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Jan Hofer "RTL Direkt": Nachrichten ohne Schlips - Baerbock zu Gast

Wiedersehen mit Jan Hofer bei RTL : Nachrichten ohne Schlips

Der langjährige Chefsprecher der „Tagesschau“ hat bei RTL seinen ersten Auftritt als Anchorman absolviert. Der mächtigen ARD Konkurrenz zu machen, erweist sich als nicht so einfach.

„Guten Abend. Hier ist die erste Ausgabe von RTL Direkt.“ Herrlich vertraut klingt diese sonore Stimme, und auch das dazu passende ernsthafte, nie beschwert wirkende Gesicht kommt wie immer seriös rüber. Kein Wunder, das ist ja Jan Hofer, der Acht-Uhr-Abends-Mann, der nicht nur gefühlt mehr als doppelt so lang wie die Kanzlerschaft Helmut Kohls dauerte, nahezu täglich als „Tagesschau“-Chefsprecher die Nachrichten präsentierte. Nun ist er wieder da, und doch ist einiges anders: Hofer arbeitet bei den Privaten. Neu an seinem Outfit ist auch die Krawatte: Sie fehlt.

Nun kann es sein, dass der Auftritt bei RTL etwas salopper wirken soll als im Bezahlfernsehen. Als winkte ihm eine keineswegs ungewisse Zukunft, hatte Hofer seinen Schlips bei seinem letzten Tagesschau-Auftritt im vergangenen Sommer vor einem Millionenpublikum abgestreift. Tatsächlich aber geht es um genau das Gegenteil: Kompetenz ist gefragt. Aus diesem Grund haben die Kölner den vitalen 69-jährigen Ruheständler ebenso wie Hofers Ex-Kollegin Pinar Atalay, die ab Herbst im Wechsel mit ihm moderieren wird, frisch von der ARD weg rekrutiert. Der Privatsender will sein in der Vergangenheit doch recht leicht gewordenes Programm nämlich mit politischer Glaubwürdigkeit aufladen.

Jan Hofer bei den Privaten – das klingt tatsächlich wie ein Versprechen. Übrigens ebenso wie Linda Zervakis, die von ProSieben aus demselben Grund von Hamburg nach München gelockt wurde. „Wir sind im Angriffsmodus“, gibt Stephan Schmitter, Geschäftsführer von RTL News, unumwunden zu. „Uns fehlte eine große Nachrichtensendung zur Prime Time.“

Jetzt also „RTL Direkt“ zur besten Late-Night-Sendezeit um 22.15 Uhr. Die 20-minütige Sendung mit dem „Tagesschau“-Urgestein soll den „Tagesthemen“ des öffentlich-rechtlichen Dickschiffs ordentlich Konkurrenz machen. Das neue Nachrichtenformat sei „eine Sendung wie keine andere“, hatte Hofer im Vorhinein geschwärmt.

Nun, sie ist zumindest anders als andere.

Erster Gast ist Annalena Baerbock. Hauptthema: Was kostet eigentlich grüne Politik? Praxisnah und hinreichend anschaulich wird die Grünen-Kanzlerkandidatin am Beispiel einer durchschnittlichen deutschen Familie mit deren Mehrbelastungen bei Bio-Nahrung, Sprit oder fair hergestellter Kleidung konfrontiert. Bis auf die Stromrechnung würde alles teurer. Tja. Ähnlich könnte Bild-TV vorgehen, das in diesen Tagen an den Start geht. Baerbock jedenfalls findet einen Weg, das irgendwie ins Positive zu wenden, Hofer keinen, sie wirklich in die Enge zu treiben. Vielleicht ist man kritische Fragen von jemandem, der bislang vorwiegend Nachrichten vorgelesen hat, einfach noch nicht gewohnt.

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Abwechslungsreich ist der Mix aus Welt- und lokalen Nachrichten, die sich um den Auftritt des politischen Gastes ranken. Das lockert die Statik auf, mit der klassische Nachrichtenformate bisweilen langweilen. Ansonsten ist der Erkenntnisgewinn überschaubar. In etwa so wie Hofers Ankündigung: „Als ich bei der Tagesschau die Krawatte abgelegt habe, wusste ich: Für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt." Ein ebenso nachvollziehbares wie unspektakuläres Statement, etwas bemüht aufgeladen allein durch die Tatsache, dass der Mann nun ohne den offiziellen Binder beschreibt, was in der Welt so passiert.

Rätselhaft bleibt zudem, was der langjährige Öffentlich-Rechtliche nach seinem Abgang bei der ARD meinte, als er seiner freudigen Zuversicht Ausdruck gab, dass die neue Redaktion in Berlin „ohne Schere im Kopf" arbeite. Man hat zupackendere Gespräche zwischen Journalisten und Politikern im Bezahlfernsehen in Erinnerung als das, was Jan Hofer am Montag bei seinem Debüt bei den Privaten abgeliefert hat.

Die „Tagesthemen“-Konkurrenz mit einer unterhaltsamen Einlage ausklingen zu lassen, ist ein hübsche Idee. Der Zuschauer solle stets mit einem positiven Gefühl in die Nacht verabschiedet werden, hatte es der Redaktionsleiter von „RTL Direkt“, Lothar Keller, gefühlig formuliert. Dafür sorgte bei der Premiere witzig und wortgewaltig der Duisburger Kabarettist und Moderator Abdelkarim. Das Konzept erinnert ein wenig an den legendären „Tagesthemen“-Moderator Hanns Joachim „Hajo“ Friedrichs, der seine Sendung stets mit einem Augenzwinkern beendete, waren die Nachrichten auch noch so düster. Friedrichs benötigte dafür allerdings nur wenige Sätze.

Es ist nicht einfach, guten Journalismus neu zu erfinden.