Solingen: IHK spricht sich für Wegfall des Solidaritätsbeitrages aus

Interview: Uwe Mensch (Industrie- und Handelskammer) : „Regionale Konjunktur ist noch robust“

Der IHK-Geschäftsführer ist für Wirtschaftspolitik, Steuern, Finanzen und Kreditwirtschaft zuständig.

Die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs scheinen vorüber. Manche sprechen gar von einer Rezession. Oder ist es lediglich eine wirtschaftliche Delle?

Mensch Vieles ist derzeit unsicher, so auch der weitere Konjunkturverlauf. Sie haben recht, wenn Sie feststellen, dass die Negativmeldungen zunehmen und zahlreiche Konjunkturbeobachter uns bereits in einer Rezession sehen. Die Bewertung der aktuellen Lage ist aber nicht eindeutig. Ich sehe derzeit noch keinen gravierenden Abschwung der regionalen Wirtschaft. Ob es eine Delle wird, bleibt abzuwarten. Wir sehen im Städtedreieck derzeit nur, dass die Industrie etwas schwächelt.

Welche Branchen stehen denn gut da ?

Uwe Mensch, Geschäftsführer bei der Bergischen Industrie- und Handels- kammer. Foto: Reiter. Foto: Photographer: Malte Reiter

Mensch Die IT-Branche, der Dienstleistungsbereich, vor allem auch die Bauwirtschaft. Die Arbeitsplatzentwicklung und Kaufkraft entwickeln sich weiter gut. Der Fachkräftemangel hat sich eher noch verschärft. Insgesamt ist die regionale Konjunktur somit noch recht robust. Und selbst die offiziellen Umsatzdaten der Industriestatistik haben sich im ersten Halbjahr 2019 noch gut und besser als im Landesdurchschnitt entwickelt. Unser Maschinenbau und die Metallproduktherstellung waren weiter expansiv, während die Umsätze im Fahrzeugbau und der Chemie deutlich zurückgingen.

Die Industrie ist gleichwohl ein dominierender Wirtschaftszweig in Solingen, Remscheid und Wuppertal. Können dadurch die anderen Branchen in Mitleidenschaft gezogen werden ?

Mensch Das könnte passieren, wenn die Industrie über einen längeren Zeitraum Aufträge und Umsätze verlieren sollte und selbst weniger Aufträge vergeben kann. Noch ist es nicht soweit. Wir werden aber Ende dieses Monats bei unserer Herbstkonjunkturumfrage darauf eingehen. Wir sind schon gespannt auf die Antworten. Wir haben bereits im Frühjahr darüber berichtet, dass speziell unsere exportorientierte Industrie ihre Erwartungen deutlich zurückgeschraubt hat. Das dürfte sich seitdem nicht verbessert haben. Deshalb rechne ich nicht damit, dass die Ergebnisse der Herbstkonjunkturumfrage nur in Richtung Delle deuten und Entwarnung anzeigen werden.

Wie beurteilen Sie den guten Konjunkturverlauf der letzten Jahre?

Mensch Zum Konjunkturzyklus gehören der Aufschwung wie der Abschwung – und zwar selbst dann, wenn die bekannten, den Export belastenden Unsicherheiten nicht da wären. Wenn an der Kapazitätsgrenze produziert wird und die Produktionsfaktoren – Gebäude, Maschinen und Personal – weitgehend ausgelastet sind, wird eine weitere Aufwärtsentwicklung schwierig. In einem lang anhaltenden Boom kann es auch zu einem überschießenden Optimismus, Überinvestitionen oder Fehlinvestitionen und enttäuschten Erwartungen kommen.

Brexit und Protektionismus, der mit höheren Zollhürden daherkommt, hängen weiter wie ein Damoklesschwert auch über der Bergischen Wirtschaft . . .

Mensch Die Hoffnung stirbt zuletzt. Letztlich sollte die Vernunft aber siegen und dazu beitragen, dass Unsicherheiten wieder abgebaut werden. Derzeit sieht es jedoch noch nicht danach aus.

Wie beurteilen Sie die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank?

Mensch Die expansive Geldpolitik der EZB, welche zu einem niedrigen Eurokurs, niedrigen Zinsen und niedrigen Kreditkosten geführt hat, wird die exportorientierte Industrie und die Bauwirtschaft weiter stützen und zumindest den Negativfaktoren beziehungsweise Unsicherheiten entgegenwirken. Dafür hat sie einige weniger gute Nebenwirkungen für andere Branchen.

Welche Rolle sollte die Politik spielen?

Mensch Manch ein Politiker will bereits gegensteuern und Arbeitsplätze durch staatliche Ausgaben und Programme retten – zum Beispiel Arbeitsminister Hubertus Heil. Gut ist, dass die Politik zunehmendes wirtschaftspolitisches Interesse signalisiert und expansive Maßnahmen rechtzeitig ergreifen möchte, damit diese nicht zu spät und prozyklisch wirken. Sie sollte aber dabei nicht zu aktionistisch vorgehen, sondern eher die strukturellen Rahmenbedingungen verbessern. Kurzfristig und unbürokratisch würde hierzu ein vollständig wegfallender Solidaritätszuschlag beitragen, was die Konsumnachfrage steigern und die mittelständische Wirtschaft von diesen Sonderlasten befreien würde.

Mehr von RP ONLINE