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Eine Geschichte zum deutsch-türkischen Anwerbeabkommen

Der Enkel eines türkischen Einwanderers der erste Stunde erzählt : Die Geschichte meines Großvaters

Salih Tufan Ünal ist in Krefeld geboren; sein Großvater Salih wanderte 1969 aus der Türkei nach Deutschland aus. Anlässlich des Jubläums des Anwerbeabkommens mit der Türkei erzählt er die Geschichte dieser Einwanderung.

Als vor 60 Jahren, am 30. Oktober 1961, das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet wurde, da bedeutete es einen Einschnitt, der sich bis heute auf viele Menschen auswirkt. Auch wenn manche Nationalisten heute wünschen, dass „Ausländer“ das Land verlassen, so haben doch die Gastarbeiter, gerade aus der Türkei, einen großen Anteil am Aufschwung der Bundesrepublik nach dem Weltkrieg und damit dem Wirtschaftswunder, gehabt. Für viele der Arbeitsmigranten, die eigentlich nur für einige Zeit kommen wollten, wurde Deutschland zur Heimat, und sie blieben.

 Salih Tufan Ünal, Vorsitzender der Türkischen Union.
Salih Tufan Ünal, Vorsitzender der Türkischen Union. Foto: Lothar Strücken

Gerade die hier geborenen und aufgewachsenen Kinder sehen Deutschland als ihre Heimat an. „Mein Großvater Salih Ünal kam im Jahr 1969 nach Deutschland. Gemeinsam mit drei Freunden aus seinem Heimatort Balikesir, südlich von Istambul an der griechischen Grenze machte er sich einfach auf den Weg. Sie sind mit dem Zug nach Heidelberg gefahren und dort ohne Sprachkenntnisse, ohne festen Plan, aus dem Zug gestiegen“, erzählt Tufan Ünal. Der Krefelder ist Vorsitzender der Türkischen Union und hat sich intensiv mit seinem vor drei Jahren verstorbenen Vorfahren über dessen Erfahrungen unterhalten.

 Salih Tufan Ünal als Kind mit seiner Großmutter und einem Onkel.
Salih Tufan Ünal als Kind mit seiner Großmutter und einem Onkel. Foto: Ünal
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„Noch kurz vor seinem Tode haben wir lange geredet. Deutschland war für ihn vor allem der Weg, seiner Familie eine bessere Zukunft zu verschaffen. Er hat hart gearbeitet, teilweise drei Schichten am Stück, 24 Stunden, um voranzukommen. Diese Arbeitsmoral hat er auch hier in Deutschland gelernt und vorgelebt bekommen“, erzählt Ünal. Die Einstellung, alles für die Familie zu tun, habe sich bis heute gehalten. „Auch ich habe diese Einstellung. Und eine große Arbeitsmoral“, sagt der junge Mann, der mit 25 Jahren bereits ein Unternehmen mit fünf Angestellten gründete und erfolgreich leitet.

„Mein Opa hatte Glück, dass sie in Heidelberg am Bahnhof einen Türkisch-Lehrer trafen. Der half ihnen und vermittelte sie nach Krefeld. Fortan bewohnten sie zu viert eine Ein-Zimmer-Wohnung in Krefeld und haben gearbeitet. Erst waren es verschiedene Aushilfsjobs, irgendwann landete er dann bei der Bahn und hat als Rangierer gearbeitet. Das war damals ein gefährlicher Job, aber er hat gut verdient“, erzählt Ünal. Sein Großvater sei dabei in der Türkei gar nicht arm gewesen. „Wir hatten dort eigenes Land, eine Farm, und waren relativ wohlhabend. Aber es gab politische und wirtschaftliche Unruhen, und das war für ihn ein Grund, es im Ausland zu versuchen“, sagt er.

Drei Jahre nach der Fahrt ins Blaue sei seine Familie nachgezogen. „Mein Vater, sein ältester Sohn, war damals zehn Jahre alt. Er kam mit meiner Oma und Schwester auch nach Krefeld, und sie fanden wenig später eine Wohnung in Büderich. Das war 1972. Mein Opa hat dann zwölf weitere Jahre hart gearbeitet. Integration, wie es heute verstanden wird, war schwierig, denn er hat so viel Zeit bei der Arbeit verbracht, dass er sogar für die Familie kaum Zeit hatte. Für Sprachkurse und kulturelle Dinge blieb da wenig über“, sagt Ünal. Mit der Familie kamen auch weitere Kinder, vier an der Zahl.

Dann kam das Jahr 1984. „Mein Opa bekam eine Immobilie hier angeboten. Er hätte das ganze verdiente Geld in diese investieren und bleiben können – oder zurückkehren und dort ins alte Leben zurückkehren. Er hatte sechs Kinder, vier davon waren hier geboren. Es war eine sehr schwere Entscheidung“, sagt Ünal.

Sein Großvater habe sich nach langer Überlegung für die Rückkehr entschieden. „Auf dem Land der Familie gab es eine Quelle. Er gründete ein Unternehmen für Flaschenwasser und hat dieses erfolgreich vertrieben. Für die Familie aber war es ein Einschnitt. Mein jüngster Onkel war fünf oder sechs Jahre alt und sprach gar kein Türkisch“, sagt Ünal. Sein Vater, der Älteste, habe mit 22 Jahren bereits bei Siempelkamp gearbeitet und sich zum Bleiben entschieden.

„Das muss unglaublich schwer für ihn gewesen sein. Wir sind eine sehr enge Familie. Wenn meine Eltern zwei Wochen in Urlaub sind, vermisse ich sie. Für sie war es damals sicher noch extremer, denn sie waren aufgrund der Situation viel mehr auf sich zurückgeworfen“, vermutet der 25-Jährige. Dennoch habe der Vater für sich und seine Familie die richtige Entscheidung getroffen. „Ohne diese, aber auch ohne den Mut meines Großvaters, wären wir niemals, wo wir sind. Ich habe eine Banklehre gemacht und studiert. Ich habe ein Unternehmen und bin erfolgreich. Mein Bruder hat sogar promoviert. Dass wir studieren, stand auch nie in Frage. Mein Opa sagte einmal: ‚Wir konnten an ein Studium nicht einmal denken. Für Euch sollte es selbstverständlich sein. Dafür haben wir all das gemacht.‘“, sagt er.

Die viel zitierte Integration sei bei seiner Familie von selbst gekommen. „Mein Vater und meine Tante haben zum Beispiel bei einer Familie geholfen und mit Babysitting etwas verdient. Meine Tante hat die Kinder gehütet, mein Vater vor allem im Garten geholfen. Es war ein ganz angesehenes Ärzte-Ehepaar“, erzählt er. Auch das habe dazu beigetragen, dass die Familie in Deutschland heimisch ist. „Für mich ist es gar keine Frage. Ich bin Deutscher. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, war im Kindergarten, der Schule und so weiter. Ich spreche viel besser Deutsch als Türkisch, ich träume auf Deutsch, ich kenne nur die Kultur hier so wirklich. Aber dennoch gibt es diese andere, die türkische, Seite, und dieser schäme ich mich nicht sondern sehe sie mit Stolz“, sagt er.

Darum ist er auch politisch aktiv. „Die Türkische Union ist eine Art Dachverband für Orts- und Moschee-, Sport und andere Vereine und versucht, gute Dinge für die Menschen zu erreichen“, erzählt er. Hat er einen Traum, ein politisches Ziel? „Ich würde mir wünschen, irgendwann nicht mehr über Themen wie Integration und Nationalität sprechen zu müssen. Ich möchte einfach Mensch sein. Krefelder, Deutscher, was auch immer. Ich möchte, als der gesehen werden, der ich bin“, sagt er. Diese Sichtweise habe ihm nicht zuletzt sein Großvater vermittelt. Seine Einstellung sei durch Erfahrungen als Gastarbeiter gewachsen. Und so ist Salih Tufan Ünal noch heute ganz direkt von dem Abkommen vor genau 60 Jahren, 35 Jahre vor seiner Geburt, betroffen.