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Rhein-Kreis Neuss: "Die Braunkohle bleibt wichtig"

Rhein-Kreis Neuss : "Die Braunkohle bleibt wichtig"

Johannes Lambertz, Vorstandsvorsitzender der RWE Power, spricht im Interview über die Bedeutung der Braunkohle nach dem Atomausstieg, die Zukunft des Kraftwerksstandorts Frimmersdorf und das neue BoA-Kraftwerk im Süden des Rhein-Kreises.

Herr Lambertz, was bedeutet der Atomausstieg für die Verstromung der Braunkohle im Rheinischen Revier?

Johannes F. Lambertz Die Katastrophe von Fukushima, die großes Leid über die japanische Bevölkerung gebracht hat, erschüttert uns alle. Ich finde es schändlich, wenn versucht wird, aus dieser Situation einen Vorteil für eigene Interessen zu ziehen. Darum: Die Braunkohle war vor Fukushima eine wichtige Säule der Energieerzeugung in Deutschland, und die Braunkohle wird nach Fukushima wichtig bleiben. Da gibt es keinen Strategiewechsel. Nachteil der Energiedebatte in Deutschland ist, dass wir zu schnell die Konzepte und Leitlinien austauschen. Wir diskutieren in kurzer Zeit nun schon die dritte Variante, dabei benötigen wir Planungssicherheit.

Bedeutet das für die Braunkohle und die mit ihr verbundenen Kraftwerke eine Ausweitung der Kapazität?

Lambertz Wir wissen alle, dass erneuerbare Energien nicht planbar sind, darum benötigen wir einen Sockel planbarer Energieerzeugung. Dazu zählt die Braunkohle, die hohe Benutzungsstunden benötigt, weil sie große Investitionen erfordert. Wenn wir schneller aus der Kernkraft aussteigen, wird tendenziell die Braunkohle noch stärker ausgelastet. Nicht längere Laufzeiten in Jahren, sondern in jährlichen Benutzungsstunden.

Kann das bedeuten, dass alte Kraftwerksstandorte wie Frimmersdorf länger am Netz bleiben?

Lambertz Nein. Wir haben der Politik und Gesellschaft gesagt, dass bis 2012 alle 150-MW-Blöcke vom Netz gehen. Das werden wir einhalten.

Wird der Standort Frimmersdorf künftig mehr Bedeutung in Sachen Forschung erhalten?

Lambertz Zunächst ist wichtig, dass unsere 300-MW-Blöcke, P und Q, in Frimmersdorf im Gegensatz zu den 150-MW-Blöcken weitergefahren werden. Zentrum unserer Forschungsprojekte, um die Braunkohleverstromung noch weiter zu verbessern, ist Niederaußem. Allein durch die räumliche Nähe strahlt diese Forschung natürlich auch bis nach Grevenbroich aus. Darum haben wir aktuell keine Planungen, dort zusätzliche Forschungsaktivitäten voranzutreiben.

Was plant RWE Power mit dem riesigen Gelände in Frimmersdorf, das als Kraftwerksgelände ausgewiesen ist? Das ist doch Gold wert?

Lambertz Da haben Sie recht, weil es auch immer um die Frage geht, wie wird ein Industriestandort von der Bevölkerung akzeptiert. Und da ist Frimmersdorf ganz weit vorn. Wir werden alles tun, um diesen Standort zu erhalten. Ob die beiden 300-MW-Blöcke P und Q 2017, 2018 oder auch später außer Betrieb gehen, das kann ich Ihnen heute seriös nicht beantworten. Das hängt sehr stark von der Entwicklung des Strompreises oder der Preise für Steinkohle ab, mit der wir konkurrieren.

Dampfwölkchen kommen aus den Kühltürmen. Gehen die BoA-Blöcke II/III in Neurath jetzt an den Start?

Lambertz Aktuell arbeiten etwa 2900 Menschen auf der Baustelle. Wir befinden uns in der Vorbereitung zur Inbetriebnahme — darum auch die Wölkchen. Diese vorbereitenden Arbeiten laufen jetzt planmäßig, so dass der erste Block in einigen Wochen erstmals ans Netz gehen wird. Sechs Monate später, und somit auch noch in diesem Jahr, soll der zweite Block folgen.

Der nächste Kraftwerksblock ist in Niederaußem geplant. Wie ist der Stand der Dinge?

Lambertz Angesichts der langen Planungszeiten muss ich heute wissen, wie wird der Strommarkt, wie werden die Rahmenbedingungen in zehn Jahren aussehen. Dazu wäre eine Glaskugel erforderlich. Die haben wir aber nicht. Darum gehen wir Schritt für Schritt vor. Wir bereiten für unsere Standorte, auch für Frimmersdorf, Optionen vor, um dann zur rechten Zeit, Entscheidungen treffen zu können. In diesem Jahr werden wir mit den Planungen für die nächste Kraftwerksgeneration in Niederaußem beginnen. Es wird sicherlich zwei Jahre dauern, bis wir die Genehmigung haben. Investitionsentscheidungen treffen wir erst, wenn wir nicht mehr beklagbare Genehmigungen in Händen halten. Alles andere wäre wirtschaftlich nicht zu verantworten. Das wird für Niederaußen hoffentlich in zwei, drei Jahren der Fall sein.

Was zeichnet diese neue Kraftwerksgeneration aus?

Lambertz Drei Parameter sind entscheidend. Erstens: Wegen der CO2-Belastung muss das Kraftwerk der neuen Generation einen höheren Wirkungsgrad haben. Zweitens: Die erneuerbaren Energien drängen in den Markt, aber ihr Beitrag ist nicht stabil, da sie von Wind oder Sonne abhängig sind. Unsere neuen Kraftwerke müssen den Ausgleich gewährleisten, also sehr schnell hoch oder runter gefahren werden können. Drittens: Diese neuen Kraftwerke müssen einen niedrigen Mindestlastpunkt haben. Heute können wir die Kraftwerke mit halber Kapazität fahren, demnächst müssen wir auf 40, wenn technisch möglich, auf 30 Prozent herunterfahren können.

Wie hoch ist die Investition in Niederaußem?

Lambertz Das kann ich heute noch nicht sagen. Es wird sich aber um einen sehr hohen, dreistelligen Millionen-Betrag handeln.

Gehört, wenn die neue Generation in Niederaußem steht, das Neurather BoA-Kraftwerk schon zum alten Eisen?

Lambertz Nein, gehört sie nicht. Die BoA gehört zu unserem modernsten Portfolio. Alle Kraftwerke, die einen geringeren Wirkungsgrad als die BoA in Neurath haben, die gehören zur älteren Generation. Ehe die BoA unter diesem Gesichtspunkt zur alten Generation gehört, vergehen noch viele Jahrzehnte.

Die BoA-Baustelle ist ein wirtschaftlicher Impuls für die Region. Lässt sich der Effekt für die Region konkret in Zahlen fassen?

Lambertz Ein unabhängiges Institut hat die Zahlen für die Jahre 2006 bis 2010 aufbereitet. Danach wurden durch BoA II/III durchschnittlich pro Jahr 9000 Arbeitsstellen gesichert, davon 7500 in Deutschland. Der Effekt der Investition wird auf eine Milliarde, insgesamt also fünf Milliarden Euro beziffert, davon 800 Millionen jährlich in Deutschland. Nach Fertigstellung des Kraftwerks in Neurath werden fast tausend Arbeitsplätze gesichert; 200 im Kraftwerk selbst. Hinzu kommen Dienstleister für Wartung und Instandhaltung. Der Betrieb bringt zusätzlich Produktionseffekte von 80 Millionen Euro pro Jahr. Die unmittelbare Region, also Grevenbroich und Umgebung, profitiert etwa mit zehn Prozent. Rund 3500 Unternehmen aus dem Rheinischen Revier sind für RWE Power, inklusive Tagebau, tätig. An diese Betriebe haben wir 2010 Aufträge mit einem Volumen von einer Milliarde Euro vergeben. Das ist für uns gelebte Partnerschaft.

Ludger Baten und Wiljo Piel führten das Gespräch.

(NGZ)