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Maischberger-Talk zu Afghanistan: „Das sind Lippenbekenntnisse“

Talk bei „Maischberger“ : „Das sind Lippenbekenntnisse“

Am Mittwochabend ging es in der Talkshow „Maischberger – Die Woche“ um Afghanistan. Besonders spannend waren Einblicke in die Arbeit mit Journalistinnen und den Einsatz für Ortskräfte, die für Deutsche gearbeitet haben.

Nachdem die radikal-islamistischen Taliban Afghanistan eingenommen haben, befasst sich die Talkrunde bei „Maischberger – die Woche“ am Mittwochabend mit der Lage in dem Land. Wir haben uns dabei auf den Gesprächsteil konzentriert, in dem es um die Afghanen selbst ging – mit der in Kabul geborenen Ethnologin Shikiba Babori und dem Bundeswehrsoldaten Marcus Grotian, der sich mit einem Netzwerk für afghanische Ortskräfte einsetzt.

Die Gäste:

  • Shikiba Babori, afghanische Ethnologin
  • Marcus Grotian, Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte
  • Norbert Röttgen (CDU), Außenpolitiker
  • Gregor Gysi (Die Linke), Außenpolitiker
  • Theo Koll, Journalist
  • Anna Schneider, Journalistin
  • Markus Feldenkirchen, Journalist

Darum ging’s:

Um Verantwortung in vielerlei Hinsicht.

Der Talkverlauf:

Zwischen den zur Sendung gehörenden Analysen eines Journalistentrios und einer Diskussion mit zwei Politikern wendet sich Moderatorin Sandra Maischberger Fragen über die Menschen zu, die nun unter einer Talibanherrschaft leben. Der Ethnologin und Journalistin Shikiba Babori zufolge fühlen diese Menschen sich von allen Seiten verraten, von der bisherigen afghanischen Regierung und auch von den ausländischen Kräften im Land. „Wie oft haben ihnen die Taliban gedroht, ihnen die Finger abzuhacken, und trotzdem sind sie zu Wahlen gegangen, weil sie eine Hoffnung hatten“, sagt sie.

Weil Babori unter anderem in Afghanistan Journalistinnen ausgebildet hat, will Maischberger von ihr speziell etwas über die Stimmung unter den Frauen im Land hören. Babori beschreibt sie mit einem Klang: Sie habe die Stimme einer Frau nicht wiedererkannt, mit der sie erst zehn Tage zuvor ein Radiointerview gemacht hatte. Journalistinnen drohe der Tod, wenn die Taliban irgendeinen Hinweis auf deren Beruf fänden, sagt Babori. „Ich bin definitiv dafür, dass man jeden da herausholt, der in Gefahr ist.“

Gleichzeitig lenkt sie den Blick auf mögliche Folgen. Schon nach der Sowjet-Ära Afghanistans habe ein Großteil der Mittelschicht das Land verlassen. Das habe Afghanistan das Genick gebrochen, so Babori. Auf Maischbergers Frage, ob die Menschen, mit denen Babori gesprochen habe, denn alle ausreisen wollten, reagiert die Journalistin etwas verblüfft. Sie habe mit Frauen gesprochen. Die könnten sich nicht einmal aus dem Haus trauen.

Den Behauptungen der Taliban über zukünftige Freiheiten für Frauen schenkt Babori keinen Glauben. „Das sind Lippenbekenntnisse“, sagt die Ethnologin, nachdem Maischberger entsprechende Aussagen einspielen ließ. Zwar gebe es „die Taliban“ nicht, es sei eine homogene Gruppe. Aber so genannte „moderate“ Taliban seien darin nicht zu finden. Babori verweist darauf, dass sich in Orten jenseits der Hauptstadt Kabul längst gezeigt hat, was eine Taliban-Herrschaft für Frauen bedeute. Dort dürfen diese ohne männliche Begleitung das Haus nicht verlassen. Von Schulbesuch oder Arbeit ganz zu schweigen. Die Taliban hatten stattdessen behauptet, Frauen dürften dies alles weiterhin tun, sie müssten sich lediglich verschleiern.

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Auch der Bundeswehrsoldat Marcus Grotian wundert sich darüber, wie viel Wind um solche Aussagen der Taliban gemacht wird. „Ich hatte den Eindruck, wir wollten da raus, weil wir diesen Leuten nicht vertrauen“, sagt er. Er lehnt eine Diskussion darüber ab, „ob die, die wir da zurückgelassen haben, es vielleicht doch nicht so schlecht haben“. Grotian war 2011 in Kundus stationiert und engagiert sich im Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte. Die Organisation wolle jenen Menschen bei der Integration in Deutschland helfen. „Dazu wäre es ganz hilfreich, wenn die Antragsberechtigten auch nach Deutschland dürften“, kritisiert Grotian. Maischberger flicht einige der Voraussetzungen ein: Afghanische Ortskräfte müssen unter anderem eine Verfolgung nachweisen und in den letzten zwei Jahren für die Bundeswehr tätig gewesen sein. Dabei fallen Subunternehmen der deutschen Streitkräfte heraus, aber auch Auftraggeber wie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Nach Grotians Ansicht nach ist es politisch gewollt, dass so viele Ortskräfte und deren Familien nicht einmal antragsberechtigt seien. Der Bundeswehrsoldat verweist darauf, dass eine Nachsorgepflicht für ehemalige Angestellte weder im Asylrecht noch im Arbeits- oder Aufenthaltsrecht festgeschrieben sei. So könne die Bundesregierung es als Bonus für die afghanischen Ortskräfte hinstellen, wenn diese gerettet würden – und nicht als Arbeitgeberpflicht. „Ich glaube, man hat seit 2015/2016 ein Konstrukt mit mehreren Ressorts aufgebaut, das verhindern soll, dass Menschen herkommen“, sagt Grotian.

Bereits im April habe seine Organisation sich für einen geordneten Rückzug eingesetzt. Vom jetzigen Vorgehen der Bundesregierung zeigt er sich enttäuscht. Grotian berichtet, dass das Partnerschaftsnetzwerk für Afghanische Ortskräfte am Montag so genannte „Safe Houses“ in Kabul auflösen musste, in denen Menschen auf den Beginn ihres Visumsprozesses warten sollten. Zwei Stunden später hätten Taliban auf der Suche nach solchen Ortskräften vor einem der Häuser gestanden.

Seit Kampftruppen der Bundeswehr am Ort seien, fühle er sich sicherer, bekundet Grotian. „Die haben nämlich geschworen, ihre eigene Unversehrtheit zurückzustellen, um Menschen zu retten.“ Dieselbe Haltung hätte Grotian sich bereits im April oder Mai in der Politik gewünscht. „Dann wären da jetzt nicht noch so viele.“