Fußball: Deutschlands dickste Ich-AG

Fußball : Deutschlands dickste Ich-AG

Düsseldorf (RPO). Alle nennen ihn liebevoll "Calli". Immer gut drauf, immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Mittlerweile ist der 62-Jährige Multi-Unternehmer in eigener Sache. Das Buch, das er jetzt vorstellte, muss wegen eines peinlichen Fehlers eingestampft werden.

Calmund ist rund um die Uhr im Einsatz. Dass er zwischendurch immer noch ausreichend Zeit zum Essen gefunden hat, ist das wirklich Erstaunliche an seinem Leben. Die Versuchungen sind aber auch immer so nah. Denn egal wo er auftaucht, ist das Buffet schon da. "Das ist wie die Geschichte mit dem Hasen und dem Igel", sagt er. "So ist das mit mir und den Kalorien."

Er hat mit dem Extremsportler Joey Kelly versucht, ein paar Kilo abzuspecken, ist aber irgendwie auf halber Strecke schwungvoll gescheitert, weshalb er sich jetzt lieber wieder auf seine eigentliche Spezialität konzentriert: Genuss, zumindest was er darunter versteht. Er hat ein Buch darüber geschrieben, das in diesen Tagen erscheint. Es trägt den in seinem Fall durchaus nachvollziehbaren Titel "Eine Kalorie kommt selten allein" und sollte ein Bestseller werden.

Doch die Erstauflage von 6000 Exemplaren muss wegen eines peinlichen Fehlers komplett eingestampft werden. Auf Seite 51 nimmt er Bezug auf das WM-Finale 1954 in Bern. "Intoniert wurde im Wankdorf-Stadion übrigens die erste Strophe des Deutschlandslieds, die ich auch heute noch bei Länderspielen voll mitsinge. Und meistens kriege ich dabei eine Gänsehaut."

Die erste Strophe ist tabu, weil sie eng mit den Nazis und dem Dritten Reich verbunden ist. In den Ruf, rechtsradikalem Gedankengut nahe zu stehen, ist Calmund allerdings nie gekommen. "Wie es genau zu diesem Fehler kam, kann man nachträglich schlecht sagen. Ich glaube, an dem Satz ist etwas verändert worden und jetzt ist es tatsächlich ein missverständliches, seltsames Satzgebilde geworden. Natürlich muss es richtig heißen, dass in dem Stadion 1954 zwar diese peinliche und heute nicht mehr vertretbare Strophe gesungen wurde. Was Herr Calmund heute mitsingt, ist natürlich die dritte Strophe. Nur so ist das gemeint gewesen", erklärte Cheflektorin Monika König.

Calmunds Erstlingswerk "Fußball bekloppt" verkaufte sich wie geschnitten Brot. Der Verlag fragte bei ihm nach einer Fortsetzung nach. Calmund willigte ein. Fußball und Essen — das ist eben sein Leben. Es gibt viele Geschichten über den Manager Calmund zu erzählen. Über den Strippenzieher, der aus einer Werkself eine mit vor allem aus Brasilien stammenden Stars gespickte Auswahl formte. Es gibt keinen Transfer, den er einfach so getätigt hätte. Calmund setzt bei jedem Namen, der ihm gerade einfällt, zu einer Geschichte biblischen Ausmaßes an.

Es kann ganz schön anstrengend sein, mit ihm zu sprechen, denn ein echtes Gespräch springt selten dabei raus. Er lässt maximal Stichworte zu, den Rest erledigt er selbst. Und wenn die Unterhaltung nicht den von ihm gewünschten Lauf nimmt, dann stellt er sich einfach die übrigen Fragen selbst. Auf Einwände, er müsse doch auch mal einen Punkt machen und dem Gegenüber die Chance für eine klitzekleine Frage geben, antwortet er ganz gerne: "Mir blieve doch Fründe, oder? Aber eines muss ich dir noch sagen." Aus diesem "einen" wird in der Regel auch noch eine zweite, dritte und ganz bestimmt vierte ganz wichtige Sache, und am Ende blickt er maximal goldig drein, klopft auf den Tisch, sein Bauch wackelt hin und her, er ist einfach mit sich und der Welt zufrieden. "Loss mer bloß zufridde sin!", sagt er und geht an sein Mobiltelefon.

"Loss mer jett esse jonn"

Sein Lieblingssatz ist aber dieser: "Loss mer jett esse jonn." Mit ihm leitet er fast jedes Gespräch ein. Essen ist das einfachste Mittel, Menschen zusammenzubringen, diesen Umstand nutzt Calmund für seine Zwecke einfach nur vielleicht etwas konsequenter als andere aus. Geschäftsessen ist bei ihm ein ziemlich gedehnter Begriff, das für ihn zuständige Finanzamt wird diesen Punkt bei seiner Steuererklärung wohl ein wenig anders gewichten.

Vor ein paar Jahren, als er bei Fortuna Düsseldorf im Aufsichtsrat wirkte, und diesen Umstand heute noch einmal ganz unbescheiden in Erinnerung bringt, weil es schließlich "ja der Anfang zu einer besseren Zeit war", da besuchte er die Mannschaft im Trainingslager in der Eifel. In Bitburg, in einem Landgasthof, kannte man Calmund natürlich schon von unzähligen Besuchen zuvor.

Der Koch hätte es daher eigentlich besser wissen müssen, doch für den großen Gast wollte er etwas mehr zeigen, als einfach nur ein Schnitzel zu panieren. So gab er sich besonders viel Mühe und schmückte den Teller von Calmund mit allerlei Gemüse. Es war ein wirklich großartiges kulinarisches Werk. Dementsprechend stolz servierte er das Ergebnis persönlich an seinen Tisch. Calmund aber blinzelte nur kurz hinüber, dann sagte er: "Sei mir nicht böse, aber mach bitte das Grünzeug da runter. Nur ein Teller mit einem Schnitzel, vielleicht auch noch ein, zwei Pommes, mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein."

Die Fleisch gewordene Volkstümlichkeit Calmund hat gesprochen. Natürlich ist es nicht richtig, Calmund nur auf seine Rolle als "der Dicke der Nation" zu reduzieren, auch wenn er sich ja genau so fast ausschließlich inszeniert. Es gibt selbstverständlich noch andere Seiten an ihm, dem Familienmenschen, der aus erster Ehe fünf Kinder hat, mittlerweile mit Sylvia, seiner früheren Assistentin bei Bayer Leverkusen verheiratet ist.

Das Paar wünschte sich eigenen Nachwuchs, vor fünf Jahren hatte Sylvia Calmund eine Fehlgeburt. Die Hoffnung auf Nachwuchs hat das Paar noch nicht aufgegeben. "Das hat leider noch nicht geklappt. Aber Sylvia und ich sind uns einig: So ein kleiner Mensch gehört an unseren Frühstückstisch. Wenn es mit der Schwangerschaft nichts wird, adoptieren wir ein Kind. Vielleicht ja aus Thailand. Wir waren dort schon öfter in einem Waisenhaus. Die Kinder lieben meine Frau, und ich bin immer sehr gerührt, wenn sie ihr zum Abschied winken."

Besuch am Grab des Vaters in Vietnam

Nach Asien zieht es ihn immer wieder. Es ist für ihn eine Reise in seine Vergangenheit. Vor ein paar Jahren ist er nach Vietnam geflogen — und hat dort das Grab seines Vaters Karl entdeckt. Calmund steht auf einem kleinen Friedhof 30 Kilometer von Hanoi entfernt. Vor ihm die Grabstätte. "Das war kein leichter Moment für mich", erinnert er sich. "Da sind viele Gedanken hochgekommen. Ich bin aber froh, dass ich mich von meinem Vater verabschieden konnte."

Karl Calmund, Jahrgang 1927, verpflichtete sich bei der französischen Fremdenlegion — da war sein Sohn Reiner gerade sechs Jahre alt. Familienstreitigkeiten hatten den Vater dazu getrieben, in die Welt zu ziehen. Er wurde zunächst in Algerien ausgebildet, dann bekam er den Marschbefehl nach Vietnam. Dort tobte der Indochina-Krieg. Von den 20.000 französischen Soldaten und Fremdenlegionären wurden 8200 getötet. In der Schlacht um Dien Bien Phu erlitt Soldat Karl schwere Verletzungen. Am 15. Juli 1954 starb er.

"Mich hat die Ungewissheit die ganzen Jahre begleitet. Ich habe damals meine Mutter erlebt, wie sie geweint hat. Bei mir kullerten auch die Tränen. Weniger wegen meines Vater, ich war wegen meiner Muter einfach traurig", sagt Reiner Calmund. "Früher wurde vieles unter den Teppich gekehrt. Doch ich konnte die Vergangenheit nicht vergessen."

Calmund ist eine besonders erfolgreiche Ich-AG. Deshalb ist es für ihn wichtig, immer wieder neue Projekte und damit Geschäftsfelder zu finden. Persönliche Aufbereitung von Geschichte ist bei ihm auch immer zu großen Teilen mit einer öffentlichen Begleitung durch mindestens einen Fernsehsender verbunden. Bei RTL geht er auf Reisen, nimmt ab und lässt sich von Gesellschaftsreporterin zu allen möglichen Themenfeldern befragen. Auch wenn es nichts zu sagen gibt, mit Calmund wird es wenigstens lustig.

Doch Calmund will jetzt langsam ein wenig kürzertreten, sagt er. Mehr Zeit in Thailand verbringen, wo man ihn als "weißen Büffel" verehrt. "Mir schmeckt das Essen da einfach gut, und du kannst dir da Unmengen schaufeln, ohne dick zu werden", sagt er. "Das ist doch eine klasse Sache. Ich will schließlich noch eine Weile leben. Denn vor dem Tod habe ich schon Schiss. Mit dem Sensenmann kann ich auch noch später über Fußball und Essen quatschen." Man hätte es sich auch nicht anders vorstellen können. So viel Zeit muss sein.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Calmunds Kilo-Prognosen

Mehr von RP ONLINE