Dirk Maverick im Porträt: Der Stadionsänger von Bayer 04 Leverkusen

Stadionsänger der Werkself: Dirk Maverick ist Bayers Cowboy mit Gitarre

Die Stadionhymne „Leverkusen“ ist seit acht Jahren der Identifikationsstifter vor Heimspielen der Werkself. Gesungen wird sie von Dirk Gläßner.

Vormittag in der BayArena. Von Bundesligastimmung ist noch nichts zu spüren. Es werden Kabel verlegt, Schulklassen durch das Stadion geführt, Bratwurststände vorbereitet. In etwa zwei Stunden rollt der Ball. Dirk Maverick steht am Spielfeldrand und stimmt entspannt seine Gitarre. In Funkkontakt mit dem Tontechniker stehend, singt er ein paar Zeilen, hält eine kurze Rücksprache, stimmt erneut, hebt den Daumen und sagt: „Good enough for Country“. Dann lacht er und verweist auf Steve Bohn. Der Urheber des ironischen Kommentars war einst Mitglied seiner Band. Eigentlich sei das Genre sehr komplex und anspruchsvoll, betont der Sänger. Das werde oft unterschätzt.

Am Nachmittag wird er alleine auftreten. Nur er und sein Instrument vor der Nordkurve. Seit knapp zwei Jahren singt Dirk Gläßner, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, vor den Heimspielen der Werkself „Leverkusen“. Es ist eine Hymne auf seine Stadt, seinen Verein, seine Heimat. Den Text kennt jeder Dauerkartenbesitzer längst auswendig, denn das Lied dient schon lange als Identifikationsstifter vor dem Anstoß. Doch erst seit der vergangenen Saison singt er es live auf dem Rasen.

„Ich bin im Herzen Leverkusener“, sagt der 54-Jährige, der im Klinikum Schlebusch auf die Welt kam und bis vor drei Jahren stets in dem Ortsteil lebte. Inzwischen wohnt er mit seiner Familie aber in Burscheid. „Ich war nach dem Umzug noch lange bei meiner Mutter angemeldet, weil ich unbedingt mein Leverkusener Kennzeichen behalten wollte“, erzählt er. Als Absender schreibe er „Burscheid/Leverkusen“ auf seine Briefe. Das sind Belege für seine tiefe Verbindung mit Leverkusen, der namensgebenden Stadt für die Stadionhymne.

Zur Musik kam der zweifache Vater durch Ehrgeiz und Beharrlichkeit. Der Funke entflammte irgendwann in der Schulzeit. Musik wurde in seiner Familie immer viel gehört, sagt er. „Aber es gab keine Instrumente bei uns zuhause.“ Im Grunde seien es zwei Stränge, die ihn dahin geführt hätten, wo er jetzt stehe. „Der eine war die ZDF-Hitparade, die ich toll fand, und der andere war mein Großvater, der mir viel von Karl May vorgelesen hat.“ Irgendwann trafen sich Musik und Western-Romantik. Als Teenager habe er sich schließlich selbst versprochen, Musiker zu werden. Es wurde eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. „Ich bin einer imaginären Leitlinie gefolgt“, sagt er.

Die erste Gitarre begegnete ihm auf einer Schulabschlussfahrt. „Ein Klassenkamerad hat am Lagerfeuer ein paar Lieder gespielt – und die Mädchen sind dahingeschmolzen“, erinnert sich der Sänger. Nicht nur deswegen war er fasziniert von dem Instrument. „Ich habe mir dann eine Gitarre gewünscht. Und bekommen.“ Schnell umgab er sich mit gleichgesinnten Musikern, gründete Bands, spielte auf ersten kleinen Bühnen. Anfang der 1990er Jahre erhielt er einen Plattenvertrag. Die Schlagerlegende Peter Orloff war sein Produzent, der auch schon mit Peter Maffay oder Julio Iglesias zusammenarbeitete. Orloff war es auch, der ihm den Künstlernamen „Dirk Maverick“ verpasste. Das passte gut, denn schon seine Schülerband hieß wie das englische Wort für Einzelgänger, was er damals mit seiner „Country-Schiene“ auch gewesen sei.

In Aktion: Der gebürtige Schlebuscher hat sich in seiner Jugend der Country Music verschrieben und mit seiner Band bisher weit mehr als 3000 Auftritte hinter sich. Foto: Bayer 04/KSVerlag

Es waren spannende Zeiten, in denen er als Promoter das Who-is-Who des deutschen Schlagers kennenlernte und mit „Mein Freund Winnetou“ auch einen Song hatte, der in Funk und Fernsehen zu hören war. Nicht nur deswegen hat er bereits mehr als 3000 Auftritte mit seiner Band hinter sich. Weil Erfolg in der Musik nicht programmierbar ist, hat der 54-Jährige aber auch noch eine „vernünftige“ berufliche Laufbahn eingeschlagen. Sein Abitur machte er (natürlich) am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Schlebusch, ehe er zur Bundeswehr ging. Es folgte eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann sowie eine entsprechende Karriere – und schließlich die Selbstständigkeit.

Seine Firma „Maverick Entertainment“ stattet seit Jahren Events im Western-Motto aus. „Ich bin praktisch der Cowboy der Nation“, sagt er. „Für viele Agenturen bin ich der erste Ansprechpartner, wenn es darum geht, einen Themen-Event zu organisieren. Dann verwandele ich Kongresshallen in den wilden Westen – inklusive Kakteen, Planwagen und Sherriff-Sternen mit Firmenlogos.“

Das er als Ur-Leverkusener Fan von Bayer 04 ist, versteht sich von selbst. Doch der Weg zum Stadionsänger war lang. Die Kontakte zur Fanszene wurden intensiver, als 2007 geplant war, das Bayer-Kreuz abzureißen – für viele Bürger ein Sakrileg. So auch für die Ultras, die sich mit der Aktion „Das Kreuz muss bleiben“ gegen das Vorhaben des Konzerns engagierten. „Ich äußere mich gerne musikalisch zu Themen“, sagt Gläßner. So entstand sein Song „Rettet das Bayer-Kreuz“. Irgendwann schlug er vor, die Aktivitäten zu bündeln. Er wurde der emotionale Botschafter für das Anliegen der Ultras, das Wellen durch Radio und TV schlug. Das Ende vom Lied: Das Kreuz blieb als Wahrzeichen der Stadt erhalten.

Die Idee einer Stadionhymne ließ nicht lange auf sich warten. Gefüttert mit Ideen und Stichworten aus der Fanszene schrieben er und sein Pianist Frank Willer drei verschiedene Varianten. Die Wahl der Anhänger fiel schließlich auf „Leverkusen“ aus Willers Feder. Der Song beinhaltet alle wichtigen Aspekte der Sportstadt, von Olympiasiegen und Rekorden bis zum Uefa-Cup-Sieg der Werkself 1988. Seit 2008 läuft er vor den Heimspielen in der BayArena. Damals war noch nicht klar, dass er zur Hymne werden würde. „Die Fans sind voll darauf eingestiegen und so haben sich die Dinge entwickelt“, sagt Gläßner.

Nun ist er seit knapp zwei Jahren auch live dabei. Allerdings haben seine Auftritte vor der Nordkurve einen Makel: Der Sänger bekommt von der Atmosphäre im Stadion nicht viel mit. Der Grund sind seine maßgefertigten Ohrstöpsel, die Umgebungsgeräusche abschirmen. „Sonst könnte ich im Stadion nicht singen“, sagt der zweifache Vater. Die Akustik im weiten Rund sei wegen der Echos nicht einfach. „Ich frage immer hinterher, ob auch alle gut mitgesungen haben.“ Optisch könne er die Stimmung aber durchaus wahrnehmen.

Bereits vor zehn Jahren hatte er einen Karriere-Höhepunkt mit dem Bayer-Lied: Vor dem Pokalfinale 2009 gegen Bremen sang er vor der schwarz-roten Kurve im Berliner Olympiastadion, während die Fans des SV Werder ihn gnadenlos auspfiffen. Das sei ein außergewöhnliches und „wahnsinnig aufregendes“ Erlebnis gewesen.

An sein erstes Mal live vor der Nordkurve kann er sich ebenfalls noch gut erinnern. Nie habe er sich so intensiv auf einen Auftritt vorbereitet. „Da ging mir ganz schön die Düse. Das macht man ja nicht jeden Tag“, erzählt er. „Ich hatte nur drei Minuten, in denen alles passen musste. Es hätten tausend Dinge schiefgehen können – von einer gerissenen Saite bis hin zu streikender Technik.“

Inzwischen hat er Routine. Zum Hals hängt ihm seine Hymne trotz all den Jahren und der herausfordernden Terminplanung nicht heraus. „Ich versuche, es immer ein bisschen anders zu spielen und Variationen reinzubringen“, sagt er. Es gehe nicht darum, Lieder zu spielen, sondern „mit Liedern zu spielen“.

Ähnlich verhält es sich mit den Profis der Werkself und ihrem Spielgerät. Beides klappt an diesem Tag gut. Maverick singt seine Hymne, die Fans stimmen ein – und Bayer gewinnt 3:1 gegen Berlin. Seinen nächsten Auftritt in der BayArena hat er am 19. Januar, wenn Leverkusen auf Mönchengladbach trifft. Die Gästenfans werden pfeifen, wenn er vor das Mikrofon tritt. Doch dafür hat er ja seine Ohrstöpsel – und die Aussicht auf seine geliebte Nordkurve.

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