Film-Kritik: Merry Christmas: Pause vom Krieg

Film-Kritik: Merry Christmas: Pause vom Krieg

Krieg ist unmenschlich, brutal, grausam - und manchmal gibt es auch im Krieg Momente, die es eigentlich gar nicht geben dürfte und die zu schön sind, um wahr zu sein. Der Film "Merry Christmas" zeigt so einen: An Weihnachten 1914 verbrüdern sich Soldaten und beschließen, die Waffen schweigen zu lassen.

Statt dessen wünscht man sich an der Westfront in Flandern fröhliche Weihnachten, spielt Fußball und schneidet sich gegenseitig die Haare. Die europäische Co-Produktion will diesen unglaublichen Vorgängen, die von den Heeresleitungen verheimlicht wurden, ein Denkmal setzen. Ebenso einfach wie geschickt entwirft der Film zu Beginn die Vorkriegsstimmung des Jahres 1914, indem er vergilbte Fotos aus dem letzten Sommer der untergegangenen Belle Époque zeigt und muntere Schulkinder in verschiedenen Sprachen Hassgedichte rezitieren lässt. Einzelne Protagonisten werden vorgestellt, die meist jubelnd die Kriegserklärung begrüßen. Monate später finden sich die jungen Männer - statt wie versprochen an Weihnachten zu Hause in einem erbitterten Stellungskrieg wieder, der allein in den ersten fünf Kriegsmonaten eine Million Menschenleben kostete.

An Weihnachten liegen sich Schotten, Franzosen und Deutsche im gefrorenen Schlamm in Rufweite gegenüber. Und als die Schotten plötzlich ihre Dudelsäcke zum Quäken bringen, beginnt eine unwiderstehliche Kettenreaktion: Die Deutschen stellen die vom Kronprinz gespendeten Christbäume raus; ein Soldat und Operntenor singt "Stille Nacht" und betritt, von Dudelsäcken begleitet, das Niemandsland zwischen den Schützengräben. Alle klatschen und klettern ebenfalls aus dem Graben - die perplexen Generale im Schlepptau. "Wahnsinn!" nannten dies die Soldaten in ihren Briefen, und in der Tat erzeugen diese grenzüberschreitenden Momente eine Gänsehaut, die an den "Wahnsinn" des deutschen Mauerfalls erinnert.

Kitschige Hommage an den europäischen Geist

Regisseur Christian Carion, der mit seinem schönen Film "Eine Schwalbe macht den Sommer" auch hier zu Lande Zuspruch fand, inszeniert diese Verbrüderung mit Understatement und untergründigem Humor als die einzig mögliche menschliche Reaktion und führt dabei alle kriegerische Rhetorik ad absurdum. Und am Morgen danach geht's einfach weiter: Sobald das Schlachtfeld von Leichen geräumt ist, fangen die Soldaten an, Fußball zu spielen. Da ist es nur folgerichtig, dass man sich gegenseitig vor Angriffen der umliegenden Verbände warnt und reihum in den gegnerischen Schützengräben versteckt.

Leider vertraut Carion nicht allein diesen atemberaubenden Details, sondern erfindet eine Rahmenschmonzette, in der eine blonde Sängerin ihrem Tenor nachreist und mit grandiosem Playback-Pathos in eisiger Nacht das Ave Maria singt. Diane Krüger, verheiratet mit dem französischen Hauptdarsteller Guillaume Canet, ist erneut so unglaubwürdig wie als "schöne Helena" und Grund für den trojanischen Krieg. Doch weil nichts kitschiger ist als die Realität, sind die Christbäume und der Tenor, der aufs Schlachtfeld lief, sehr wohl authentisch, wie Feldpost bezeugt; ein französischer Leutnant erkannte die Stimme des Opernstars Walter Kirchhoff.

Die Generäle allerdings geben sich so defätistisch, dass sie in der kriegslüsternen Epoche wohl kaum Karriere gemacht hätten. Besonders Daniel Brühl spielt wie mit Trauerflor um den Arm und einem Gesicht, als ob er vom Grauen kommender Jahrzehnte bereits wüsste. Nicht unerwartet erweist sich dieser dreisprachige Europudding mit seiner pazifistischen Mentalität des 21. Jahrhunderts als rückwirkende Hommage an den historisch einmaligen Kraftakt der Europäischen Union. Denn mit seiner unprätentiösen menschlichen Interaktion gelingt es dem gut gemeinten und meist gelungenen Drama zu zeigen, dass der europäische Geist auf den Massengräbern der beiden Weltkriege geboren wurde. Und der Weg von den flandrischen Schlachtfeldern zur Brüsseler EU war verdammt lang. Da ist ein bisschen Kitsch erlaubt.

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(ap)
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