Nettetal: Stein für jüdischen Gelehrten

Nettetal: Stein für jüdischen Gelehrten

Erstmals hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Venlo einen Stolperstein verlegt. Dieser erinnert an Julius Obermeyer, der ein unnachgiebiger Kritiker der Nationalsozialisten war.

Venlo Vor dem historischen Rathaus posiert eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft. Kameras klicken, der Augenblick muss in Bildern festgehalten werden. Im Parterre des Gebäudes geht es zur selben Zeit viel ruhiger zu. Eine Handvoll Menschen hat sich versammelt, um an Julius Obermeyer zu erinnern. Er wurde im Mai 1940, nur zwei Wochen nach der Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland, verhaftet und verschleppt. Er starb zwei Jahre später vermutlich im KZ Izbica im Süden Polens.

Erstmals hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Venlo einen Stolperstein verlegt, der an ein Opfer der NS-Herrschaft erinnert. Obermeyer war 1924 mit seiner Verlobten Franziska Wiederbröker nach Venlo gezogen. Er hatte in Rennes in Frankreich Literatur studiert und dort promoviert. Obermeyer beherrschte sieben Sprachen, bereiste halb Europa und arbeitete als Sprachlehrer. Außerdem schrieb er Bücher. In Venlo, wo er zunächst in der Roermondsestraat 12 wohnte, war "der Professor" bald ein hoch geachteter Bürger. Sein Schauspiel "Tarantello" wurde in einem Hotel am Kaldenkerkerweg aufgeführt. Geheiratet hatte Obermeyer seine Frau 1924 im Standesamt von Pont (Geldern), weil sie Deutsche waren.

Arbeit bei den Philips-Werken

  • Nettetal : Steine erinnern an Kinder

Der aus Eisbergen bei Minden stammende Intellektuelle blieb in Venlo, wo er an der Parade, am Markt 25 und zuletzt in der Minderbroederstraat lebte. 1926 wurde die Tochter Ruth Magdalena geboren. Für drei Jahre wohnte die Familie in Eindhoven, weil Obermeyer als Übersetzer und Sprachlehrer eine Anstellung bei den Philips-Werken hatte. In dieser Zeit schrieb er den Gedichtband "Der Anti-Nazi". Obermeyer war Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Bad Salzuflen und ein unnachgiebiger Kritiker der Nationalsozialisten. Dies verstärkte sich nach der Machtergreifung 1933, als die Familie wieder in Venlo lebte. Obermeyer besuchte fast täglich die öffentliche Bibliothek und ließ keine Gelegenheit aus, seine Abscheu über das Regime und seine Vertreter mitunter sehr drastisch zu äußern. Er ahnte nicht, dass er längst von der Gestapo bespitzelt wurde.

Anfang 1940 wurde die Familie ausgebürgert. Auf die Nachricht, er könne nicht mehr nach Deutschland zurückkehren, reagierte er nach Angaben seines Großneffen Bernd Althof, dies habe er nicht vor, solange "die Schweinebande, die jetzt am Ruder ist, die Macht in den Händen hat". Am 10. Mai überfiel Deutschland die Niederlande und besetzte das kleine Land. Zwei Wochen später verhaftete die berüchtigte Grüne Polizei aus Kaldenkirchen Obermeyer in dessen Wohnung neben der Minderbroeders-kerk. Er wurde einige Tage ins überfüllte Gefängnis nach Kaldenkirchen gebracht, danach nach Mönchengladbach. Dort erkrankte er durch die furchtbaren Haftumstände an offener Tuberkulose.

Gegen Obermeyer, der später nach Düsseldorf verlegt wurde, ist nie Anklage erhoben worden. Er wurde nicht einmal vernommen. Eindringlich schilderte Sef Derkx vom Limburgs Museum die Angst, in der Obermeyer in den Jahren seiner Haft gelebt haben muss. Über das weitere Schicksal ist nicht viel bekannt. Am 22. April 1942 verließ ein Transport mit 942 Juden Düsseldorf nach Polen. Viele waren tot, als der Zug das Ziel erreichte. Vermutlich starb Obermeyer im KZ Izbica. Seine Frau und die Tochter überlebten. Franziska Obermeyer starb 1980, die Tochter erst vor wenigen Monaten.

(RP)
Mehr von RP ONLINE