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Kriegsende in Ratingen vor 75 Jahren

Kriegsende vor 75 Jahren : Als die Stadt kampflos befreit wurde

Vor fast genau 75 Jahren, am 17. April 1945, endete auch in Ratingen die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten.

Kann sich Geschichte wiederholen? Hat die Befreiung der Stadt Ratingen von der deutschen Wehrmacht vor fast genau 75 Jahren mit den Auswirkungen der heutigen Coronavirus-Krise auf den ersten Blick wenig gemein, so zeigen sich beim genaueren Hinsehen indes einige Parallelen. Wenn durch das Coronavirus das öffentliche Leben seit Mitte März auch in Ratingen praktisch zum Erliegen kommt, so „erstarb jegliches Leben in der Stadt“ mit dem Einzug der  US-amerikanischen Befreiungstruppen, heißt es in einer ausgedehnten Berichterstattung eines lokalen Presseorgans, das sich dabei auf eine Chronik der Minoritenschule stützt. Weitere Ähnlichkeit von damals zu heute: „Die Geschäfte wurden geschlossen, die Menschen sammelten sich an den Hauseingängen in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.“  Das war die Situation kurz nach dem Einmarsch der alliierten Streitkräfte.

Vor fast genau 75 Jahren, am 17. April 1945, wurde die Stadt Ratingen und ihre kriegsgebeutelte Bevölkerung von einem Panzerkommando unter Führung des in der Ratinger Nachkriegsgeschichte bekannten „Eroberers von Ratingen“, Major Ashley Gray, besetzt und de facto von den Nazis befreit. Ratingen – so schreibt es der frühere Stadtarchivar und Historiker Erik Kleine Vennekate in „1945 – Luftangriff, Mord und Einmarsch. Die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs in Ratingen“ – wurde wegen der „vermuteten Konzentration von deutschen Truppen und Material“ bereits beim verheerenden Luftangriff vom 22. März 1945 schwer getroffen. Ein Vorbote für die spätere Befreiung der Stadt?

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Obwohl die Wehrmacht, ihrerseits unter dem Kommando von  Oberbefehlshaber Walter Model, noch ihre Einheiten bis zum Einmarsch der alliierten Kräfte Mitte April in und um Ratingen stationiert gehabt haben soll, verlief die tatsächliche „Übergabe der Stadt“ an die Amerikaner unterdessen mehr oder weniger gewaltlos. Allerdings wurde der Einmarsch der Amerikaner in Ratingen von heftigem Artilleriebeschuss begleitet. Dieser wurde sodann aber eingestellt, als die US-Streitkräfte sich der „Kooperation“ der Soldaten, Polizisten und der Zivilbevölkerung sicher sein konnten.

Nicht nur die militärische Stärke der US-Truppen, sondern auch der sich ausbreitende Mangel an Munition und Lebensmitteln war vermutlich für die kampflose Übergabe ausschlaggebend. Der befürchtete Widerstand der Wehrmacht, wie etwa im südlich gelegenen Haan oder Erkrath, blieb weitgehend aus – zur Freude der kriegsmüden Ratinger. Vielmehr handelte es sich um eine regelrechte Kapitulation, ist aus dem Aufsatz von Historiker Kleine Vennekate, der mittlerweile im niedersächsischen Meppen arbeitet, zu deuten. Bei Vennekate heißt es dazu wörtlich: „Am Morgen des 17. April lösten sich auch die Wehrmachtseinheiten auf, die in und um Ratingen stationiert waren, und ihr Kommandeur erklärte, dass die Stadt Ratingen nicht verteidigt würde.“

Daraufhin wurde seitens der Verwaltung prompt die Ratinger Bevölkerung über die widerstandslose Übergabe der Stadt informiert. „Ich bitte, den einrückenden Besatzungstruppen mit Würde und Zurückhaltung zu begegnen, auch jede unüberlegte Handlung zu unterlassen, da Nachteile und vielleicht Vernichtung der Stadt die Folge sein könnten“, soll es vom damaligen städtischen Beigeordneten Schmidt dazu geheißen haben.

Zugleich rief die Ratinger Stadtverwaltung ihre Kollegen in Erkrath an, wo bereits die US-Truppen standen und die Stadt eingenommen hatten. Den Amerikanern wurde somit via Telefon die „kampflose Übergabe“ unterbreitet, um laut Vennekate „so weitere Zerstörungen zu verhindern“.

Die US-Amerikaner willigten ein und kündigten an, Ratingen noch am selben Tag besetzen zu wollen. Damit endete die Jahre lange Okkupation der Stadt durch die Nationalsozialisten.

Um den Willen zur Übergabe auch sichtbar kundzutun, gab der städtische Beigeordnete Schmidt eine knappe Anordnung an den örtlichen Schornsteinfegermeister: „Ich gebe Ihnen hiermit den Auftrag, auf beiden Kirchtürmen die weiße Fahne zu hissen.“

Die evangelische Pfarrersfrau und die Haushälterin des Pastors Hilbing stellten Bettlaken zur Verfügung, die in der Mittagszeit von drei Feuerwehrmännern an den Türmen befestigt wurden, heißt es in dem Pressetext, der aus der Chronik der Minoritenschule zitiert.

Bei ihrem Vormarsch auf Ratingen stießen laut Vennekate die US-Truppen im Schwarzbachtal auf die Heeresgruppe B. Auch sie ergaben sich widerstandslos und wurden gefangen genommen.

Vermisst wurde jedoch ihr Befehlshaber Walter Model. Er soll sich abgesetzt haben. Tatsächlich erschoss er sich nur wenige Tage später in einem Waldstück zwischen Duisburg und Lintorf, heißt es.

„Am frühen Abend des 17. April“, schreibt Vennekate weiter, trafen dann schließlich Major Gray mit einem Panzer und einen Jeep mit insgesamt sieben Mann Besatzung in der Stadt ein. Und übernahm die Kontrolle. Sofort wurde der Verwaltung Meldung gemacht, Menschen versammelten sich spontan um das Rathaus. Sie waren gespannt ob der neuen „Ratinger“. Am Rathaus wurden sodann bei Kerzenlicht die Übergabebedingungen festgelegt. Die wichtigsten waren die Abgabe aller Waffen, Beseitigung aller Straßensperren und die Freilassung aller Kriegsgefangenen. Vennekate: „Die deutschen Polizisten durften aber unbewaffnet weiterarbeiten.“

Major Gray und seine Einheit kamen im „Rheinischen Hof“ in der Innenstadt unter. In der Nacht wurde die Einheit wohl von deutschen Flakstellungen außerhalb der Stadt beschossen, dabei wurde ein vor der US-Unterkunft patrouillierender Soldat am Hals verletzt. Die Amerikaner drangen daraufhin in das Postamt ein und „unterbrachen die Telefonleitung“. Der Beschuss endete.

Am Morgen des 18. April trafen weitere amerikanische Panzer in der Stadt ein und stießen gen Kaiserswerth vor. Da am 17. April bereits auch Düsseldorf eingenommen werden konnte, konnte aus Sicht der US-amerikanischen Streitkräfte die großangelegte und minutiös geplante Operation mit dem Namen Ruhrkessel die Befreiung des Ruhrgebiets und des angrenzenden Rheinlands und Westfalens beendet werden. In die Geschichtsbücher als Kesselschlacht eingegangen war sie eine der letzten großen Schlachten auf europäischem Boden bis zum Kriegsende vom 8. Mai 1945.

Laut Erik Kleine Vennekate haben sich die Amerikaner „äußerst besonnen verhalten und auf Repressalien verzichtet“. Etwa mit einer nächtlichen Ausgangssperre versuchten sie die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Über das künftige Zusammenleben mit den amerikanischen Besatzern liest man hingegen nichts.

Dr. Franz Josef Gemmert wurde zwischenzeitlich im Mai 1945 zum ersten Nachkriegsbürgermeister Ratingens ernannt.  In seiner ersten Erklärung an die Ratinger sagte er, dass „die innere Freiheit und Menschenwürde“ zurückgewonnen wurde, steht in einem Presseartikel. Seine erste Amtshandlung, angeordnet seitens der Amerikaner: Stadtbekannte Nazis mussten die im Kalkumer Wald verscharrten Leichen von zuvor elf durch die Gestapo exekutierten Zwangsarbeiter eigenhändig wieder ausgraben und bei der feierlichen Beisetzung der Toten vor der Kirche „St. Peter und Paul“ Hilfsdienste leisten.

Tausende Ratinger versammelten sich dazu auf dem Marktplatz.