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Film-Kritik: Schattenväter: Schweres Erbe

Film-Kritik : Schattenväter: Schweres Erbe

Kino kann sehr aufregend, aber die wirklich spannenden Geschichten schreibt oft nur das Leben. Wenn man sich das aufregende Leben selbst ausgesucht hat, ist es vielleicht noch ganz amüsant, wenn man in die Prominenz hineingeboren wurde, kann es eine schwere Last darstellen. Der Film "Schattenväter" beleuchtet das Schicksal der beiden Söhne von Willy Brandt und Günter Guillaume.

Regisseurin Doris Metz zeigt in ihrem Dokumentarfilm zwei Männer mittleren Alters, die seit dem 24. April 1974 schicksalhaft einander verbunden sind und doch ganz verschiedene Lebenswege gegangen sind und gehen. An jenem Apriltag vor nun über 31 Jahren wurden Günter und Christel Guillaume, die Eltern des damals 17-jährigen Pierre, wegen Landesverrats verhaftet und für lange Jahre hinter Gitter gebracht. Und zugleich endeten für den damals zwölfjährigen Matthias die Kindertage in jenem Bonner Kanzlerbungalow, den sein berühmter und populärer Vater samt Familie wenig später ebenso räumen musste wie das Amtszimmer. Brandt war das Opfer des als sein Berater getarnten DDR-Spions Guillaume geworden, der Rücktritt vom wichtigsten politischen Amt der Bundesrepublik war die unweigerliche Konsequenz.

Heute ist Matthias Brandt ein sehr erfolgreicher Schauspieler, Pierre Boom, der den Namen des Vaters abgelegt hat, hat in Berlin ein Grafikdesign-Büro. Doris Metz ist es gelungen, die beiden Männer zu einem Rückblick auf den jeweiligen Vater vor der Kamera zu bewegen. Das war gewiss ein heikles Unterfangen, das viel Einfühlungsvermögen verlangte. Doch der bayerischen Filmemacherin ist es auf überzeugende Weise gelungen, ein desillusionierendes Requiem der Söhne auf die toten Väter zu dokumentieren.

Es ist allerdings auch ein berührender Film über ein noch immer von der einstigen Teilung gezeichnetes Land. Beides zusammen macht "Schattenväter" zu einem Ereignis, das seinen Platz im Kino verdient. Naturgemäß bewegt sich und spricht der gelernte Schauspieler Matthias Brandt vor laufender der Kamera etwas unverkrampfter als der Sohn des inzwischen verstorbenen DDR-Agenten. Sympathische Männer sind sie beide. Und der Kanzler-Sohn sorgt auf seine hintergründige Art für die witzig-ironischen Momente, wenn der die leer stehende, beklemmendd bieder wirkende Dienstvilla seines Vaters durchstreift.

Ein zweiter Abschied der Söhne

Dabei erinnert er sich amüsiert an die vielen hohen Politiker, die dort zu Besuch waren. Die meisten von ihnen hat Matthias Brandt als unverbindliche "Hinterkopftätschler" in Erinnerung, nur der stets so grimmig wirkende SPD-Zuchtmeister Herbert Wehner habe sich damals wirklich für den fußballbegeisterten Jungen interessiert. Als Vater bekommt Willy Brandt von Sohn Matthias miserable Noten, wenngleich in nachsichtiger Weise, ohne Verbitterung. Der Politiker muss innerhalb der Familie ohnehin ein Einzelleben geführt haben. Erst auf dem Sterbebett des langjährigen SPD-Vorsitzenden fand der Sohn endlich auch emotionalen Zugang zum Vater, der viele Jahre ein Fremder für ihn war.

Pierre Booms Bruch mit seinem Vater Günter Guillaume hingegen bleibt auch über den Tod hinaus. Der Film zeigt, dass es dafür nur allzu gute Gründe gibt. Gespenstisch wird die Dokumentation, wenn der Guillaume-Sohn in einem leeren alten Stasi-Vorführraum sitzt und noch einmal einen Lehrfilm sieht, dessen fragwürdiger Held sein vom DDR-Staat hochdekorierter Vater ist. Was für den erwachsenen Pierre Boom persönlich schwer erträglich ist, konfrontiert den Betrachter mit düsteren deutschen Zuständen, die noch vor 20 Jahren tägliche Realität waren.

Am Ende des musikalisch vielleicht etwas allzu melancholisch begleiteten Films kommen die beiden Protagonisten kurz gemeinsam vor die Kamera. Zwei Söhne, die noch einmal in diesen 93 sehenswerten Kinominuten Abschied von ihren "Schattenvätern" genommen haben. Man wäre gespannt, was sie sich gegenseitig zu sagen hatten. Aber darüber schweigt der Film so diskret wie vielsagend, und auch das gehört zu seinen Qualitäten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schattenväter

(ap)