darf das Gefühl haben, dass ihm etwas verloren geht. Es wird letztlich auch nichts abgeschafft, sondern eine Lösung angestrebt, mit der beide Kirchen und die Menschen vor Ort zufrieden sein können.

Sollte Marienbaum kein katholischer Teilstandort mehr sein, könnte Lüttingen bald vor denselben Problemen stehen, weil es dann der einzige katholische Bekenntnisstandort in Xanten wäre.

Roters Deshalb sollte sich der Runde Tisch mit allen drei Grundschulstandorten in Xanten befassen. Man muss dabei an einem Strang ziehen, damit nicht versteckt und unausgesprochen sogenannte „elitäre“ Schulen entstehen. Die Kooperation ist wichtig, um eine Lösung zu finden, die auch für alle tragfähig ist.

Haben Sie eine Reaktion auf Ihren Brief bekommen?

Roters Ich habe einige Reaktionen bekommen, und alle sagen, dass es ein sehr sachlicher Brief ist, der kompetent analysiert und qualifizierte Lösungsvorschläge in Aussicht stellt. Ich hoffe, dass die Politik über diesen Impuls nachdenkt. Meine Erfahrung ist, dass die Schulen und das Schulverwaltungsamt in der Regel gut zusammenarbeiten.

(wer)