Kinostart "Back to Black" gibt Amy Winehouse ihre Kraft zurück

Düsseldorf · Ausnahmesängerin Amy Winehouse starb viel zu jung. Sam Taylor-Johnsons Biopic „Back To Black“ widmet sich überzeugend ihrem Aufstieg und ihrem Fall, ohne die Protagonisten in ihrem Leben zu verteufeln.

 Marisa Abela als Amy Winehouse in "Back to Black".

Marisa Abela als Amy Winehouse in "Back to Black".

Foto: dpa/Courtesy of Dean Rogers

Als Amy Winehouse am 23. Juli 2011 in ihrer Londoner Wohnung an einer Alkoholvergiftung starb, wurde sie in den traurigen Club 27 aufgenommen. Dessen Mitglieder eint ein unglaubliches musikalisches Talent und der frühe Tod im Alter von 27 Jahren. Aber während Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain in der retrospektiven Wahrnehmung zu Märtyrern des „Live Fast Die Young“-Lebensstils verklärt wurden, machte das Schicksal von Amy Winehouse deutlich: Der viel zu frühe Tod auf dem Höhepunkt künstlerischen Ruhms ist keine Heldentat, sondern ein zutiefst tragisches Ereignis.

Gerade einmal zwei Alben hat Winehouse während ihrer kometenhaften Karriere aufgenommen. Songs voller Lebensgier und Lebensschmerz, strahlendem weiblichen Selbstbewusstsein und beißendem Humor. Eine Stimme mit dem unvergleichlichen Timbre einer alten Seele. Melodien, die sich ins musikalische Gedächtnis der Menschheit auf ewig eingebrannt haben. Was hätte diese Frau der Welt und vor allem sich selbst noch alles geben können? Wie viel kreative Kraft und Weisheit hätte sie im fortgeschritteneren Alter aus ihren Lebenskrisen schöpfen können?

Diese unbeantwortbaren Fragen stellen sich erneut auf schmerzliche Weise, wenn der Abspann von Sam Taylor-Johnsons „Back To Black“ über die Leinwand rollt, der dem Menschen und nicht dem Mythos Amy Winehouse gewidmet ist. Der Aufstieg und vor allem der Untergang der Jazz- und Soul-Sängerin wurden damals von der Boulevardpresse mit unnachgiebiger Sensationsgier verfolgt. Die Paparazzi stürzten sich wie Hyänen auf sie, dokumentierten die Drogenexzesse und den körperlichen wie psychischen Verfall mit sadistischem Vergnügen.

Asif Kapadias herausragende Dokumentation „Amy“, die 2015 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, arbeitete die destruktive Kraft dieser journalistischen Hetzkampagnen deutlich heraus. Ebenso wurde dem Vater Mitch und dem Ehemann Blake Fielder-Civil eine Mitschuld an Amys selbstzerstörerischem Lebensstil zugewiesen. Diese Aspekte lässt Taylor-Johnson in ihrem bemerkenswerten Biopic nicht außer Acht, aber sie befreit die Frau und Künstlerin Amy Winehouse (herausragend gespielt von Marisa Abela) von allen paternalistischen Beschützerinstinkten, die den posthumen Diskurs vornehmlich prägten. Auf umsichtige Weise macht ihr Film Winehouse nicht zum wehrlosen Opfer, sondern zum handelnden Subjekt der eigenen tragischen Biografie. Als zentrale Quelle dienen hierfür die Songtexte, in die Winehouse all ihr Herzblut und Selbstreflektionsvermögen steckte. Wohl kaum eine Sängerin hat die Hoch- und Tiefpunkte ihres Seins derart direkt und ungeschönt künstlerisch verarbeitet.

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Vollkommen schlüssig entwickeln Taylor-Johnson und Drehbuchautor Matt Greenhalgh aus ihrer Winehouse-Playlist eine lebendige, biografische Dramaturgie, die sich dem subjektiven Empfinden der Protagonistin verschreibt. Songs wie „Stronger Than Me“, „Rehab“ oder „Love Is a Losing Game“ sind nicht nur Begleitmusik, sondern Fundament der dramatischen Handlung.

Als die Plattenproduzenten sie nach dem Erfolg von „Frank“ zu einem weiteren Album drängen und an ihrer Bühnenpräsenz arbeiten wollen, gerät Amy in Rage. Sie werde jetzt erst einmal Pause machen, um etwas zu erleben, worüber sie einen Song schreiben kann, sagt sie und rauscht davon. Am Tresen einer Billardkneipe steht dann kurz darauf Blake Fielder-Civil (Jack O’Connell) neben ihr, der wohl im Guten wie im Schlechten als wichtigste Inspirationsquelle in Winehouses Werk gelten kann. Der Film zeigt dieses erste Aufeinandertreffen, als sei die Kamera direkt in Amys Herzen verschraubt. Cool, charmant, humorvoll, unverstellt, sexy, durchgeknallt, hellwach und mit einem profunden Musikwissen leuchtet dieser Mann zwischen den Billard-Tischen wie ein Feuerwerk am Abendhimmel. Wenn er dann noch zu Shangri-Las „Leader of the pack“ zu tanzen beginnt und jede einzelne Note in Bewegung umsetzt, ist es nicht nur um das Herz der Protagonistin geschehen. „Ich sabotiere mich gern selbst“ sagt er noch vor der ersten gemeinsamen Nacht und zieht sich am Morgen danach eine Linie Koks rein. Es ist der Beginn einer On/Off-Beziehung, in der Euphorie und Desaster sich immer wieder neu umarmen.

Aber Taylor-Johnson weigert sich den Bad Boy zum Bösewicht der Winehouse-Story zu machen, so wie es in der medialen Geschichtsschreibung oft geschehen ist. Das Gift in dieser im wortwörtlichen Sinne toxischen Beziehung fließt hier durchaus in beide Richtungen. Und die erste Lieferung Crack bestellt sich Amy nach der ersten Trennung selbst. Auch Mitch Winehouse (Eddie Marsan) wird hier – anders als in Kapadias Dokumentation – nicht als geldgieriges Vatermonster dargestellt, sondern als fehlbare Vertrauensfigur, die ihrer Verantwortung für die Tochter nicht gerecht wird.

„Back To Black“ interessiert sich nicht für Schuldzuweisungen, sondern für die subjektive Wahrheit seiner Hauptfigur, wodurch Amy Winehouse zumindest auf der Kinoleinwand ihre Kraft und Würde zurückbekommt, die ihr im öffentlichen Diskurs genommen wurde. Dass dies funktioniert, ist neben dem umsichtigen Drehbuch vor allem der Newcomerin Marisa Abela zu verdanken, die schauspielerisch wie musikalisch auf ganzer Linie überzeugt. Wer bisher glaubte, Winehouses Gesangsstimme ließe sich nicht nachahmen, muss sich hier eines Besseren belehren lassen. Abelas zahlreiche Gesangseinlagen, die neben Original-Winehouse-Einspielungen aus dem Off bestehen müssen, sind phänomenal. Schauspielerisch meidet sie hingegen die Imitation, sondern sucht und findet einen eigenen Zugang zur Seele der Musikikone.

„Back To Black“, Großbritannien 2024 – Regie: Sam Taylor-Johnson; mit Marisa Abela, Jack O’Connell, Eddie Marsan; 122 Minuten

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