Kommentar zu „Let’s Dance“ Warum Deutschland mehr Typen wie Joachim Llambi braucht

Meinung | Düsseldorf · Die Promis fürchten ihn, viele Fans finden ihn ungerecht: Joachim Llambi eckt mit seinen schonungslosen Urteilen in der RTL-Show „Let’s Dance“ gerne mal an. Doch unsere Gesellschaft braucht Typen wie ihn, findet unser Autor.

 Joachim Llambi sitzt seit 2006 in der Jury von „Let’s Dance“.

Joachim Llambi sitzt seit 2006 in der Jury von „Let’s Dance“.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Joachim Llambi (59) nimmt kein Blatt vor den Mund und kreist freitagabends schon mal gerne wie die Axt im Walde. Seit 2006 ist er DAS Gesicht der Jury von „Let’s Dance“. Seitdem hat er in der beliebten RTL-Tanzshow schon so manchen Prominenten „rasiert“, wie man heutzutage gerne sagt. Sein jüngstes Opfer: Ann-Kathrin Bendixen.

Die Influencerin zählt in der aktuellen 17. Staffel der Show zu den zweifellos weniger talentierten Teilnehmerinnen. Und das lässt Llambi sie Woche für Woche mit sachlicher, aber manchmal eben auch harter und schonungsloser Kritik spüren. Nach seinem jüngsten Urteil am vergangenen Freitagabend flossen bei der 24-Jährigen sogar die Tränen.

Seitdem muss sich Llambi nicht zum ersten Mal in seiner Karriere als TV-Juror negative Kommentare im Netz gefallen lassen. Er sei nicht feinfühlig genug, viele seiner Urteile seien zu persönlich. Viele Fans finden ihn einfach nur böse und gemein. Die Prominenten würden sich schließlich alle Mühe geben und er solle sie doch in Ruhe lassen.

Mühe geben sich Promis wie Ann-Kathrin Bendixen zweifellos. Doch bei „Let’s Dance“ geht es im Gegensatz zu anderen fragwürdigen Shows desselben Senders eben nicht nur um Unterhaltung, sondern auch um Leistung. Und Joachim Llambi möchte eben Leistung sehen.

Llambi kommt aus Duisburg. Meine Familie hat ebenfalls Wurzeln im Ruhrgebiet. Wahrscheinlich ist er mir schon deshalb sympathisch. Im Ruhrgebiet ist man ehrlich zueinander, sagt einem ins Gesicht, was man über den anderen denkt – auch wenn es dann mal ungemütlich wird.

Es ist doch so: Wenn etwas gut war, war es gut. Und wenn etwas schlecht war, dann war es eben schlecht. Und in einer Leistungskultur, in der sich nicht nur die Promis von „Let’s Dance“, sondern wir alle uns tagtäglich am Arbeitsplatz befinden, muss es eben auch mal erlaubt sein, Kritik zu äußern. Denn nur so kann man sich und seine Leistung verbessern.

Meine Meinung daher: Deutschland braucht wieder mehr Typen von der Sorte eines Joachim Llambi – und zwar nicht nur im TV.

Mit unserer Wirtschaft stagniert es. Fachkräfte fehlen an allen Ecken und Enden. Dabei haben wir in diesem Land mittlerweile so viele Einser-Abiturienten wie nie zuvor, auch die Hörsäle an den Universitäten sind gerammelt voll. Da fragt man sich zurecht: Was läuft denn da falsch?

Auch ich habe Abitur gemacht. 2008 war das. Und zwar mit einem mageren Durchschnitt von 3,0. Und wissen Sie was? Ich hatte es verdient. Denn ich war zwar nicht doof, aber in jungen Jahren doch ein wenig faul. Meine Lehrer haben mich das spüren lassen. Ich musste um meine Noten kämpfen – und zwar ganz alleine.

Außer für Mathe, wo mein Vater mir immer geholfen hat, musste ich stets selber für meine Klausuren lernen. Und wenn ich mit einer 5 nach Hause kam, dann hatte ich wohl zu wenig gelernt.

Die meisten Probleme, die wir in Deutschland haben, beginnen aus meiner Sicht im Elternhaus. Heute werden viele Jungen und Mädchen schon im Kleinkindalter mit Tablet oder Handy ausgestatt und während Mama oder Papa arbeiten geht vor dem Fernseher geparkt. Bücher werden zu Weihnachten kaum noch geschenkt, auch vorgelesen wird vielen Kindern nicht mehr. In der Schule lernen sie keine klassische Rechtschreibung mehr mit Bleistift und Papier, sondern malen mit dem Tabletstift Hieroglyphen auf den i-Pad-Bildschirm, die so etwas wie Buchstaben sein sollen. Statt Karteikarten oder Post-its helfen heute Google und Chat GPT beim Lernen für die Klassenarbeit.

Das digitale Know-how dieser Generation ist so hoch wie nie zuvor. Das hat sicher viele Vorteile. Doch verfügt sie dadurch über wirklich mehr Wissen als Kinder aus vergangenen Generationen? Kann sein. Aber sie lernen dafür nicht mehr, wie man mit diesem Wissen umgeht.

Es fehlt jungen Leuten heutzutage oft an Selbstständigkeit. Ich musste noch jeden Tag mit dem Bus zur Schule fahren und das war kein Problem. Das Wort „Elterntaxi“ gab es damals noch gar nicht. Viele Eltern sind heute über-vorsichtig, auf der anderen Seite aber auch über-tolerant.

„Mein Kind kriegt alles, was es möchte“, hört man da schon mal gerne. Auch Eltern möchten heute gerne „cool“ sein. „Super Dad“ und „Super Mom“ wollen nicht mehr so streng sein wie ihre eigenen Eltern damals.

Doch eben hier liegt die Gefahr. Denn aus „Mein Kind darf alles“ wird heute auch schon mal schnell „Mein Kind kann alles“. Schlechte Noten werden nicht mehr akzeptiert. Anstatt das Kind zu fragen, ob es nicht vielleicht zu wenig gelernt hat, wird die Schuld heute lieber beim Lehrer gesucht. Und der gibt dann beim nächsten Mal vielleicht lieber die 4 anstatt die 5, um sich abermaligen Ärger mit den renitenten Eltern zu ersparen.

Kritik und schlechte Noten gehören zum Erwachsenwerden dazu. Wenn junge Menschen stets hören, dass sie alles richtig machen und auch alles werden können, was sie möchten, dann kann das nicht gut sein.

Nicht jeder, der studiert hat, kann sofort ein Unternehmen leiten. Das sollte eigentlich klar sein. Doch viele Chefs beklagen zurecht eine gewisse fehlende Selbstwahrnehmung der jungen Leute. Am Arbeitsplatz holt sie dann oft die Realität ein. Das führt zu Krankmeldungen, Arbeitsmüdigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit.

Und hier sind wir dann wieder bei Herrn Llambi.

Flache Hierarchien sind schön und gut. Doch für den erfolgreichen Kurs einer Firma oder auch eines ganzen Landes sind starke Führungspersönlichkeiten und Autoritäten unersetzlich. Wenn die Leistung nicht stimmt, muss es jemanden geben, der darauf aufmerksam macht. Das kann manchmal hart für den Betroffenen sein, aber ohne klare Worte geht es eben nicht. Das müssen wir alle aushalten können.

Kritik muss weiterhin erlaubt sein. Mehr noch: Es sollte weiterhin die Pflicht gewisser Personen sein, sie zu äußern – die Pflicht von Eltern, von Lehrern, von Chefs. Denn starke Persönlichkeiten sind ein Gewinn für jede Gesellschaft. Junge Menschen müssen akzeptieren, auch mal kritisiert zu werden. Natürlich immer sachlich und konstruktiv. Nur so können sie sich auch weiterentwickeln.

Wie sagte Bundesfinanzminister Christian Lindner zuletzt: Deutschland sei zwar nicht der kranke Mann Europas, aber „ein müder Mann“. Und genau deshalb brauchen wir Leute, die das Land wieder aufwecken – politisch wie gesellschaftlich.

Menschen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen und nicht nur um den heißen Brei herumreden. Keine Ja-Sager, sondern Typen – mit Ecken und Kanten. Typen wie Joachim Llambi.

Er kritisiert hart, ehrlich, aber nicht unsachlich. Und dass der eine oder andere seine fast immer ausschließlich fachliche Kritik am Tanzen wegen seiner Ruhrpott-ruppigen Wortwahl manchmal als Kritik an der jeweiligen Person auffasst, ist nicht sein Problem.

Also bitte, lieber Herr Llambi, bleiben Sie so, wie Sie sind!

(dab)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort