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Opa-Kolumne in Mönchengladbach von Dieter Weber: Wie Pingel zueinander finden

Opa-Kolumne : Wie Pingel zueinander finden

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (10), Matilda (6) und Elisa (3). An dieser Stelle berichtet er regelmäßig vom aufregenden Opa-Leben.

Wenn Sie Großeltern sind und die Entwicklung Ihrer Enkel verfolgen durften, können Sie sich bestimmt daran erinnern, als die Kleinen richtig klein waren. Ich denke oft an die Zeit zurück, als Hannah knapp zwei Jahre alt war und mehrere Nachmittage in der Woche von meiner Frau betreut wurde, wenn meine Schwiegertochter arbeitete. Wann immer es mir möglich war, habe ich an diesen Tagen freigemacht, um ein bisschen an Hannahs Entwicklung teilhaben zu können. Regelmäßig führten wir dann nachmittags unseren Berner Sennenhund aus. „Gacke, Muzze, Hu an!“, forderte Hannah vorher (stand für Jacke, Mütze und Schuhe) und hielt während des Spaziergangs stolz die Leine von „N-dia“ (unser damaliger Hund hieß Madita).

Inzwischen ist meine älteste Enkelin zehn Jahre alt. Sie besucht ein Gymnasium und führt heute die Leine unseres Berners Lotta, wenn wir mit dem Tier gehen (Madita schaut im Hundehimmel zu). Jüngst hat sie mit Matilda (6) und Elisa (3) ein Wochenende bei uns verbracht. Hannah agierte in einer Doppelrolle. Als Enkelin. Und als Ersatz-Mama. Während sie vor acht Jahren tapsig ihren Weg ging, macht sie jetzt federnde Schritte, die den Übergang von der Kinderzeit in die Welt der Jugendlichen markieren. Dabei dirigierte sie ihre Schwestern. „Hey, Leuteee!“, rief sie, als diese sich an der Schaukel des Spielplatzes balgten. Und ließ megacool eine Kaugummi-Blase sanft vor ihrem Mund platzen. Frieden kehrte ein. Meine Frau und ich waren nur Statisten.

In den Herbstferien habe ich Hannahs Zimmer angestrichen und neue Möbel aufgebaut. Ich bin handwerklich kein Ass, aber Pinseln kann ich wie ein Malerfürst. „Ich möchte helfen“, sagte Hannah. Ganz ehrlich: Ich arbeite lieber allein. Aber Hannah einen Korb geben? Das kommt nicht in Frage, was meinen Sohn verwundert: „Ich durfte früher nie helfen.“ Aber vielleicht kennen Sie das: Die Augen der Liebe sind bei Enkeln besonders groß. Und die Geduld wächst dabei ins Unendliche. Hannah durfte abkleben (was ihr vorzüglich gelang), sie machte den zweiten Anstrich bei einer farbigen Wand, baute Schränke zusammen, arbeitete mit Schraubendrehern, Hammer und Inbusschlüsseln. Am Ende leitete sie ihre Schwester Matilda an, die auch einen Schrank bauen wollte. Und Opa stand daneben, erklärte, half, unterstützte – und sprengte den selbst gesteckten Zeitrahmen, als gäbe es kein Morgen.

So nebenbei übernahm Hannah meine Maßstäbe. Ich mag es nicht, wenn sich Farbschatten zeigen oder wenn feine Rückstände auf der Wand verbleiben. „Püssel“ nenne ich sie. Hannah stellte schnell fest: „Püssel sind deine Feinde, nicht wahr Opa?“ Und als ich bekannte, ein Pingel zu sein, bekräftigte sie: „Ich bin auch ein Pingel. Bei mir muss alles genau sein.“ Opas Spuren.

Am Ende waren drei Wände und Decke strahlend weiß, eine Wand präsentierte  sich in einem warmen Blauton, Möbel und der neue Schreibtisch standen an ihrem Platz. Ebenso das Cello.

Alles war sauber, aufgeräumt, Deko hatte Hannah stilsicher drapiert. Nur auf der Vorderfront von Schränken und Schubladen zeigten sich braune Bohrlöcher – Lederschlaufen zum Öffnen mussten noch angebracht werden. Auf die fiel Matildas Blick, als sie das Zimmer ihrer großen Schwester inspizierte und diese Funktion nicht gleich erkannte. Entsetzt rief sie: „Mensch Opa, was bist du dumm!“