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Der „Tatort“ ist mehr Sozialdrama als Krimi – mit einer ungewöhnlich emotionalen Lena Odenthal.

So wird der „Tatort“ aus Ludwigshafen : Was die Seele kaputt macht

Der „Tatort“ ist mehr Sozialdrama als Krimi – mit einer ungewöhnlich emotionalen Lena Odenthal. Was die Zuschauer am Sonntagabend erwartet.

Dieser „Tatort“ kommt zwar aus Ludwigshafen – könnte aber eigentlich in jedem deutschen Brennpunktviertel spielen. Alles ist irgendwie heruntergekommen, farb- und trostlos: die Hochhäuser, die Spielplätze, das Einkaufszentrum. Perspektivlosigkeit an allen Ecken – auch in den Familien von Vanessa (Lena Urzendowsky), Leon (Michelangelo Fortuzzi) und Samir (Mohamed Issa). Sie sind in den Wohntürmen aufgewachsen, Samirs älterer Bruder hat schon mal zweieinhalb Jahre im Jugendknast gesessen, Leons Mutter ist zwar promoviert, aber schwere Alkoholikerin, Vanessas Vater gewalttätig, die Mutter desinteressiert.

Das Trio steht im Mittelpunkt des neuen Falls von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Der Titel „Leonessa“ hat nichts mit der italienischen Übersetzung Löwin zu tun, sondern ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus Leon und Vanessa. Die beiden 15-Jährigen sind ein Paar und werden von der Nachbarschaft so genannt, in höhnischer Anlehnung an das ehemalige Glamour-Paar „Brangelina“ (Brad Pitt und Angelina Jolie) – für Arme. Beide haben einen Schulabschluss, fangen aber nichts damit an, sondern hängen Abend für Abend mit Samir im „Saloon“ herum, der Country-Kneipe im Einkaufszentrum mit Spielautomaten und Terrasse samt Hochhausblick.

Als deren Wirt erschossen wird und Samir die Leiche entdeckt, geraten sie schnell ins Blickfeld der Ermittlerinnen. Die Tatwaffe ist verschwunden, der Erschossene war selbst seinen Stammgästen zufolge ab und an ein ziemlich rabiater Typ, der sich gern eingemischt hat, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zuging in seinem Viertel. Letztlich geht es aber eigentlich gar nicht um den Mord in diesem Film, sondern um das Schicksal der Jugendlichen.

Wie Odenthal und Stern herausfinden, prostituieren sich Leon und Vanessa. Ihre Freier finden sie über das Internet und treffen sie auf dem Dach eines Parkhauses. Vanessa zieht sich dafür lila-glitzernde Heels an, beide spülen sich nach dem Akt mit Wasser den Mund aus. Ihr Geld investieren sie in teure Handys, Jacken – und das künftige große Glück. Auch wenn sie vielleicht gar nicht wissen, was das ist, sammeln sie die Scheine in Kisten zu Hause.

Von ihrem Elend, ihrer Hoffnungslosigkeit erzählt dieser „Tatort“, nie sentimental, aber durchaus eindringlich. Der Fall macht auch Odenthal zu schaffen – selten hat man sie so dünnhäutig gesehen. In einer Szene wirft sie mit einem Apfel nach ihrer Kollegin, am Ende weint die Kommissarin sogar. „Leonessa“ ist kein besonders spannender Krimi, aber trotzdem einer der besseren Odenthal-Fälle.

„Tatort: Leonessa“, Das Erste,
So., 20.15 Uhr