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Analyse zu Joachim Löw: Keine Zeit für entspannte Lässigkeit

Analyse zur Nationalmannschaft : Keine Zeit für entspannte Lässigkeit

Trotz des Ausscheidens in der WM-Vorrunde bleibt Joachim Löw Bundestrainer. Seine Entscheidung ist keine große Überraschung. Ob er wieder in die Erfolgsspur findet, wird vor allem daran liegen, ob er sich noch einmal neu erfinden kann.

Der neue Bundestrainer ist der alte Bundestrainer. Das steht seit Dienstag fest. Sechs Tage nach dem Ausscheiden der Fußball-Nationalmannschaft in der WM-Vorrunde habe sich Joachim Löw entschieden, seinen bestehenden Vertrag bis 2022 zu erfüllen, erklärte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in Frankfurt/Main. Der Coach hat für sich geklärt, dass er immer noch der Richtige in diesem Job ist.

Für die Verbandsfunktionäre ist das eine gute Nachricht. Sie hatten bereits am Wochenende in einer Telefonkonferenz der Präsidiums-Mitglieder dem Trainer ihr Vertrauen ausgesprochen. Zu diesem Zeitpunkt konnte natürlich noch nicht einmal die Rede von einer gründlichen Analyse der Lage um Deutschlands einstweilen mal einstige Vorzeige-Nationalmannschaft und deren Führung sein. Die Verbands-Spitze hat sich offensichtlich nicht mit dem Gedanken an einen Alternativ-Kandidaten beschäftigt.

Damit die Nachricht von Löws Vertragserfüllung auch eine gute Nachricht für den deutschen Fußball wird, reicht aber die Bereitschaft des 58-Jährigen nicht aus, zu seinen vertraglichen Verpflichtungen zu stehen.

Löw wird sich neu erfinden müssen, wenn er der Richtige sein will. Mit der weltmännischen Lässigkeit, von der er sich vor allem nach dem Weltmeistertitel von Rio umwehen ließ, ist es beim fälligen Neuaufbau der Nationalmannschaft nicht getan. Der Trainer wird der Mannschaft, die in Russland eine müde, überhebliche Kopie ihres Fußballs anbot, ein neues fußballerisches Konzept verordnen müssen. Er wird überhaupt ein Konzept vorlegen müssen, das über die Station Europameisterschaft 2020 bis zur nächsten Weltmeisterschaft 2022 trägt. Unter anderem muss der Abschied vom unergiebigen Kombinationsfußball her, den seine Athleten in Russland sozusagen um seiner selbst betrieben.

Der deutsche Fußball braucht eine Perspektive - nicht nur auf dem Kalender, sondern auch in seiner Ausrichtung auf dem Spielfeld.

Löw wird sich dafür von liebgewonnenen Angewohnheiten trennen. Seine Sicht auf den Fußball wird er überarbeiten und einen Weg aus der offensichtlichen Sackgasse des schönen Spiels, das sich an sich selbst ergötzt, finden müssen.

Er hat bereits nach der Landung in Frankfurt am Main am vergangenen Donnerstag betont, dass nun alles auf den Prüfstand müsse, und dass er sich „selbst hinterfragen“ werde. Das ist notwendig. Dass er sich in die Verantwortung für das blamable Abschneiden des Weltmeisters stellte, ist ehrenwert.

Es wird aber in den nächsten Wochen nicht reichen, ein ehrenwerter Mann zu sein. Das bleibt Löw ungeachtet der Niederlagen von Moskau und Kasan. Im vergleichsweise hohen Alter von 58 Jahren muss der konfliktscheue Badener lernen, den netten Herrn Löw vielleicht mal für ein paar Wochen zu Hause zu lassen. Denn die Überarbeitung des fußballerischen Konzepts verlangt auch personelle Schnitte. Möglicherweise in seiner näheren Umgebung, im Trainerteam, das ihm sehr ans große Herz gewachsen ist. Ganz sicher jedoch in der Mannschaft.

Löw wird sich von einigen trennen müssen, mit denen er viele Jahre mit großem Erfolg zusammengearbeitet hat, mit denen er den Triumph von Rio feierte und denen er vertraut. Denen er derart vertraut, dass er eine Trennung selbst wie eine Art Verrat an der gemeinsamen Sache sieht. Derart harte Schnitte sind überhaupt nicht nach Löws Geschmack. Er wird allerdings über seinen Schatten springen müssen, wenn er die Mannschaft in die Zukunft führen will.

Und das scheint ja sein klarer Vorsatz zu sein. Bei der Vertragsverlängerung, die ihm DFB-Präsident Reinhard Grindel knapp einen Monat vor der WM antrug, hat der Bundestrainer gesagt: „Eine Mannschaft in einem Zeitraum von vier Jahren von einer WM zur nächsten mit vielen jungen Spielern vorzubereiten, das macht mir unheimlich Spaß. Deshalb habe ich mit Freuden verlängert.“ Da wusste er natürlich noch nicht, dass der Spaß nach zwei Wochen WM deutlich getrübt würde.

Löw steht vor der Herausforderung, nach dem schwersten Rückschlag seiner Karriere im Verband Spaß und Ansehen in den deutschen Fußball zurückzubringen. An der Seite von Jürgen Klinsmann räumte er vor vierzehn Jahren mächtig auf und schaffte als Taktiker neben dem Reformer die Trümmer des sprichwörtlichen Rumpelfußballs vom Feld.

Und es war seine Aufbauarbeit, die zum WM-Titel führte. Es wäre unfair, seinen Anteil gering zu schätzen, weil er eine unvergleichlich talentierte Auswahl an Spielern zur Verfügung hatte. Er hat bewiesen, dass er an den richtigen Schrauben zu drehen versteht - in vielen Jahren vor der WM in Russland.

Er muss diesen Job nur wieder derart gewissenhaft betreiben wie zu Beginn. Es ist erst einmal nicht die Zeit für entspannte Lässigkeit.

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