1. Kultur
  2. Film
  3. Kinokritiken

Film-Kritik: In den Schuhen meiner Schwester: Wo's drückt

Film-Kritik : In den Schuhen meiner Schwester: Wo's drückt

Frauen, die von sich behaupten, einen Schuhtick zu haben, stehen nicht allein da. Denn Schuhe bedeuten mehr als bloßen Schutz beim Laufen. Schuhe drücken Persönlichkeit aus und werden auch dann nicht zu eng, wenn man zu viel Schokolade gegessen hat. In der Komödie "In den Schuhen meiner Schwester" haben das hässliche Entlein Rose und die jüngere Maggie dieselbe Schuhgröße. Das war's dann aber auch erstmal an Gemeinsamkeiten..

Anwältin Rose (Toni Collette) bunkert Dutzende von Designer-Stöckeln; getragen werden sie jedoch von ihrer Schwester Maggie (Cameron Diaz), die zwar in Stilettos gehen kann, aber im Leben nicht vorwärts kommt. Rose dagegen, die ihre Sehnsüchte so tief vergraben hat wie ihre Schuhe im Schrank, vegetiert als graumäusiges Arbeitstier dahin.

Die vor allem Zuschauerinnen eingängige Idee, getragene und ungetragene Schuhe im Schrank zum Sinnbild weiblicher Widersprüche zu machen, stammt nicht von Regisseur Curtis Hanson, sondern von Jennifer Weiners Bestseller-Romanvorlage "Zwei Schwestern und ein Hochzeitskleid". Doch Hanson, der bereits mit dem Thriller "L.A. Confidential" und der Akademiker-Komödie "Wonderboys" zwei herausragende Filme gedreht hat, verleiht mit seinem filigranen Drama dem belächelten Genre des "Frauenfilms" neue Weihen. Denn er nimmt sein Publikum ernst - und gibt drei großartigen Schauspielerinnen Raum zum Entfaltung.

Im Mittelpunkt stehen zunächst die zwei komplementären Schwestern: Toni Collette spielt die stämmige, still frustrierte Ältere, für die sich zu ihrer großen Überraschung ihr Chef interessiert. Dann wird sie von Maggie (Cameron Diaz) heimgesucht: Das liederliche Partygirl, das Männer und Jobs im Schnelldurchlauf verbraucht, klaut Rose' Geld, verwüstet ihre Wohnung und schläft mit Rose' Lover.

Jetzt reicht es der duldsamen Schwester, und sie setzt das Luder vor die Tür. Maggie zieht weiter zu ihrer bis dahin unbekannten Großmutter Ella in Florida und nistet sich ungeniert in der pastellfarbenen Seniorenresidenz ein.

Frauen ohne Süßstoff

Doch Ella erweist sich als harte Nuss: Der 71-jährige, vielbeschäftigte Altstar Shirley MacLaine ist (wie in der demnächst anlaufenden Komödie "Wo die Liebe hinfällt") erneut die Idealbesetzung einer widerständigen Alten, die jungen Hühnern Mores lehrt - und von ihnen zugleich gezwungen wird, in Familiendingen Tacheles zu reden. Und neben der stets markanten Toni Collette fasziniert Cameron Diaz als nicht mehr taufrische Großstadt-Desperada, die sich mal aufführt wie ein verzogener Teenager und mal als armes Hascherl zu Herzen geht. Mit dieser doppelbödigen Rolle spielt sich das ehemalige Model endgültig vom Image des süßen Blondchens frei.

Bis auf das zähe End-Drittel, in dem überirdisch nette Märchenprinzen und Instant-Erlösungen spendiert werden, hat Hanson sein anmutiges Schwesternstück weitgehend von Süßstoff entschlackt. Zwar musste die arme Toni Collette - und das scheint in Frauenfilmen Usus zu werden - mal wieder 25 Pfund zunehmen. Doch Leichtfüßigkeit ist das hervorstechendste Merkmal dieser Tragikomödie, die mit abgebrühtem Golden-Girls-Humor die Phantomschmerzen der Vergangenheit überwindet und dabei ihre Frauen nie zu Witzfiguren macht. Mitzuerleben, wo den Dreien der Schuh drückt, ist ebenso amüsant und traurig wie erhebend - Taschentuch nicht vergessen!

(ap)