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Aktionen: Orgelklänge dringen bis in die Stadt

Aktionen : Orgelklänge dringen bis in die Stadt

Ansgar Wallenhorst ist Organist an St. Peter und Paul. Und er spielt auch und gerade in schwierigen Zeiten.

Was macht ein Organist, wenn es keine Gottesdienste gibt und er keine Konzerte geben kann?

Ansgar Wallenhorst Als Musiker pflegen wir ja idealerweise eine gute Balance zwischen vita activa und vita contemplativa. Wenn nun der aktive Teil, also Chorproben, Musik machen in Gottesdiensten, Konzerte und Vorträge aufgrund der aktuellen Beschränkungen traurigerweise entfällt, bleibt uns die mehr kontemplative Arbeit wie Musik in Stille zu studieren und dann zu üben, Fachliteratur zu lesen, Archivarbeiten und Vieles, was sonst eher zu kurz kommt und liegen geblieben ist. Darüber hinaus sind wir ja auch „Musik-Manager“: Allein im Bereich der „Orgelwelten Ratingen“ haben wir etwa 30 Veranstaltungen pro Jahr. Da gilt es, jetzt zu überlegen und Entscheidungen herbeizuführen, unter welchen Rahmenbedingungen welche Formate in diesem Jahr verantwortbar durchgeführt werden können. Ein Orgelkonzert mit vielleicht 100 hörenden Besuchern, verteilt auf die 350 Sitzplätze in St. Peter und Paul, ist in puncto Infektionsschutz anders zu bewerten als eine Chorprobe mit 50 Personen in einem Saal, wo über zwei Stunden alle singen und auch miteinander sprechen. Über all diese Themen müssen wir uns von Fachleuten fundiert beraten lassen, tauschen wir uns aus unter Kollegen und auch mit den Verantwortlichen der anderen Kulturträger. Das Orgelfestival im niederländischen Haarlem, wo ich künstlerischer Berater bin, hat als eines der größten und ältesten in Europa die Sommerakademie und den Wettbewerb komplett auf 2021 verschoben. Wir sind also momentan wie alle kommunikativ sehr gefordert, weil wir ja weltweit in einem Boot sitzen und Entscheidungen zwar auf die regionale Gefährdungslage durch Covid 19 abgestimmt werden, aber immer im großen Kontext getroffen werden müssen.

Finden Sie andere Wege, um die Menschen musikalisch zu erreichen?

Wallenhorst Als ich am 19. März von einer Pilgeretappe auf dem französischen Jakobsweg quasi mit dem letzten Zug aus Paris hier eintraf, war mir durch die schon erfolgten Maßnahmen in Frankreich und Italien der Ernst der Lage bewusst. Als erstes habe ich versucht, vor allem die älteren und kranken Menschen zu erreichen, die bei uns in den Chören singen oder im Förderverein Musica sacra die Kirchenmusik unterstützen. Der Verkündigung mit Musik, der wir als Kirchenmusiker verpflichtet sind, war und ist also in dieser Situation das seelsorgliche Bemühen vorgeschaltet, zu hören, wie es den einzelnen geht, wo Hilfe und Unterstützung gebraucht wird. Im zweiten Schritt haben wir dann ab Palmsonntag auch Gottesdienste online gestellt, um neben den professionellen Angeboten quasi etwas „österliches Heimatgefühl“ aus unseren Kirchen zu vermitteln. Dann war das Jahresthema der „Orgelwelten“, nämlich der Trost, in diesen Tagen geradezu eine Fügung, und so habe ich dann anstelle der „orgel.punkte“ live nun „trost.punkte“ per E-Mail versandt und auf unserer Homepage online gestellt: Gedanken, Texte und vor allem natürlich Musik zu den Kar- und Ostertagen. Der Osterjubel kann aber nicht hinter verschlossenen Türen bleiben! So sind am Ostersonntag sechs Sänger aus unseren Ensembles in die Osttürme, den ältesten Teil von St. Peter und Paul gestiegen, und haben gemeinsam mit den Trompetern Jan und Frank Düppenbecker, die in den Dachgauben positioniert waren, das Osterlob über die Stadt schallen lassen nach dem großen ökumenischen Oster-Läuten. Die Menschen kamen spontan herbei, und wir haben die „Osterschlager“ dann vor dem Hauptportal gemeinsam singen können – unter Wahrung der Abstandsregeln natürlich. Ein unvergessliches Oster-Erlebnis im Corona-Jahr!

Spielen Sie manchmal allein in der Kirche St. Peter und Paul?

Wallenhorst Wir sind ja ein großes Organisten-Team, und so spielt oder übt eigentlich fast immer jemand in St. Peter und Paul – oft bis tief in die Nacht. Bis in die Karwoche war das eher verhalten und ein Klangteppich für die Beter in der Kirche und alle, die in der Turmkapelle eine Kerze in den Anliegen dieser Tage aufstellen. Mit Ostern ist das auch durchaus bis auf den Markt und in die umliegenden Straßen zu hören.  Unsere Orgel schafft das ja bekanntlich problemlos (lacht)! Die Osterzeit dauert bis zum Pfingstfestm und der Heilige Geist weht immer mehr alle Ängste hinweg, öffnet die Türen, zueinander und in die Welt. Das wird also eine Aufgabe für uns Organisten und die klangvolle Orgel von St. Peter und Paul bleiben, solange Versammlungen – und damit der Kern des Christseins als Gemeinschaft! – in Verantwortung füreinander und in Solidarität mit Kranken und Älteren nicht möglich sind. Von ihren Stimmen „verschwebenden Schweigens“ bis zum Klangmagma wird unsere Orgel sich weiter bemerkbar machen, und ich vermute, es wird noch öfter auf dem Kirchplatz gesungen in den nächsten Wochen!