Kontra-Punkt : Der Besuch der alten Dame

Eigentlich stand Düsseldorf gar nicht auf ihrem Reiseplan. Eva Philipps und ihr Mann John waren aus Australien nach Minsk gereist, zur Hochzeit ihres Sohnes. Und auf dem Rückweg hatte die 75-Jährige Lübeck, Stralsund und Schwerin besucht.

Eigentlich stand Düsseldorf gar nicht auf ihrem Reiseplan. Eva Philipps und ihr Mann John waren aus Australien nach Minsk gereist, zur Hochzeit ihres Sohnes. Und auf dem Rückweg hatte die 75-Jährige Lübeck, Stralsund und Schwerin besucht.

"Ich hatte vor ein paar Jahren Thomas Manns Buddenbrooks gelesen und wollte ein paar Hansestädte sehen", erzählt sie. Ihr Sohn Adam war es, der dann den Geistesblitz hatte und spontan das Ticket der Eltern umbuchte. "Fahrt nach Düsseldorf und besucht das Theater Kontra-Punkt."

Mit Annette Bieker und Frank Schulz vom Musiktheater Kontra-Punkt ist Eva durch einen Onkel eng verbunden, den sie selbst nie kennengelernt hat. Rudolf Gillitzer fiel 1916 an seinem 21. Geburtstag in der Schlacht an der Somme in Frankreich. Sein Bruder zog zwölf Jahre später nach Neuseeland, arbeitet dort für die Firma Bosch - und blieb, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Eva wurde 1939 in Neuseeland geboren. "Deutsch haben wir gar nicht mehr gelernt. Es war keine gute Zeit, um in Neuseeland deutsch zu sein", sagt sie. Erst nach dem Umzug nach Australien spielten in ihrem Elternhaus die Traditionen der alten Heimat wieder eine Rolle, die für Eva immer die Fremde blieb.

Daran änderte auch ihre erste Reise nach Europa nichts. In den 60er Jahren war das, und Eva fühlte sich nicht sonderlich willkommen. Vor einigen Jahren reiste ihr Sohn Adam gemeinsam mit seinem besten Freund Ben Walker nach Frankreich, auf Spurensuche an den alten Schlachtfeldern, wo Evas Onkel Rudolf und Bens Großonkel Ivan auf verschiedenen Seiten gekämpft hatten.

Und aus der Geschichte der toten Soldaten und ihrer Großneffen entstand am Ende ein Theaterstück, das Annette Bieker und Frank Schulz mit einem belgischen Theater und den Australiern zusammen produzierten. Es brachte ihnen sogar eine Einladung zur Gedenkfeier nach Frankreich ein. "Mein Sohn und Ben haben da etwas Gutes angestoßen. Eine Botschaft gegen Krieg und für Versöhnung über die Grenzen hinweg", sagt Eva. Dass auch sie selbst im Stück vorkommt, erfuhr sie bei ihrem Kurzbesuch in Düsseldorf von Annette Bieker, die ihre Rolle spielt.

"Ein sehr berührendes Gefühl", sagt die Australierin gerührt. "Ist es nicht wunderbar, dass mein Onkel Rudolf, den ich nie gekannt habe, mich mit so vielen netten Menschen zusammenbringt?"In Düsseldorf, sagt sie, hat sie sich sofort verliebt. "Die Rheinuferpromenade ist herrlich. Und die Kunst - sie ist allgegenwärtig, sogar im Wellenmuster in der Promenade - Ich komme wieder."

Bis dahin hofft sie, dass das Düsseldorfer Theater die "Ballade von Rudolf und Ivan" auch einmal in Melbourne spielen wird.

Stefani Geilhausen

(RP)
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