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Schülerinnen aus Wegberg berichten: Ferien ohne Freiheit

Schülerinnen aus Wegberg berichten : Ferien ohne Freiheit

Vier Schülerinnen des Maximilian-Kolbe-Gymnasiums Wegberg im Alter von 16 und 17 Jahren (11. Jahrgangsstufe) berichten, wie sie die unterrichtsfreie Zeit während der Corona-Krise erleben. Ihre Schule ist – wie alle Schulen im Kreis Heinsberg – bereits seit dem Karnevalswochenende Ende Februar geschlossen.

Die so genannten „Corona-Ferien“ im Zuge der Corona-Pandemie dauern im Kreis Heinsberg schon länger als im übrigen Deutschland. Seit Aschermittwoch sind alle Schulen im Kreis Heinsberg geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Für Schüler ist das eine außergewöhnliche Situation. Sophie Kuchenbecker, Katrin Alef, Elisabeth Brenner und Nina Münch besuchen die Jahrgangsstufe Q1 (11. Klasse) und berichten aus ihrer eigenen Perspektive, wie sie die „Corona-Ferien“ erleben.

Sophie Kuchenbecker: „Wir Schüler nennen diese Zeit ,Corona-Ferien’, doch eigentlich ist dieser Begriff irreführend. Denn für mich sind Ferien der Inbegriff von der großen Freiheit, in der ich tun und lassen kann, was ich will, meine Freunde oft sehe und zu verschiedenen Orten reisen kann. Gerade ist das anders. Das einzige, das an dieser Zeit Ferien ähnelt, ist der Fakt, dass wir keine Schule haben.

Es kommt mir eine Ewigkeit vor, das letzte Mal in der Schule gewesen zu sein. Jetzt, wo man nicht mehr einen Großteil seiner Zeit dort verbringt, keine Klausuren schreibt, keine Freunde mehr sieht und alle Aktivitäten und Veranstaltungen wie Nachhilfe geben, Fahrschule, Konzerte, Kino, Shoppen abgesagt und nicht mehr möglich sind, muss man zwangsweise lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Man kann nun nämlich endlich mal all die Dinge tun, die man schon länger erledigen wollte, aber zu denen man nie gekommen ist. Für mich war das zum Beispiel, meine Schränke und Regale auszusortieren. Im hektischen Alltag fällt so etwas weiter nach unten auf der Prioritätenliste, jetzt ist aber der perfekte Zeitpunkt, so etwas abzuhaken.

Außerdem habe ich die Zeit genutzt, neue Rezepte auszuprobieren, endlich die Bücher zu lesen, die sich neben meinem Bett gestapelt haben, Schulaufgaben zu machen, noch mehr Podcasts und Musik als sonst zu hören, mein E-Mail-Postfach auszusortieren und viel laufen und spazieren zu gehen. Momentan macht es mir aber kein schlechtes Gewissen, einfach mal Zeit zu verschwenden. Auch ein komisches Gefühl, oder?

Ich habe auch Zeit mit meiner Familie verbracht: Wir haben Spiele gespielt, ich habe mit meiner Schwester Serienabende bei uns im Dachboden veranstaltet und bin mit meiner Mutter und meiner Schwester manchmal wandern gegangen, denn es gibt sehr schöne Wege in der Nähe. Aber auch im friedlichen Wald vergisst man das Virus nicht: Meine Mutter musste auch hier per WhatsApp, E-Mail und telefonisch auf Anfragen reagieren, denn es gibt so viele Fragen: Was passiert mit dem Unterricht? Wann geht es wieder los? Was ist mit dem Abi? Und den Theateraufführungen? All den Fahrten? Den Klausuren? Den Anmeldungen? Und, und, und.

Diese Pandemie hält unsere Welt in Atem und wenn ich ehrlich bin, macht sie mich manchmal etwas wahnsinnig. Ich finde es manchmal schwierig, zuhause zu bleiben und nicht meinen gewohnten Alltag leben zu können. Aber man kann ja auf niemanden wütend sein.

Aber ich muss zugeben, dass ich glücklich sein kann mit meiner Situation. Viel verheerender ist das Virus für all die, die krank sind oder kranke Angehörige haben, in Krankenhäusern arbeiten oder sich um ihre Existenz Sorgen machen müssen, weil ihr Betrieb geschlossen werden musste.

Wir werden wohl noch Generationen nach uns von dieser Zeit erzählen und ich kann mir schon vorstellen, wie irgendwann meine Enkel die Augen verdrehen und sagen werden: Oma, jetzt fang doch nicht wieder mit Corona an.“

... Katrin Alef ... Foto: MKG Wegberg

Katrin Alef: „Eine Pandemie, die die ganze Welt still legt. Damit hatte wohl niemand von uns gerechnet, ich auch nicht. Klar war das Coronavirus bekannt, schließlich waren in Asien bereits einige Länder betroffen, aber das es so schnell auch nach Deutschland und dann auch noch ausgerechnet in den Kreis Heinsberg kommen würde, war echt eine Überraschung. Vieles war auf einmal ungewiss, zuerst hieß es, vielleicht geht die Schule nächste Woche weiter, doch mit jeder weiteren Woche, in der einem Hoffnung gemacht wurde, wurde die Hoffnung auch irgendwie kleiner. Irgendwann hatte man sich darauf eingestellt, dass bis zu den Osterferien keine Schule mehr sein wird. Doch dann kamen viele Fragen auf: Werden wir die Klausuren irgendwann nachholen? Wird vielleicht das Halbjahr wiederholt? Wie sollen wir unsere Themen, die für das Abitur relevant sind, jetzt alle bearbeiten? All diese Fragen kann natürlich niemand zur Zeit beantworten und genau das ist eigentlich so schwierig zu verstehen.

In dieser Ungewissheit bearbeitet man jeden Tag Aufgaben, die die Lehrer schicken, und hofft, dass es irgendwann eine Antwort gibt.

Außerdem ist es schwierig, dass es ein Kontaktverbot gibt für mehr als zwei Menschen, die nicht aus einem Haushalt stammen. Denn wenn man dauerhaft mit der Familie zusammen zu Hause hockt, dann kommt es doch schon mal zu Reibereien. Manchmal wünscht man sich dann einfach, der Situation entfliehen zu können und sich mit seinen Freunden auszutauschen, doch diese Möglichkeit bleibt nur über das Internet.“

... Elisabeth Brenner ... Foto: MKG Wegberg

Elisabeth Brenner: „Hand aufs Herz, jeder Schüler hat schon mal, ob mitten in einer stressigen Klausurphase oder während einer dahinkriechenden Unterrichtsstunde, davon geträumt, dass die Schule für längere Zeit ausfällt. Man sagt vermutlich nicht umsonst, dass Träume wahr werden, denn hier ist er, der Traum aller gestressten Schüler: Achteinhalb Wochen kein Schulunterricht dank des Corona-Virus, vielleicht sogar mehr. Aber ist es wirklich ein Traum oder doch eher ein Albtraum?

Ich persönlich habe in den letzten Wochen so ziemlich jede Emotion durchgemacht, die es gibt. Von der überraschten Freude am Abend des 25. Februar, als ich erfuhr, dass die Schule auch nach den Karnevalstagen geschlossen bleibt, über die erste Hoffnung auf Verlängerung der Schulschließung bis zum ersten großen „Corona-Tief“, etwa drei Wochen nach besagtem Dienstag, als ich mich allmählich nach menschlichen Kontakten außerhalb meiner Familie zu sehnen begann und mir klar wurde, dass dieser Zustand noch lange anhalten wird.

Der Verzicht auf den Unterricht ist kein Problem, da unsere Lehrer uns gute Materialien bereitstellen, um den Stoff zu vertiefen, und wenn Fragen auftauchen sollten, beantworten sie diese in E-Mails. Auch der Kontakt mit Freunden und der weiteren Familie lässt sich über Skype, WhatsApp und Co weiterhin aufrechterhalten.

Problematisch bleiben aber nach wie vor die vielen Fragen, die mich als Schülerin der Oberstufe sehr beschäftigen: Wie viele Klausuren werde ich schreiben müssen? Wann kann ich meine Freunde wieder umarmen? Das bleibt ungewiss. Auch die Tatsache, dass viele Aktivitäten, Urlaube und Ausflüge, auf die ich mich sehr gefreut hatte, nun abgesagt wurden, ist frustrierend. Und ich bin ja nicht die Einzige, vielen auf der ganzen Welt geht es so.

Für manche Freizeitbeschäftigungen gibt es Alternativen, Feste lassen sich verschieben. Manches lässt sich nicht mehr nachholen. Vielleicht wird ein geliebter Mensch seine letzten Tage alleine im Heim verbringen, weil seine Verwandten ihn nicht besuchen können.

Wir werden auch lernen müssen damit zu leben und abzuwarten, was die nächsten Wochen bringen werden. Fakt ist, dass die ganze Welt im selben Boot sitzt, kaum ein Land wird von dem neuartigen Virus verschont. Und das sehe ich als eine der positiven Seiten, die das Virus an sich hat. Auch wenn wir es nach wie vor ernst nehmen und nicht unterschätzen sollten, wie viel Leid dieses Virus noch bringen wird und schon gebracht hat, so möchte ich jeden einzelnen ermutigen, den Blick für das Positive nicht zu verlieren und sich von all den niederdrückenden Schlagzeilen nicht deprimieren zu lassen: Gerade durch die Erkenntnis, dass das Virus jeden betrifft, entsteht nämlich ein nie dagewesener Gemeinschaftsgeist. Plötzlich gibt es Nachbarn, die aneinander denken und Einkäufe für Betroffene der Risikogruppe erledigen, und Menschen, die Balkonkonzerte gegen die Einsamkeit abhalten oder gemeinsam für Ärzte, Pfleger, Apotheker, LKW-Fahrer oder Kassierer, die jeden Tag gegen die Strömung rudern, applaudieren.

Und auch klimatechnisch tut sich etwas. Das lässt mich Hoffnung schöpfen, Hoffnung, dass das Virus unsere Gesellschaft nicht zerstören kann, Hoffnung, dass es für jede Krise auch eine passende Lösung gibt, und Hoffnung, dass die Welt sich weiterdrehen wird.

Wenn wir zusammenhalten, unsere Ängste und Fragen mit dem hoffnungsvollen Blick auf die blühende Natur um uns herum über Bord werfen und unseren Egoismus überwinden, damit der Nächste auch noch etwas im Regal findet, dann glaube ich, dass diese Krise uns, ob individuell, als Schulgemeinschaft, als Nachbarschaft oder als Nation, stärker machen kann.“

und Nina Münch aus der elften Jahrgangsstufe des Maximilian-Kolbe-Gymnasiums Wegberg. Foto: MKG Wegberg

Nina Münch: „,Corona-Ferien’ – ein Begriff, der häufig für die Situation der Schüler genutzt wird. Doch sind es wirklich Ferien? Es ist momentan für mich irgendetwas zwischen Ferien und Schule. Es ist keinesfalls so, dass wir Schüler den ganzen Tag zu Hause sitzen und frei haben. Wir haben von unseren jeweiligen Fachlehrern oder Klassenlehrern einige Aufgaben bekommen, die wir zu Hause bearbeiten sollen. Dazu zählt bei mir das Lesen einer Lektüre, das Zusammenfassen von einigen Texten und das Bearbeiten von verschieden Aufgaben. Ich habe schon mehr (Frei-)Zeit als im normalen Schulalltag, und die Aufgaben der Lehrer sollen nicht den ausgefallenen Unterricht ersetzen, sondern Themen vertiefen.

Es sind auch einige Probleme im Zusammenhang mit der Aufgabenverteilung aufgetreten. Zum einen wussten wir nicht, wann wir unsere Klausuren schreiben werden. Die Schulen im Kreis Heinsberg wurden anfangs immer nur für eine weitere Woche geschlossen, sodass die Klausuren direkt nach der Schulschließung hätten stattfinden sollen. Zum anderen hat jeder Lehrer die Aufgaben anders verteilt. Manche haben die Aufgaben in die Kurs-WhatsApp-Gruppe gestellt, manche in das Online-Kurssystem und wieder andere verschickten ihre Aufgaben per E-Mail an den ganzen Kurs oder lediglich an die Einzelpersonen. Da konnte man schon mal den Überblick über all die E-Mails und Aufgaben verlieren. Insgesamt ist es ein vollkommen anderes Lernen, da der normale Schulalltag fehlt und man nur noch alleine die Aufgaben erledigt.

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass es ein einheitliches Vorgehen gibt. Dafür würde sich das bereits vorhandene Online-Kurssystem eignen.

Die zusätzliche „Freizeit“ konnte ich nutzen, um liegengebliebene Sachen zu erledigen wie beispielsweise Fotoalben zu gestalten und um neue Sachen auszuprobieren. Wir sind fast die ganze Zeit zu Hause und versuchen wenigstens über das Telefon mit Freunden Kontakt zu haben.

Langsam hat sich ein neuer Alltag eingependelt, aber ich habe gemerkt, dass mir irgendwann die Motivation gefehlt hat, da man keine Termine, keinen Stress oder Abgabefristen hat. So war es dann auch egal, wann man die Hausaufgaben erledigt und was man an einem Tag alles schafft, da man es ja auch am nächsten oder übernächsten Tag machen kann. Mit einem gewissen Maß an Druck kann ich besser arbeiten, aber den Druck der Klausurphase vermisse ich nicht.

Die aktuelle Situation ist für alle merkwürdig und keiner weiß so richtig, wie man damit umgehen soll. Wir alle haben Angst, dass Bekannte, die Familie und vor allem die Großeltern an dem Virus erkranken. Gedanken machen sich breit darüber, wann das alles vorbei ist und was noch alles passieren wird. Durch die aktuelle Situation wird deutlich, welche Berufe für unser aller Leben am wichtigsten sind und wie gut es uns geht.

Bleiben Sie alle gesund!“

(RP)