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Nettetal: Nach Kriegsende haben Flüchtlinge Kaldenkirchen verändert

Flüchtlinge in Kaldenkirchen : Viele Flüchtlinge erfolgreich integriert

Nach dem Kriegsende vor 75 Jahren begann auch eine große Veränderung der Stadtgesellschaft. Mit den Flüchtlingen kamen jetzt sehr viele evangelische Mitbürger in die Stadt. Die Versorgung mit Wohnraum und Essen war schwierig.

Von den 1714 Gebäuden, über die Kaldenkirchen im Jahr 1969 verfügte, war mit 836 Häusern nahezu die Hälfte seit 1948 errichtet worden. Darauf weist der Historiker Leo Peters in seiner „Geschichte der Stadt Nettetal“ hin. Die Beseitigung der Wohnungsnot war das große Problem der Nachkriegsjahre, ausgelöst vor allem durch Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten.

Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen war der Krieg am 1. März 1945 vorbei. Kaldenkirchen war zu diesem Zeitpunkt weitgehend menschenleer, weil die Frontstadt schon lange vorher im November 1944 evakuiert worden war. Von den 5500 Einwohnern in Kaldenkirchen blieben rund 800 am linken Niederrhein, die Mehrheit wurde weit entfernt untergebracht.

Es ist spannend zu lesen, wie Peters in seiner Stadtgeschichte beschreibt, wie die Menschen in Kaldenkirchen sofort begannen, die Versorgung mit Essen, Kleidung und Wohnraum zu bewerkstelligen. Bereits am 15. Oktober 1945 gab es einen Aufruf des Landrates im Auftrag der Militär-Regierung an die Bürger, große Mengen an Decken, Kleidern und Schuhen abzuliefern, um die „aus dem Osten kommenden heimatlos gewordenen Flüchtlinge“ auszustatten. Im November 1945 lebten rund 400 Flüchtlinge in Kaldenkirchen.

Im März 1946, ein Jahr nach Kriegsende, fasste Bürgermeister Gottlieb van Essen die wichtigsten Herausforderungen so zusammen: Wiederherstellung von beschädigtem Wohnraum, Beschaffung der dazu erforderlichen Baumaterialien, Unterbringung und Versorgung der Ostflüchtlinge, Beschaffung der notwendigen Lebensmittel und Kartoffeln, Beschaffung von Kohlen und sonstigen Brennstoffen. Im Sommer 1946 wurde ein Flüchtlingsausschuss eingerichtet, der auch mit Mitarbeitern von Caritas und Innerer Mission besetzt war. Der Antrag, die Stadt zum Notstandsgebiet zu erklären, wurde im Dezember 1946 allerdings abgelehnt. Die Not war umso größer, als es nach der Evakuierung zu zahlreichen Plünderungen gekommen war.

Leo Peters weist darauf hin, dass der enorme Zustrom von Vertriebenen aus dem Osten den Bevölkerungsaufbau am nachhaltigsten verändert hatte. „Ihre Versorgung mit Wohnung, Kleidung und Nahrung vor dem Hintergrund eigener fast unerträglicher Lasten war eine administrative und soziale Großtat, die wohl nur Zeitzeugen richtig zu würdigen wissen“, schreibt Leo Peters. Ihre Integration hat funktioniert. Was bei der Vielzahl von Flüchtlingen wundert, ist der Umstand, dass sich vor Ort keine Landsmannschaften gebildet haben. Wohnungszwangswirtschaft war über viele Jahre ein Kernbegriff im Rathaus. Noch 1948 waren Wohnungen, aber auch Säle und Fabrikräume beschlagnahmt, um Wohnungslose unterzubringen.

Wer heute beispielsweise durch die Straße An der Quelle fährt, dem fällt heute nichts Besonderes auf. Damals, im Jahr 1950, war es für die damaligen Verhältnisse fünf Jahre nach Kriegsende eine große Leistung, in dieser Siedlung gleichzeitig 52 Wohnungen zu errichten. Bereits im Herbst 1948 war Kaldenkirchen im Kreis die erste Gemeinde, die mit dem Wohnungsbau begann. Der Zuzug der Flüchtlinge führte auch in der Gesellschaft zu starken Veränderungen.

In die vormals stark katholisch geprägte Stadt kamen mit den Flüchtlingen vor allem viele Protestanten. Die evangelischen Christen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten waren in erster Linie lutherisch geprägt, was für die reformierte Gemeinde in der Hofkirche eine Herausforderung darstellte. Dass es heute – sehr viel später – in der Hofkirche ein Kreuz gibt, ist letztendlich der Integration der zugezogenen Gemeindeglieder zu verdanken.