WM 2018: Das muss sich am deutschen Spielstil ändern

Nach WM-Debakel : Das muss sich am deutschen Spielstil ändern

Schluss mit dem Kringeldrehen: Das Spiel der DFB-Elf muss mehr Tiefe bekommen, der Steilpass und die Einzelaktion müssen dringend auf den Lehrplan.

Das Flehen klang weit über die WM-Vorrunde hinaus. "Wir können doch nicht nach einem Spiel alles umwerfen", sagte Bundestrainer Joachim Löw, "alles, was uns stark gemacht hat." Er sagte das nach der 0:1-Niederlage gegen Mexiko, als die Fußball-Menschheit noch bereit war, die lahme Vorstellung als einen der seltenen Ausreißer nach unten zu begreifen.

Zwei Spiele darauf war Löws Team gescheitert und mit ihm der Versuch, sich auf dem Platz daran zu erinnern, was es stark gemacht hat. 597 Pässe spielte die DFB-Auswahl gegen Mexiko, gar 697 gegen Südkorea. Raumgewinn verbuchte sie damit kaum, ins Tempo fand sie nicht. Es waren seelenlose Auftritte ohne Leidenschaft.

Löw wird, weil er weitermachen will als führender Übungsleiter im Land, gar nicht daran vorbeikommen, den fußballerischen Stil der Nationalelf gründlich zu überarbeiten - wie viele andere in diesem Zirkus würde er diesen Stil eine Philosophie nennen.

Auf dem Weg zu einer neuen fußballerischen Identität lohnt sich der Blick in die Vergangenheit. Als Jürgen Klinsmann als eine Art berufsjugendlicher Revolutionär gemeinsam mit seinem Taktikflüsterer Löw ab 2004 die Strukturen auf und neben dem Feld zu ändern begann, da hatte er nicht die reiche Auswahl aus den Talentschulen der Bundesligisten. Klinsmann und Löw mussten einen Übergang moderieren.

Es gelang ihnen, weil sie auf den Faktor Begeisterung setzen konnten. Junge Hochbegabte wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski brachten spielerische Elemente ein, Frische und viel Tempo. Michael Ballack, ein Stratege der alten Schule, bewegte sich auf den Höhepunkt seiner Laufbahn zu. Klinsmann trieb das Team leidenschaftlich über den Platz, die WM 2006 im eigenen Land wurde auch deshalb ein Sommermärchen, weil Leidenschaft, Kampfkraft, Jugend und Tempo den Funken der Begeisterung auf die Tribünen trugen.

Als Löw allein das Sagen hatte, nutzte er die Gunst der Stunde. Er erkannte, wie viel Schnelligkeit in seiner Mannschaft steckte, sie erlebte einen ersten Höhepunkt bei der WM 2010 in Südafrika als herausragende Kontermannschaft. Heute würde man sagen: Sie beherrschte vor allem das Umkehrspiel. Weil sie die Bälle nicht planlos in Erwartung der Sprintqualitäten ihrer Offensivkräfte nach vorn drosch, sondern sehr planvoll und fußballerisch ansehnlich vorging, hatte sie eine sportliche Identität gefunden. Diese Identität lebte aber immer noch von der Reaktion.

Löw wusste, dass es dabei nicht bleiben konnte, denn je mehr die neue fußballerische Klasse der Deutschen auffiel, desto häufiger entzogen sich die Gegner dem offenen Spiel. Sie stellten sich hinten rein. Löw leitete sein Mittel dagegen von den Spaniern ab, die er schon immer für ihren eleganten Ballbesitz-Fußball bewundert hat. Zweimal war er bei großen Turnieren an Spanien gescheitert - 2008 im Finale der EM, 2010 im WM-Halbfinale. Das verstärkte seine Bewunderung.

Fortan wurden Passquoten wie die in Russland das Merkmal des deutschen Spiels. Lahm, Schweinsteiger, Mesut Özil und Toni Kroos veredelten die Produkte der deutschen Passmaschine allerdings mit dem Blick für den Raum und dem Gefühl für den letzten Pass, der aus einer langen Serie einen Abschluss macht. Dennoch bewegte sich die Nationalelf in der Zeit vor ihrem größten Triumph 2014 schon mal gefährlich nah an einem Fußball, der sich vor allem an sich selbst berauscht.

Erst als Löw auch auf Druck aus dem Team der Kunst ein wenig Vernunft beimischte, als er die Effektivität von Standardsituationen erkannte, die seine spanischen Vorbilder mit einer gewissen Abscheu bedachten, als er die Bedeutung der eher schmucklosen Torsicherung dem Kringeldrehen über den Platz hinzufügte, da wurde der Weg zum WM-Titel frei.

An die zweckmäßigen Dinge muss sich der deutsche Fußball erinnern. In Russland spielte eine in großen Teilen übersättigte Mannschaft eine müde, billige Kopie ihres Stils vor sich her. Es mangelte an Herz, an Biss, an Hunger und an Rhythmuswechseln.

Die erfolgreichen Mannschaften bei der WM machen es vor. Sie suchen schnelle Wege nach vorn wie die Belgier in ihren guten Momenten. Und ihre entscheidenden Spieler haben besonders große Fähigkeiten in den vielgerühmten Eins-gegen-Eins-Situationen. Sie suchen diese Gelegenheiten, wenn sich Kombinationen erschöpft haben, die Deutschen drehen vor dem Zweikampf im letzten Spieldrittel lieber bei und passen zurück, weil ihr Spielentwurf keinen Ballverlust vorsieht.

Ihr Ziel muss es sein, Spieler mit Tempo und Fähigkeit zum Dribbling auszubilden - und zum Glück hat sie schon ein paar (Timo Werner, Leroy Sané, Serge Gnabry). Das Spiel muss mehr Tiefe bekommen, der Steilpass und die Einzelaktion müssen dringend auf den Lehrplan.

Vor allem aber braucht der deutsche Fußball nach der WM-Pleite von Russland wieder mehr Herz, Spaß, Lust am Spiel – selbst wenn das keine Rekordpassquoten und im Angriff ein paar Ballverluste mehr bedeutet.