1. Panorama
  2. Fernsehen

Markus Lanz: Stephan Pusch zum Coronavirus - "Überreagieren ist größere Gefahr"

Landrat bei Markus Lanz : „Ich hab schon Fernsehteams mit Mundmaske vor mir stehen gehabt“

Landrat Stephan Pusch hat durch sein Krisenmanagement beim Coronavirus-Ausbruch in Heinsberg national Bekanntheit erlangt. Bei Markus Lanz sprach er über seine Erfahrungen - und was er für die größte Gefahr hält.

„Ruhm und Ehre im ganzen Land“ erwirbt sich derzeit - so Markus Lanz am Abend im ZDF - Landrat Stephan Pusch für sein besonnenes Handeln. Am Vortag stand der Landrat aus dem Kreis Heinsberg vor der Frage, ob er ein ganzes Klinikum schließen sollte, Lanz will von ihm wissen, wie er mit der Situation umgeht und erlebt einen bodenständigen Entscheider, der sich nicht aus dem Konzept bringen lässt - Auch nicht als Lanz zugibt, er habe kurz überlegt, ob er dem Mann aus dem “Zentrum der Krise” zur Begrüßung die Hand geben solle.

“Ich hab schon Fernsehteams mit Mundmaske vor mir stehen gehabt, das ist schon ein bisschen bizarr”, sagt Pusch mit einem Schmunzeln, und Lanz räumt ein: “Wir neigen zur Hysterie, wir vom Fernsehen.“ Der Landrat beweist das genaue Gegenteil und gibt auf ruhige Art gelassene Antworten: Man müsse die Sache ernst nehmen, was im Kreis Heinsberg ja auch geschehe. “Auf der anderen Seite muss man nicht in irrationale Dinge abgleiten”, so Pusch. “Ich habe den Eindruck: Die Angst ist da am größten, wo die echte Betroffenheit am geringsten ist. Weil das Unbekannte viel schlimmer ist, als das was man kennt”, vermutet der Heinsberger, der auch frische Zahlen mitgebracht hat. Kurz vor der Sendung habe es 150 bestätigte Fälle in seinem Landkreis gegeben. Das sei aber nun kein Anstieg in Echtzeit sondern hänge auch damit zusammen, in welcher Geschwindigkeit die Labore mit den Tests vorankämen.

Pusch beschreibt, wie er sich von Anfang an bemüht habe, im Landkreis Vertrauen aufzubauen: Seine Mitarbeiter hätten Hotlines eingerichtet und Tausende von Telefonanrufen beantwortet. Dann erklärt Pusch dem Publikum, weshalb er sich entschloss, auch soziale Medien stärker einzusetzen - obgleich er “zuvor noch nie ein Facebookfilmchen gedreht” habe. “Ich war nie ein Fan von Facebook, weil da auch viele Dinge laufen, die wir nicht haben wollen”, gesteht der Landrat. Aber wenn man “dieses Medium vernünftig nutzt, um einen transparenten Kontakt” zu Bürgern aufzubauen, dann mache das durchaus Sinn.

Inzwischen habe er gemerkt, dass er die Leute wirklich damit erreiche. So sei zum Beispiel auch unter dem Hashtag #hsbestrong ein positives Solidaritätsgefühl unter den Einwohnern in der Region aufgebaut worden. Außerdem erinnert Stephan Pusch daran, dass er ja nicht alleine all die Entscheidungen treffe, die derzeit notwendig seien - nicht zuletzt in der wichtigen Frage, ob etwa Krankenhäuser oder Praxen geschlossen werden müssten, weil Personal zwangsweise unter Quarantäne gesetzt werde.

“Da bin ich im direkten Austausch mit Chefärzten von drei Krankenhäusern”, berichtet Pusch. Die hätten ihm “unisono gesagt”, die konkrete Gefahr, dass etwa Kindern auf Frühchenstationen oder Schwerkranken in Kliniken Schaden an Leib und Leben geschehe, sei deutlich höher, wenn sie nicht mehr medizinisch versorgt würden, als die abstrakte Gefahr, sich am Coronavirus anzustecken. Im Land gelte natürlich, was das Robert-Koch-Institut anordne, aber er müsse pragmatisch sein und in seinem Bezirk entscheiden. “Wenn mir ein Kinderarzt sagt: ‚Herr Pusch wenn sie meine Praxis zumachen, dann sterben meine Kinder an echten Krankheiten’, dann ist das eine ganz klare Aussage von einem Mediziner, dem ich mein Leben anvertrauen würde, dem glaube ich dann auch”, sagt Pusch. Der Arzt könne das im Zweifelsfall besser einschätzen als ein Politiker.

Ein wenig seltsam sei es schon, derzeit in der Stadt unterwegs zu sein, in der so viel geschlossen sei, darunter die Kreisverwaltung. Da habe er am Flughafen Düsseldorf auf dem Weg zur Sendung schon kurz ein Gefühl der Freiheit gehabt. “Man muss sich so peu à peu in den Alltag und die Normalität zurückkämpfen”, sagt Pusch und warnt: “Die irrationalen Ängste und das Überreagieren, das sehe ich tatsächlich als größere Gefahr an auf Dauer.” Dazu gehörten für ihn auch “Hamsterkäufe, das Abschotten und das irrationale Verhalten“, das durch Angst erzeugt werde. Das sei letztlich riskanter als “fachlich und sachlich mit der Sache umzugehen.“

Applaus erntet Pusch in der Sendung nicht nur vom Publikum, sondern auch von Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann. “Wenn man jetzt gespürt hat, wie klar so ein Landrat spricht und handelt“, so der Grüne, „dann muss man doch sagen: ist doch wunderbar in welchem wohl geordneten Gemeinwesen wir leben”.