1. NRW
  2. Städte
  3. Kleve

Kleve: Biber im Kellener Baggersee

Baggersee in Kleve-Kellen : Die Biber waren zuerst da

Der Kellener Baggersee zwischen Briener Straße und Steinstraße soll als Forschungsprojekt für Wohnen auf dem Wasser dienen. Anwohner protestieren. Immerhin sei das Gewässer Rückzugsort geschützter Tiere, darunter der Biber.

Lothar Reintjes hatte seinen Schwiegereltern unter die Arme gegriffen, da wurde er überrascht. Einen abgestorben Baum hatte er gefällt und ihn vor die Gartenparzelle gelegt. Um die Entsorgung habe er sich zu einem späteren Zeitpunkt kümmern wollen. „Das war aber nicht mehr nötig. Innerhalb von wenigen Tagen hatte ein Biber den Baum mitgenommen“, sagt RP-Leser Reintjes, als um das Baggerloch in Kellen geht, das direkt vor dem Eingangstor zum Garten der Schwiegereltern liegt. Reintjes ging der Spur des Bibers nach, beobachtete ihn, machte sich über seine Lebensweise schlau. Daher steht für ihn fest: „Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet hier das Projekt ´Wohnen auf dem Wasser´ umgesetzt wird.“

Zum Hintergrund: In der Klever Bauausschusssitzung vom 12. September stellte Baudezernent Jürgen Rauer den „Regionalplan Düsseldorf (RPD) - Mehr Wohnbauland am Rhein“ vor. Auch das Kellener Baggerloch zwischen Steinstraße und Briener Straße an der Celina-Ziegelei spielt in diesen Überlegungen eine Rolle. So heißt es: „Diese Fläche soll als Forschungs- und Pilotprojekt für Wohnen auf dem Wasser dienen. Daher wird diese Fläche nun als Wohnbaufläche ausgewiesen.“ 28 Wohnhäuser könnten auf dem Wasser entstehen. Ausdrücklich also keine Hausboote, sondern echte Häuser. Bisher ist der See als Gewerbefläche ausgewiesen, ein bekanntes Klever Unternehmen nahm dort bis zuletzt Auskiesungen vor. „Was die Stadt bei diesem Plan wohl nicht bedacht hat, ist, dass sich am See ein Biberpärchen niedergelassen hat und hier mit drei Jungtieren lebt. Der See ist aus unserer Sicht, also die der Anwohner, fehl am Platz“, sagt Reintjes.

Als Vorbild für das Projekt „Wohnen auf dem Wasser“ gilt das Birgelfeld-Forschungsprojekt in Kalkar. Dort wurde schon 2011 das erste schwimmende Plusenergiehaus fertiggestellt. Die SPD-Bundestagsabgeordnete und Ex-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sagte vor zwei Jahren im Zuge einer Zukunftswerkstatt der Rheinischen Post über die Vision: „Das ist sehr interessant, höchst spannend. Wir haben viele Flächen, die bislang nicht bebaut werden können, etwa Auskiesungen oder der Braunkohletagebau im rheinischen Revier. In diesen dicht besiedelten Gebieten mit einer hohen Nachfrage an Wohnraum könnten die schwimmenden Häuser gut passen.“ Völlig anders sieht das eine weitere Anwohnerin der Steinstraße, Claudia Philipp: „Ich stehe Forschungsprojekten grundsätzlich positiv gegenüber. Man sollte aber darüber nachdenken, ob man in Bibergebieten bauen darf, zumal wenn es sich, wie in dem vorliegenden Fall, um Luxusprojekte handelt, von denen nur Wenige profitieren.“ Ihr zu Folge sei der Biber nur die prominenteste Tierart, die am Kellener Baggersee lebt. So habe Philipp bereits Fledermäuse, Eisvögel, verschiedene Schwalbenarten, Libellen und unzählige Insektenarten an dem Gewässer beobachtet. „Der See ist auch zum Winterquartier für eine Vielzahl von Zugvögeln wie Gänsesäger und Tauchenten geworden“, erklärt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Dabei hegt Philipp einen Verdacht gegen die Planer des Forschungsprojekts: „Ist das nicht möglicherweise ein vorgeschobenes Argument, um so – unter dem öffentlichkeitswirksamen Ökomäntelchen – eine Ausnahmegenehmigung für ein sonst vermutlich kaum zu genehmigendes Luxusprojekt zu bekommen und so gleichzeitig auf die Renaturierung der Uferzonen verzichten zu können? Und all das in Zeiten des Klever Klimanotstands“.

Auch die Stadt Kleve beschäftigte sich mit den Auswirkungen auf die Umwelt. So heißt es in einem Brief, den die Stadt Kleve zu dem Projekt verfasst hat: „Es erfolgte keine räumlich-konkrete Umweltprüfung, da grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass die Rücknahme von gewerblichen Bauflächen zugunsten von Wohnbauflächen eine Verringerung bislang möglicher Intensitäten aus umweltfachlicher Sicht bedeutet.“ Im Klartext: Dadurch, dass auf dem Baggerloch nicht mehr ausgekiest werde, würden die Lebensbedingungen von Biber, Eisvogel und Co. bereits verbessert. Claudia Philipp aber sagt: „Wir sollten aber doch gerade in der heutigen Zeit jede Chance für die Erhaltung biologischer Vielfalt nutzen.“