Musik: Die letzte Band

Musik : Die letzte Band

Düsseldorf (RPO). Welterfolg garantiert. Das neue Album von Coldplay, "Mylo Xyloto", erscheint am Freitag und wird am Ende des Jahres zu den erfolgreichsten Platten 2011 gehören. In wenigen Jahren werden die Briten die letzte Band sein, auf die sich alle einigen können. Ein Grund zu jammern ist das Ende der Band-Ära allerdings nicht.

Geh, wohin du willst. Geh bis ans Ende der Welt. Du entkommst ihnen ja doch nicht. Es ist egal, ob du das Radio einschaltet, ob 1Live, WDR2 oder Antenne Trallalla. Es ist egal, ob du den Fernseher anknipst, im Internet surfst oder in den Plattenladen gehst. Ob du deine Freunde besuchst oder in die Kneipe gehst. Überall wirst du Coldplay hören und sehen. Coldplay, Coldplay, Coldplay. Tagelang. Solltest du Coldplay nicht mögen — grab dich ein und komm erst in drei Wochen wieder raus.

Wenn die britische Band um den superkorrekten Sänger und Gitarristen Chris Martin am Freitag ihr fünftes Album "Mylo Xyloto" veröffentlicht, ist das eines der letzten Großereignisse, die Gitarrenmusik noch zu bieten hat. Und in wenigen Jahren, wenn sich auch Depeche Mode, Metallica und U2 aufgelöst haben, wird Coldplay die letzte noch aktive Band sein, auf die sich alle einigen können. Mutter, Vater, Tochter, Hund und du. Der Automechaniker und der Bankenboss. Der Kommunist und der CDU-Wähler. Der Student und die Hausfrau. Eine Band, die nicht erst erklärt werden muss. Die Band, die einfach schon immer da war.

Die Geschichte von Coldplay ist bereits jetzt eine jener Geschichten, in denen selbst der Himmel keine Grenze mehr ist. Das Quartett hat einschließlich der neuen Platte fünf Studioalben veröffentlicht: "Parachutes" (2000), "A Rush Of Blood To The Head" (2002), "X&Y" (2005), "Viva La Vida Or Death And All His Friends" (2008). Das letzte Album war in über 20 Ländern auf Platz 1 der Charts, darunter USA, Großbritannien, Deutschland, Schweden, Australien, Kanada, Irland, Italien, Spanien und Neuseeland. Knapp 50 Millionen Platten hat die Band verkauft. Am 1. Juni 2011 postete sie auf ihrer Facebook-Seite einen Link zum Video des Songs "Freedom For Palestine", an dem einige Bekannte mitgewirkt hatten. Innerhalb eines Tages führte das zu mehr als 12.000 Kommentaren. Einige drohten damit, die Band zu boykottieren, eine Facebook-Gruppe forderte, dass sich die Band bei Israel entschuldigte. Schließlich verschwand der Link. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Band selbst den Link löschte oder Facebook.

Das ist Coldplay im Jahr 2011. Eine Band, die kaum noch größer vorstellbar ist. Eine Band, die innerhalb eines Jahrzehnts von einer Gruppe von Kommilitonen zu einem der letzten Megaseller wurde. Weil sie auch auf den ersten Alben schon eingängige Songs für Stadionkonzerte schrieb, die viele begeisterten und niemand wirklich schlecht finden konnte. Weil sie das, was andere britische Bands wie Radiohead und Travis vormachten, einfach noch viel viel größer aufzogen. Coldplay sind nicht erst seit 2011 die neuen U2. Wer im Sommer ihr Konzert auf dem englischen Glastonbury-Festival verfolgte, den konnte das nur erschlagen. Pathos, von der Bühnendecke fallende Papierschmetterlinge, das Cover von Louis Armstrongs "What A Wonderful World" kurz vor Ende des Auftritts. Und das, was sich bisher von ihrem neuen Album hören ließ, deutet nicht darauf hin, dass die Band es in Zukunft eine Nummer kleiner versucht.

Doch seitdem Coldplay Anfang des Jahrtausends zum ersten Mal in Erscheinung trat, hat es keine neue Band mehr geschafft, einen solchen Erfolg zu erreichen. Es ist kaum vorstellbar, dass es je wieder eine solche Band geben wird, deren Platten die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen.

Warum aber ist diese Zeit vorbei?

Es ist nicht bloß die Krise der Bands. Es sind mehrere Krisen, die aufeinandertreffen. Es ist auch die Krise der Rockmusik. Die Krise des Mainstreams. Die Krise der Männer in der Musik. Und mit Krise ist nicht gemeint, dass es das alles kaum noch gibt, oder dass die Qualität abgenommen hat, sondern, dass die Aufmerksamkeit weniger geworden ist.

Die Krise der Bands

Die neuen Superstars des vergangenen Jahrzehnts sind allesamt Solo-Künstler. Britney Spears, Eminem, Lady Gaga und so weiter. Plattenfirmen setzen nicht mehr so stark auf Bands als auf einzelne Musiker, die sich viel besser vermarkten lassen (auch in Bands konzentriert sich die Aufmerksamkeit deshalb meist auf den Sänger). Bands brauchen nicht nur mehr Zeit, um sich zu entwickeln. Der Umgang mit einer Person ist auch tendenziell einfacher als mit einer ganzen Band und ihrer speziellen Dynamik. Außerdem spielen Bands einen Sounds, der nicht mehr so gefragt ist wie noch vor 20 Jahren. Was direkt zur nächsten Krise führt.

Die Krise der Rockmusik

Die Krise der Bands ist auch eine Krise der Rockmusik. Denn Bands sind meistens Rockbands. Vorbei sind die Zeiten der großen Namen von den Beatles bis Nirvana. Klar, da gibt es noch die Foo Fighters und Kings Of Leon, aber die erreichen nicht dieselbe Popularität. Musik hat heute Beats, Musik entsteht immer stärker am Computer, ist elektronisch. Da sind Gitarre, Schlagzeug, Bass im besten Fall eine Zutat von vielen. Rock ist nur noch ein Bestandteil. Künstler greifen zwar darauf zurück, aber nicht für ein ganzes Album. Am besten von allem etwas. Ein bisschen Pop, ein bisschen Rock, ein bisschen Hip Hop, ein bisschen R'n'B. Die Platten von Lady Gaga sind dafür ein Musterbeispiel. Auch Coldplay ist ja längst keine klassische Rockband mehr, falls sie es je war. Nicht ohne Grund hat die Band für das aktuelle Album wieder Brian Eno engagiert, ein Produzent, der bekannt ist für einen bombastischen Sound, der sich aus vielen Genres speist.

Die Krise der Männer in der Musik

Mal abgesehen von Eminem sind die Stars der vergangenen zehn Jahre allesamt weiblich gewesen: Britney Spears, Lady Gaga, Beyoncé, Jennifer Lopez, Christina Aguilera, Rihanna, nun auch Adele. Die Musik ist weiblich geworden. Sex sells ist keine neue Devise, nun aber scheint sie voll zuzutreffen. Wenn Pop vor allem Image und Imagewechsel ist, lässt sich das mit Frauen einfach besser machen als mit Männern (die in Bands noch immer klar dominieren), die nicht so einfach ihr Image wechseln können und eigentlich nur den harten Rocker spielen können. Und mit Frauen kann man viel besser Parfums, Klamotten, Autos und andere Konsumartikel vermarkten.

Die Krise des Mainstreams

Nicht nur gibt es immer weniger Bands, auf die sich alle einigen können. Insgesamt gibt es immer weniger Musiker, auf die sich alle einigen können. Neben Coldplay und den oben erwähnten weiblichen Superstars ist im vergangenen Jahrzehnt niemand mehr dazugekommen. Weil die Geschmäcker sich immer stärker differenzieren. Musikmagazine spielen keine Rolle mehr, um große Trends zu prägen, das Musikfernsehen hat seine Rolle als Orientierungsgeber ebenfalls aufgegeben, seitdem die Sender kaum noch Musikvideos ausstrahlen. Dafür hat das Internet dafür gesorgt, dass jeder seine musikalische Nische finden kann, einen Trendsetter gibt es aber auch dort nicht. Jedenfalls nicht für einen Trend, der mehr als eine Zielgruppe erfasst und das auch noch über einen längeren Zeitraum. Weil irgendjemand immer das "nächste große Ding" ausruft, gibt es kein nächstes großes Ding mehr.

Wer jammern will, der kann nun jammern. Das es kaum noch Bands gibt, die Stadien füllen. Dass wir uns jeden Tag neu erzählen lassen müssen, wer nun angesagt ist. Dass nur noch halbnackte Frauen auf der Bühne stehen. Die Wahrheit ist doch: Der Qualität der Bands hat es nicht geschadet. Die sind so aufregend wie vor 30 Jahren. Die amerikanische Band The Strokes, die vor zehn Jahren neuen Schwung in die Rockmusik brachte. Die Kanadier von The Arcade Fire, die mit ihrer Mischung aus Indie, Rock und Pop sogar einen Grammy gewonnen haben. Die isländische Band Sigur Rós, die ungefähr so episch klingt wie die Landschaft ihrer Heimat aussieht. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Wenn die großen Helden verschwinden, dann bleibt mehr Platz für die kleinen Helden, die nicht voll auf den kleinsten gemeinsamen Nenner von sechs Milliarden Menschen setzen.

Denn das ist doch klar: Bands, die von jedem Album zehn Millionen Exemplare verkaufen, machen zwar gute Musik, Neues wagen die meisten dann aber lieber doch nicht. Auch die ganz Großen wie U2, R.E.M. oder The Who haben keine Meisterwerke in Serie herausgebracht. Meist reichen auch 3-4 Platten einer Band, die man besitzen muss. Ab einem bestimmten Zeitpunkt klingt jede Platte so wie der Vorgänger. Deshalb gilt auch bei Coldplay: Platte kaufen, auf jeden Fall, aber wer sich noch wirklich begeistern möchte, der schaut sich am besten eine Etage darunter um.

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